Herzgesteuert 01.07.2012, 22:08 Uhr 5 11

Realität

Und zwischen Whiskey und kaltem Zigarettenrauch ist man dann plötzlich verliebt...

Es scheint, als sei dein Leben ein Film. Du hetzt von Szene zu Szene und verstehst die Handlung nicht. Viel zu schwer, viel zu kompliziert! Immer wenn du versuchst zu sprechen, fehlen dir die Worte. Und würdest du sie finden, weißt du doch, dass das Gesagte sowieso nicht verstanden würde. Denn die Untertitel fehlen. Und trotzdem gibst du nicht auf. Fängst immer wieder an, als wüsstest du es nicht besser. Weil du an Magie, Sternenstaub, Herzrasen und die eine große Liebe glaubst. Doch scheint es, als sei dies ein Film, der unweigerlich wieder und wieder in Szene Eins beginnt.

Und in Szene Eins, ja, da bist du noch geschwebt. Ganz am Anfang hast du noch gelebt. Doch durch die rosarote Brille siehst du nur Luftschlösser. Keinen Funken Wahrheit. Eine gute Kameraführung zeigt nie das ganze Bild. Szene für Szene reiht sich Klischee für Klischee und wird zur Utopie. Zusammen reden, zusammen schweigen, zusammen sein, zusammen träumen, zusammen betrinken, zusammen ertrinken…im Glück?

Gefangen in einer Perfektion, die doch schon so surreal wirkt, dass man sie gar nicht ernst nehmen dürfte. Geteilte Einsamkeit ist halbe Freiheit. Doch man ist geblendet. Im Mondlicht erscheint alles so einfach. Lange Gespräche unter flimmernden Straßenlaternen. Verlorene Lichter in der Nacht. Die letzte Zigarette. Gedankennähe. Tanzen bis es draußen hell wird und den Tag verschlafen. Die Aspirin bereit stellen, denn der Kater kommt bestimmt. Gefangen auf fremden Planeten, in alten Welten, in einem Paralleluniversum – dem höchsten der Gefühle.

Und zwischen Whiskey und kaltem Zigarettenrauch ist man dann plötzlich verliebt. Seelen berühren, Bande knüpfen, Leben verstehen, Versprechen geben, Bilder in die Luft malen. Zukunft in schillernden Farben. Dabei hast du dir die Stifte doch selber nur geborgt. Auf einmal ernährt man sich nur noch von Nikotin und Momentaufnahmen, weil man ja so wunderbar von Luft und Liebe leben kann. Den fahlen Geschmack schiebst du beiseite. Du denkst keine Sekunde ans Verhungern. Man steigert sich rein, man steigert sich immer weiter hinein in diese Illusion von Perfektion, lässt sich einfach treiben im Nichts, vollkommen im Wahn, in der Zwischenwelt und glaubt tatsächlich, dass das jetzt das Glück ist. Permanent muss man glücklich sein und scheint doch selber am Wenigsten die Verantwortung dafür tragen zu wollen. Vielmehr erwartet man, dass es von allein passiert, aber Liebe und Glück sind nun mal keine Drogen, die man einfach schlucken, rauchen, schnupfen kann. Und doch will man immer mehr und mehr davon.

Die Handlung steigert sich. Alles wird schneller – leben, lieben, streiten, hassen, sich verlassen, versöhnen, alte Versprechen brechen, neue geben, Leidenschaft vermissen, am Alltag zerbrechen und irgendwie sich selbst verlieren. Der Alltag dreht sich unaufhörlich wie eine alte Platte und ständig diese Angst, sie könnte hängen bleiben. Und dann werden aus deinen schillernden Farben plötzlich Wasserfarben, bis sie ganz ineinander verschwimmen, keine Struktur mehr haben. Das Gerüst einer Beziehung ist doch immer schwach – wie ein Kartenhaus. Man wagt es kaum zu atmen, denn die kleinste Erschütterung kann immer die Endzeit auslösen. Und du legst deine Karten doch auch mit zittrigen Fingern. Aus dem permanenten Glücklich sein wird ein dauerhaftes Schwanken, ein ständiges hin und her, ohne wirkliche Chancen verstanden zu werden.

Die Zeit radiert die Farben aus dir heraus und alles wird grau und schwer, alles schleppt sich dahin, langsam und träge. Du machst die Nacht zum Tag. Dein Leben ist Nikotin, Koffein und Ethanol. Doch man ist ja trotzdem immer noch Optimist und findet zunächst einmal alles wahnsinnig aufregend, lebendig und pulsierend! Die verwaschenen Farben, die verworrenen Gespräche, den Schmerz und die Augenringe. Du bist doch nur dann wer, wenn du abgefucked bist! Du bist doch nur dann normal, wenn Liebe abgefucked ist! Einfach kann doch jeder. Und das ist es doch wert. Oder? Du merkst es nicht, doch du rennst im Kreis und wirst langsam farbenblind. Du merkst nicht, dass sich alles gegen dich gewendet hat, der Zenit längst erreicht ist. Ab jetzt geht es nur noch nach unten.

Und dann fängst du an, dir selber Lügen als Wahrheit zu verkaufen. Dein Grau schönzufärben. Du kannst keinen Satz mehr formulieren, ohne dich selbst zu belügen. Zu verwirren. Weißt nicht, wonach du hier eigentlich noch suchst. Am liebsten würdest du einfach abwarten, bis es sich irgendwann von selbst erledigt, aber Liebe ist nun mal nicht biologisch abbaubar.

So hangelst dich also durch den Film. Szene, für Szene, für Szene. Du bist erschöpft, weil ihr schon wieder kurz vor dem Abspann steht, weil es bei dir anscheinend niemals einfach nur ein „und wenn sie nicht gestorben sind…“ geben wird. Es ist immer Massaker oder Selbstaufgabe des Helden. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Denn dieser Film ist vorbei. Die Leinwand ist einfach nur schwarz, das Drama endlich zu Ende, fünf Akte geschafft, Es laufen noch die Danksagungen durch. Der Soundtrack war gut aber die Story einfach beschissen. Und das ist leider kein Filmfehler, sondern die Realität.

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5 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Der Soundtrack war gut aber
    die Story einfach beschissen. Und das ist leider kein Filmfehler, sondern die
    Realität.

    Weiß man halt leider immer erst hinterher, das mit der beschissenen Story...
    Aber ein guter Soundtrack ist schon extrem aufwertend. ;)
    Ach.
    (Ja sorry es ist spät, das ist das erste Lied was mir zu dem Thema eingefallen ist. Alles wichtige kommt ab 3:30. ^^)

    27.09.2012, 00:24 von Jungle_Julia
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  • 0

    so so naja
    whiskey oder was?
    kerle, mach erstmal dein praktikum fertig und schreib danach über filmrisse.

    03.07.2012, 11:57 von Surecamp
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  • 0

    einfach nur wahnsinn - ich bin beeindruckt :)

    02.07.2012, 17:20 von whatever-sab
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  • 1

    Schon nachvollziehbar und schön geshrieben, aber ein bisschen zu viele Allgemeinplätze und zu fatalistisch, um mich anzusprechen

    02.07.2012, 07:45 von EliasRafael
    • 0

      Kann ich verstehen. War aber gewollt - es ist aus der Sicht einer Person, die Liebe vollkommen überstilisiert hat! Vielleicht, weil sie sie selber nie erlebt hat. Sie sucht nach etwas, was so gar nicht existiert. Und wird daher niemals finden, wonach sie sucht.

      02.07.2012, 19:54 von Herzgesteuert
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