sulian 30.11.-0001, 00:00 Uhr 32 7

Reale Virtualität

Es ist Samstag, 00.30. Ich lasse die Tür meiner Wohnung ins Schloss fallen

Es ist still in meiner Wohnung, sogar die Bar, auf die sonst immer Verlass ist, hat sich für einen geräuschlosen Abend entschieden. Im Dunklen gehe ich zu meinem PC, schalte ihn ein und meine derzeit meistbesuchte Homepage "Bildkontakte" öffnet sich.

Sie haben Post... fünf ungelesene Briefchen blinken in meinem Account. Ich stehe vom Schreibtisch auf, zünde mir eine Zigarette an und starre aus dem Fenster. Ich fühle mich, als ob ich von einer langen Reise nach Hause zurückgekehrt bin. Vor einigen Minuten ist mein zweites Date mit einem Mann von „Bildkontakte“ zu Ende gegangen.

Wir sitzen beim Chinesen. Schon das Ambiente des Ladens beschreibt eine surrealistische Szene. 80er Jahre Einrichtung kombiniert mit einem Musikmix aus Frank Sinatra und "Radio Arabella"-Schnulzen. Ich starre die Ananas mit dem "Dole"-Etikett an, die ihren Platz neben der winkenden Glückskatze und europäischem Kitsch an der Bar gefunden hat, während ich vergeblich den Geschmack von Zitronengras in meinem gebratenen Huhn zu finden suche.

Da sitzen wir nun, haben uns nichts zu sagen. Ich versuche vergeblich, die Situation durch kleine Anekdoten meines Lebens zu retten, was diese aber nur verschlimmert. Er weicht meinen Blicken aus und obwohl er mir gegenüber sitzt, ist er weit weg. Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll. Irgendwann versuche ich, diese Beerdigungsstimmung zu unterbrechen und frage ihn: “Was ist los?“ Er sitzt da, zuckt mit den Schultern, schaut mich nicht an: “Wieso?“ Mein Blick wandert zu der Ananas am Tresen. Irgendwo haben wir uns verloren…

„Ich mag dich“ flüstert er mir durch das Telefon. „ich wünschte, du würdest jetzt neben mir liegen“ Ich bin perplex, weiß nicht, was ich darauf sagen soll. Es ist nun mittlerweile fünf Uhr früh und eigentlich wollen wir uns in neun Stunden zu unserem zweiten Date treffen. Die ganze Nacht ging eine Wirrwarr von SMS und Missverständnissen hin und her. Und nun solche Aussagen, die ich nach diesem ersten Date nicht greifen kann.

Ich hatte mich seit dem ersten Date entschlossen, wegen seines Verhaltens fünf Schritte zurück zu treten. Und jetzt? Er überholt mich im fünften Gang mit seinem Ferrari mit 160 km/h, während ich in meinem Käfer gemütlich auf der mittleren Spur fahre. Ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll. Wir reden bis sieben Uhr früh, dann springe ich unter die Dusche und ab in die Arbeit.

Gleich werden wir uns zum ersten Mal sehen. Ich bin nervös! Wie wird er sein? So wie ich es mir vorstelle oder ganz anders? Ich rutsche auf meinem Barhocker hin und her, zünde mir eine Zigarette an und nehme einen Schluck von meinem Cocktail. Ich freu mich, ihn endlich zu sehen. Vier Wochen haben wir uns nur über den PC unterhalten. Die letzte Woche haben wir jeden Tag telefoniert. Die Stimme, die Schrift und das Foto werden in wenigen Augenblicken Gestik und Leben bekommen. Er betritt die Bar, kommt auf mich zu. Wir begrüßen uns und verstehen uns auf Anhieb sehr gut.

Wir reden, kommen auf die Gründe der Partnersuche zu sprechen. „ Ich mache es nur, weil mir langweilig ist, ich suche nicht, interessiere mich nur für dich, nur so…aus Langeweile“. Ich verstehe ihn nicht, nehme mich zurück, fühle mich wie ein wissenschaftliches Projekt.

Ich blicke auf die kleinen Schneeflocken, die die Autos vor meinem Fenster überzuckern. Irgendwo zwischen Virtualität und Realität haben wir uns verloren, haben zu viel erwartet und wurden enttäuscht. Wir werden uns nicht mehr treffen. Ich drücke meine Zigarette aus, gehe zu meinen Schreibtisch. Ich öffne meinen Posteingang. Eine der Mails ist von „super geil 2005“. "Hey, darf ich vorbeikommen und dich ficken"...diese Mail bekomme ich jede Woche drei Mal. Auf ihn ist Verlass. Ich drücke den Button „Löschen“.

„Eisbär 25“ hat mir ein virtuelles Blümchen geschickt und wünscht mir viel Spaß bei meinem Date. Ab in die nächste Runde in der virtuellen Welt der Partnersuche.

7

Diesen Text mochten auch

32 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Wie du den Blues in dieser Geschichte spielst, ist mir unbegreiflich. Ich mag es, wenn es so klingt als sei alles aussichtslos und alle Müh´eh vergebens.

    Mein Kompliment.

    30.08.2007, 21:12 von BernhardOem
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Ja so schön die neue Zeit auch ist mit der Tedchnik und so aber was dabei auf der strecke bleibt ist die Menschlichkeit.

    09.02.2007, 22:19 von ocb_slim
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ...mir fehlen die worte,...aber mut ist eins was mir dazu in den sinn kommt. sulian, hut ab.

    01.02.2007, 23:05 von bitpon
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Hast Du gewusst, dass man einhundert Menschen kennenlernen muss, um ein bis drei relevante Partner kennenzulernen?

    01.02.2007, 18:55 von SirMCPedta
    • Kommentar schreiben
  • 0

    hahaha super geil 2005. schieß mir n arm ab, dann doch lieber wissenschaftliches projekt...

    01.02.2007, 16:38 von b-button
    • Kommentar schreiben
  • 0

    find ich sowas. Ich hab micha uch mal bei sowas angemeldet, aus langeweile und neugier, das Resultat: Meine erwartungen wurden erfüllt- die meisten sind plump, zum ausrasten dumm oder eingebildet.
    Die ein oder andere Nadel im heuhaufen war auch da, aber getroffen hab ich mich nie, weil uuua..ich finds grrrrruselig!

    01.02.2007, 13:05 von yavrus
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich bin immer wieder erstaunt, wie echt all die Artikel hier sind. Ich mag sie, auch deinen. Was mich wundert, ist
    dass du antwortest, Dating aus Langeweile zu betreiben.
    Wirklich? Suchst du nicht irgendetwas, dass du hoffst
    dort zu finden? Mich würde interessieren, was es ist.
    Grüße, Sebastian

    01.02.2007, 04:58 von jetzt-und-hier
    • 0

      @jetzt-und-hier das mit der Langeweile hatte er gemeint, deswegen hab ich mich ja wie ein wissentschaftliches Projekt gefühlt...

      01.02.2007, 16:16 von sulian
    • 0

      @sulian ah okay, das hab ich falsch gelesen.

      04.02.2007, 20:33 von jetzt-und-hier
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Es ist eins der am besten untersuchten Gebiete der sozialpsychologischen Onlineforschung. Eigentlich wissen ja Alle wie grandios das meistens scheitert...Da wird man doch glatt ein echter Filter- oder Kanalreduktionstheorieliebhaber... *schwärm*

    01.02.2007, 00:32 von bluros
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3 4

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare