Bender018 16.08.2012, 14:35 Uhr 48 61

Rage

Große Mädchen weinen nicht (lang)

1 neue Abo-Benachrichtigung. „Breitmaulküssfrosch_85 hat ,Ich liebe dich‘ veröffentlicht.“ Carolin freute sich, schließlich glaubte sie zu wissen, was nun kommen würde. Klick. Die Seite wurde geladen.


Ich liebe dich

-über das Beste in meinem Leben-

Wir kennen uns schon seit Jahren. Haben uns hier zum ersten Mal getroffen. Anfangs zögerlich beschnuppert, weil wir gebrannte Kinder sind. Du bist etwas Besonderes, das merkte ich schnell. Unser erstes Treffen in der realen Welt war so schön. Du hast mit mir im Regen getanzt, wir haben gemeinsam gekocht und uns eng unter der Decke zusammengekuschelt, während wir einen Gruselfilm angeschaut haben. Ich wollte nicht, dass du mich je wieder verlässt, aber ich hatte ein Geheimnis, vor dem ich dich bewahren musste. Du hast zum Glück nie gefragt, warum ich dir nie meine Festnetznummer gegeben habe, wieso ich manchmal kurz angebunden war, wenn du mich anriefst, weshalb ich ständig bei dir war und kaum bei mir. Aber das habe ich geklärt. Jetzt bin ich bereit für Neues.

Ich bin außer mir vor Liebe. Du hast mein wahres Ich hervorgeholt, das niemand zuvor interessiert hat. „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, hast du mir auf die erste Seite eines leeren Buches geschrieben. Darin schreiben wir uns Briefe, für die Zeit, in der wir nicht bei einander sein können. Durch dich ist mein graues Leben bunt geworden. Wenn du das liest, bin ich bereits auf dem Weg zu dir, um dir endlich zu sagen:

Ich liebe dich, Miriam!“

 

Carolin starrte auf den Bildschirm. Ihr Blick wollte sich davon lösen, doch sie konnte es nicht. Durch ihren Kopf raste ein Tornado. Sie saß eine Stunde in der gleichen Haltung am PC, bis der Schwindel, die Ohnmacht, die Fassungslosigkeit nachließ. Unbemerkt hatten sich schwallartig Tränen aus ihren Augen gelöst und waren an ihrem Gesicht hinabgetropft, bis ihr Pullover halb durchnässt war. Als ihr das auffiel, wischte sie sich die Feuchtigkeit aus dem Gesicht, schniefte in ihren Ärmel und erfüllte den Raum mit einem lauten und bestimmten „Scheiße“.

Der Film aus Erinnerungen der letzten Monate spulte in ihrem Kopf gerade zurück und fing erneut an zu laufen. Nur aus einer anderen Perspektive. Die unzähligen Male, in denen Michaels Handy geklingelt hatte, weil „ein Arbeitskollege“ seinen Rat brauchte. Die häufigen geplatzten Dates am Wochenende, weil er nun doch wieder „Überstunden“ machen musste. Die vielen „Termine“, die er unter der Woche wahrnehmen musste, weil jemand anderes nicht konnte.  Gebetsmühlenartige Entschuldigungen gepaart mit Blumensträußen, Pralinenschachteln, Wellnessgutscheinen, die monatelang auf sie einprasselten. „Das ist nur eine Phase, mein Liebling“, hatte Michael gesagt. „Wenn ich die Karriereleiter aufsteigen möchte, müssen wir da jetzt durch, mein Schatz“, hatte Michael gesagt. Und sie hatte es geglaubt.

Langsam verzog sich der Tornado. Lediglich ein laues Lüftchen wehte durch ihre Gedanken. Das Ausmaß der Katastrophe war jedoch überdeutlich. Carolin schloss die Augen und versuchte mehrmals hintereinander tief ein- und auszuatmen. Es gelang ihr nicht. Sie hielt den Atem an und horchte in sich hinein. Es brodelte, heiß, schwer und unsagbar intensiv. Anfangs nur in ihrem Magen, dann breitete sich dieses Gefühl aus, nahm ihren ganzen Körper ein.

Sie sprang auf, lief ins Schlafzimmer und setzte sich, mit einer Schere bewaffnet, vor die geöffnete Kommode. Sie trennte jedem Socken Größe 43 die Zehenspitzen ab. Dann nahm sie sich Michaels T-Shirts zur Brust. Sie schnitt Augenlöcher, dort wo seine Nippel normalerweise waren, hinein und einen traurigen Mund in den Bereich, der normalerweise seinen Bauch bedeckte. Carolin trennte die Naht des Bettzeugs auf und schüttelte Decken und Kissen. Sie beobachtete noch ein paar Minuten, wie die Federn durch den Raum wirbelten und beinahe wie Schneeflocken herabfielen. Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und schloss hinter sich die Tür.

Zielstrebig marschierte sie in die Küche. Sie kippte den Inhalt des Zuckerstreuers in den Mülleimer und befüllte ihn anschließend mit Salz. Alle Tüten, die sie finden konnte, riss sie auf und streute deren Inhalt auf den Boden. Nudeln, Chips, Gummibärchen, Mehl sowie diverse Fertiggerichte in Pulverform bildeten einen neuen Teppich. Nutella und Ketchup schmierte sie an die Fenster und jegliche Küchenfronten. Carolin stemmte ihre Arme in die Hüfte und betrachtete ihr Werk mit einem hämischen Grinsen. Dann ging sie zum Katzenklo, fischte mit der Plastikschaufel mehrere Würstchen aus dem Behälter und platzierte sie auf dem Backblech, das sie bei niedriger Hitze in den Ofen schob.

Im Badezimmer angekommen, nahm sie seine Zahnbürste, fuhr damit ein paar Mal unter den Rand der Kloschüssel und warf sie anschließend zurück in den Zahnputzbecher. Dann rollte sie zwei Klopapierrollen aus, verknäuelte sie mit einem Paar Putzhandschuhen und stopfte sie in die Toilette. Sie spülte so lange nach, bis das Wasser auf einer Höhe mit der Klobrille stand.

Ihr letzter Marsch führte sie ins Wohnzimmer. Dort nahm sie Michaels heißgeliebte DVDs, PS3- und Xbox-Spiele und steckte sie in eine Kiste. Den neuen Flachbildfernseher legte sie auf den Boden und hüpfte mehrmals auf ihn, bis sie vom knackenden, ächzenden Geräusch unter ihren Füßen genug hatte. Carolin nahm den Hausschlüssel vom Schlüsselbund und bohrte ihn in das auf Leinwand gezogene Liebesfoto der beiden. Dann klaubte sie ihre Sachen zusammen und verließ die Wohnung mit der Kiste unter dem Arm.

Auf der Straße zückte sie ihren Kugelschreiber und schrieb auf die Kiste „Zu verschenken“, ehe sie sie an den Straßenrand stellte. Dann holte sie ihr Smartphone aus der Handtasche und tippte im Laufen eine Nachricht an Michael: „Schatz, ich habe meinen Hausschlüssel daheim vergessen und hab aus Versehen versäumt, den Herd auszumachen. Kannst du bitte kurz heimfahren und nach dem Rechten schauen?!“

Sie steckte das Handy ein, lachte laut auf und lief beschwingt summend Richtung U-Bahn.

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48 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Wow absolut genial! Tolle Inspiration,toller Text!! Danke :)

    05.09.2012, 20:28 von wunschpunkt
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  • 1

    ENDLOS geil!!!
    Was für eine wunderschön ausgemalte Reaktion (:
    Ich bin begeistert... Fassungslos begeistert!!!

    03.09.2012, 10:24 von Moe-Zarella
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  • 1

    wow, ein wirklich guter, guter text, ich bin richtig begeistert und werde mir ein paar dinge vormerken, sollte ich mal in so eine situation kommen. ;)

    23.08.2012, 17:47 von WirbelWindchen
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  • 1

    GEIL :D

    23.08.2012, 14:43 von mayce
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  • 2

    unterschätze niemals die boshaftigkeit einer frau. 


    21.08.2012, 23:34 von JohnnyBravo
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  • 1

    Sie soll froh sein, dass sie ihn los ist. Wer nicht die Eier hat, ein "Ich liebe dich" persönlich abzuliefern und dann noch zu blöd ist, es an die richtige zu schicken, der kann nur eine Weichflöte sein.

    21.08.2012, 23:31 von Malique
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  • 3

    Weißte: Ich muss hier noch einmal kommentieren: Diesen Text lese ich mal meinen Freundinnen vor, wenn sie sich ausheulen, dass ihre Macker hinrverbrannte Arschgeigen sind. Dann sag ich nur noch zum Schluss dazu: Net heulen, Krawaall machen. Ende.
    Das ist so herrlich geschrieben ;-)

    21.08.2012, 16:46 von Sultanine
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  • 1

    die idee mit dem backofen ist klasse;)

    21.08.2012, 01:49 von FinchenMagLachen
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  • 1

    hähähääää, endlichendlich mal kein "wir ham nochmal gefickt und dann habbich geflennt"-text, sondern schock - überlegen - handeln. das gefällt mir gut, so komm ich mit. die idee mit den katzenknödeln find ich gut, bei 50°, das dürfte reichen und dann ohne dunstabzugshaube! harhar!

    doch. fand ich gut. hat mir spaß gemacht.

    20.08.2012, 15:57 von lavish
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  • 3

    Auch beim dritten und vierten Lesen gefällt mir dieser Text nicht. Weder das Fremdgehen des Mannes noch das Verhalten der Frau bringen mich zum Lachen oder wecken irgendwelche Sympathie. Nun ja, es mag vielleicht an der Hitze liegen, keine Ahnung.

    20.08.2012, 12:35 von Cyro
    • 2

      Du bist halt einfach zu ausgeglichen, lieber Cyro! ;)

      21.08.2012, 08:46 von Bender018
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