LukiLu 17.03.2010, 16:27 Uhr 0 0

Quinoa oder wie ich lernte Rohmer zu lieben

Eine Ferienromanze und mein Zugang zu Rohmer

Eric Rohmers Tod nahm ich zum Anlass mich in die französische Filmgeschichte zu vertiefen. Probiert habe ich es, nach Beratung durch mehrere Stellen, mit Conte d'été (im deutschen „Sommer“). Nach einer Stunde beschloss ich, dass mein Cineastischer Sinn nicht ausgeprägt genug sei, um so einem farbloses Gewäsch über fast zwei Stunden hinweg zu folgen. Es passiert ja wirklich nichts. Der schwarzhaarige Wuschelkopf erklärt des Öfteren wie einzigartig er ist, wie er vom Zufall lebt und auf seine hoffentlich zukünftige Liebschaft wartet. Das blonde Mädchen erzählt von ihrem Archäologen Freund. Schön und gut, aber nicht meins.

Kurz darauf begab ich mich auf eine Rundreise mit meinem besten Freund und einer guten Freundin, Lisa. Nach einer Woche durch das Land gekreuzt zu sein, finde ich mich mit Lisa in generischen Jugendherbergsküche. Die Küche ist geräumig, zwischen Herd und Arbeitsplatte aber kann man sich kaum umdrehen. Bei dem Versuch klemmt die Hüfte und Kopf und Abzugshaube begrüßen sich freundschaftlich. Hier haben wir uns eingenistet, um aus Quinoa, eine ominöse Hülsenfrucht aus weisichwo, und Karotten ein kulinarisches Erlebnis zu zaubern. Eine gewisse Anziehung bestand schon vorher, aber jetzt bewegen wir uns auf engsten Raum. Schwirren um einander. Stehlen uns die Arbeit, nur um beschäftigt zu sein. Worte werden von Mund zu Mund gespielt, sind aber glatt und bleiben nicht hängen. Alles hat Gewicht. Unser Tanz. Die Hand die etwas zu lange auf der Anrichte verweilt. Die Berührung wenn wir uns vorbeizwängen. Vorsichtig. Alle 30 Sekunden muss ich entweder die Karotten wenden oder im Quinoa rühren – man hat ja keine Ahnung wie lange dieser kochen muss. Die Hüfte schrammt am Ofen entlang, dann Hüfte an Hüfte. Lisa fragt etwas über mein Studium. Vorgelegte Antworten, die ich zum zigsten mal wiedergebe, bleiben irgendwo zwischen Kopf und Zunge hängen. Heraus kommen halbe Sätze, während nur noch mein kleinen Finger, der von der abgestützten Hand, etwas in den leeren Raum steht, ihre Hüfte streift und sich in der Gürtellasche verfängt. Sie bleibt stehen, ein verlegenes Lächeln, nachdem ich mich noch nicht mit dem Mund zu fischen traue, auf den Boden gerichtet. Mit einer kaum merkbaren Bewegung meines kleinen Fingers überbrücke ich die Distanz zwischen uns.

Der Anfang einer Ferienromanze, die enden musste, wie alle es tun. Mit über achttausend Kilometer Luftlinie und dem Mittelmeer zwischen uns.
Aber auch mein Zugang zu Rohmer. Auf einmal macht sein langsamer und ereignisarmer Film Sinn. Die Spannung, die kleinen Gesten, die Nonchalance der Protagonisten. Alles wirkt so nachvollziehbar, so bekannt. Während Gaspard und Margot über lässig über die französischen Klippen schlendern, bin ich wieder in der Küche einer anonymen Jugendherberge.

Geographisch gehandicapt und ins tägliche Leben zurückgeworfen, habe ich Quinoa eingeschlagen.

Jetzt esse ich mein schmackhaft improvisiertes Gericht aus kleinen bunten Körnern und Tomaten und betrachte, bis zum Anschlag gespannt, Rohmers Welt, in der eine Mütze gleich einer Liebeserklärung ist, rekapituliere den Urlaub und vermisse sie mehr als ich mir eingestehen will.

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