_Calliope_ 29.10.2010, 13:23 Uhr 14 5

Prost, Kleiner Wagen, auf uns, und dass wir uns das nächste Jahr hier nicht wiedertreffen

Es ist Nacht, ich stehe auf meinem kleinen, drei Quadratmeter großen Balkon und schaue zwischen der Esche und der Kiefer in die Sterne.

Suche automatisch nach dem Großen Wagen und ziehe den Reißverschluss der Fleecejacke eilig zu. Erstaunlich kalt, diese sternenklare Nacht. Erstaunlich dunkel, obwohl der Mond zur Hälfte scheint und ich mich mitten in der Stadt befinde. Es ist wohl nicht nur die gegebene optische Dunkelheit, die mich bannt in dieser Nacht, die mich zwingt, im Himmel nach Sternenbildern zu suchen. Ich suche am Himmel weiter, suche den Kleinen Wagen, den man in solchen dunklen Nächten am besten finden kann.

Von den Füßen hinauf kriecht währenddessen eine stechende Kälte, sie zieht sich von den Fesseln entlang der Wade in Richtung Knie, ich fange an, mit meinen Beinen zu wippen und suche. Wieso ich suche ist offensichtlich, ich brauche Ablenkung. Ich muss endlich an was anderes denken. Seit Tagen, nein, man kann die Zeitspanne bereits in Wochen messen, angeben, denke ich an einen Abend zurück. Es müsste das letzte Wochenende im August gewesen sein, der September ließ noch ein paar Tage auf sich warten. An jenem Freitag beschloss ich, dass ich glücklich bin mit meinem Leben. Ich hatte eine gelungene Arbeitswoche gehabt und sogar mein von mir vorgegebenes Sportsoll erfüllt. So war es klar, dass ich glücklich bin. Glücklich mit dem Job, glücklich mit den Umständen als Single. Eigentlich gab es nichts, fast nichts, was mich an diesem Abend hätte unglücklich machen können.

Der August ist längst vorbei, dieser Abend ist Vergangenheit, Geschichte. Selbst der September ist überwunden. Dieses Gefühl, des einfach Glücklich-Seins wurde im August von mir vergessen. Während diese körperlich empfundene Kälte an meinen Beinen emporsteigt und sich die seelische Kälte als Banknachbarn sucht, stehe ich auf meinem Balkon, Gedanken ganz diesem Abend im August zugewendet. Wie habe ich es damals geschafft, mein Leben als so leicht einzustufen? Welche Umstände haben es mir erlaubt, mein Dasein an diesem Abend als so unglaublich positiv zu empfinden? Ich suche in den Sternenbildern, keine Antwort, nur wieder Ablenkung von diesen Gedanken. Wie oft habe ich mit Freunden über solche Umstände gesprochen? Wie oft wurden die Vor- und Nachteile des Lebens analysiert? Des Lebens als Single mit heißen Freitagabenden und einsamen Sonn- und Feiertagen. Ja, dieser Abend im August war ganz eindeutig ein Frei- und kein Feiertag.

Aber was unterscheidet mich von der Person, die vor über zwei Monaten hier mit einem Sekt stand? Von Freunden umgeben, von einer spätsommerlichen Wärme umgeben? Gespannt, was aus dem Abend noch wird, was oder wen die bevorstehende Feier noch mit sich bringt. Was hat sich geändert?
Innerhalb von zwei Monaten kann ein Mensch unheimlich viele Erfahrungen sammeln. Die Einsamkeit bietet Gelegenheit, sich selber besser kennen zu lernen, wobei das Sich-selber-besser-verstehen oft außen vor bleibt. Und umso besser man sich selber kennt, desto öfter kommt es vor, dass man sich selber nicht mehr so mag wie vorher. Was vor zwei Monaten noch in Ordnung war, diese kleine Eigenart, kann sich inzwischen als schlechte Eigenschaft herauskristallisiert haben, die man partout nicht los wird.

Mit dieser Erkenntnis kann man sich eigentlich auch niemandem mehr zuwenden, will man sich selber anderen Menschen nicht aufbürden. Will man denn wirklich, dass ein Anderer einen ertragen muss, obwohl man selbst schon nicht mit sich klar kommt? Man steigert sich also in die Situation des Einsam-Seins hinein, wird immer öfter einsam oder bleibt allein, bis man an seinem eigenen Geburtstag allein auf dem Balkon steht. In einer Nacht, die sich so schnell dem Gefrierpunkt nähert wie das eigene Herz, steht man im Nachthemd auf dem Balkon, eine Fleecejacke liegt über den Schultern.

In der rechten Hand ein Glas Sekt. "Prost, Kleiner Wagen, auf uns!", ein Schluck kühler Sekt fließt die Speiseröhre hinunter in den Magen und erzeugt eine Gänsehaut auf den Armen, gefühlt am und im ganzen Körper. In der linken Hand befindet sich ein Brief, der ohne Absender, ohne Aufschrift im Briefkasten lag. Ich öffne ihn. Ich lese die ersten Sätze "Kannst du dich an den letzten Freitag im August erinnern? Erinnerst du dich an mich? Ich erinnere mich an jenen Freitag, an die Party und an eine unglaublich glücklich wirkende Person".

Ich suche im Firmament erneut den Kleinen Wagen. Ich brauche die Absenderinformation nicht, ich kenne den Schreiber des Briefes, erinnere mich an den Freitagabend und lächle. "Prost, Kleiner Wagen, auf uns und dass wir uns das nächste Jahr hier nicht wiedertreffen!" Ein weiterer Schluck Sekt fließt die Kehle hinunter. Gemischt mit der Gewissheit, dass es gefühlsmäßig wieder August werden könnte, findet das Wippen meiner Beine ein Ende, das Herz scheint aufzutauen und im Takt des von mir nun angestimmten Liedes zu wippen.

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14 Antworten

Kommentare

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    Wie kannst du mitten in der Stadt die Sterne sehen ?
    Ich bekomme das nie hinn, weil es in der Stadt einfach zu hell ist mit der ganzen beleuchtung.

    so ist zumindestens meine erfahrung : )

    04.11.2010, 10:59 von Polar
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    Kann ich (leider leider) gut nachvollziehen...

    30.10.2010, 16:58 von Marie...
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    Alles fliesst...

    Ich find's eher nur gefühlsmäßig...

    30.10.2010, 11:00 von sailor
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      @sailor ich find's auch gefühlsmäßig ... gut :-)

      01.11.2010, 10:49 von Cyro
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    Keine Ahnung ob ich den Text einfach nicht verstanden hab, oder ob es einfach nicht erklärt wird. Absender = herself? Warum ist sie denn nun auf einmal so unzufrieden, einsam und unglücklich? Ich kann nicht folgen.

    29.10.2010, 18:36 von nyx_nyx
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    Klingt auf jeden Fall lustig: "schaue zwischen der Esche und der Kiefer in die Sterne."

    Hier kennt sich ja jemand mit Bäumen aus ;).

    29.10.2010, 17:03 von Jackie_Grey
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      @Jackie_Grey Wenn ich mich schon nicht mit Fleecejacken auskenne, mit Bäumen kenne ich mich aus.

      29.10.2010, 17:46 von _Calliope_
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      @_Calliope_ Und noch ein Erbsenzähler: da hat sich noch ein Fehlerteufel eingeschlichen... "schaue zwischen der Esche und der Kiefer HINDURCH in die Sterne." T'schuldigung, Linguistenkrankheit! ;-) Trotzdem ein schöner Text!

      02.11.2010, 11:47 von RoteFrieda
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    Dazu kann ich nur sagen:
    "Wer jetzt kein Eishörnchen ist, wird auch keines mehr."

    29.10.2010, 16:08 von JackBlack
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    schöne Sätze.

    Texte in denen es mehr ums "man" als ums "ich" oder "du" geht sprechen mich persönlich so gar nicht an. Hat immer sowas unnötig distanziertes.

    29.10.2010, 15:55 von Lena381
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