Prinzip (Un)Glück
Sie ist klug.Sie ist hübsch. Sie ist nett. Und das alles ist definitiv viel zu kitschig.
Ich hab keine Ahnung, ob ich eine romantische Ader habe. Genau genommen weiß ich eigentlich überhaupt gar nicht, wie so eine Beziehung funktioniert, solange ist es jetzt schon her. Aber wenigstens weiß ich ziemlich genau, was ich nicht will, nicht mehr will. Und genau das passiert gerade. Ein kitschiges Horrorszenario vom Typ "Rosamunde Pilcher".
Tagträume. Ich liebe Tagträume, aber bis jetzt hatte ich mir noch nie ernsthaft Gedanken darüber gemacht, was wäre, wenn sie wirklich wahr würden.
Es regnet. Wie nach Regieanweisung. Alle sind ins Haus gelaufen, die letzten Umzugskartons unter dem Arm und jetzt stehst Du da. Wir stehen mitten im Regen auf der Straße und die Zeit bleibt stehen, keine anderen Menschen, absolute Stille, absoluter Kitsch. Und genau wie in den letzten Wochen tu ich zum tausendsten Mal das, was ich nicht will. Ich gehe ins Haus. Hole mir ein Bier und schlucke zusammen mit einem pappigen Stück Pizza meine Tränen hinunter. Das heißt, ich weiß es gar nicht, ich weiß nicht ob es Tränen sind, die da herauf wollen, ich hab es noch nicht drauf ankommen lassen. Wer weiß was da kommt, Wut, Traurigkeit, meine 14-jähriges Ich. Keine Ahnung.
Du kommst auch, Du hast geweint. Ich weiß es.
Ich gehör nicht zu euch, nicht wirklich. Keine Naturwissenschaftlerin wie ihr alle. Nur Lehramt, aber darum geht es nicht. Euch alle hab ich über eine Freundin kennengelernt, wir verstehen uns gut, ich bin ab und zu dabei, wenn ihr weggeht.
SIE kenne ich schon länger, meine Freundin mag sie. Wie alle. Wir haben mal Wein getrunken. Sie hat erzählt, dass sie egoistisch ist, dass sie bekommt, was sie will. Und sie wollte Dich. Ich kannte Dich nicht. Sie hat Dich bekommen.
Jetzt sitzt sie da, die glanzvolle Fassade ist gebröckelt. Und sieht Dich und sieht das ich Dich sehe. Als schaue sie durch mich hindurch. Ich glaub, sie wäre nie auf die Idee gekommen.
Das erste Mal haben wir uns bei dieser miesen Feier gesehen, Du warst mit ihr da, ich hab Dich nicht weiter beachtet. Man hat sich dann und wann mal gesehen und ich fand Dich nett. Wir haben das erste Mal geredet und meine Tagträume fingen an. Ich gab mich damit zufrieden, denn Du warst perfekt. Zu perfekt um damit zu rechnen, aber auch zu perfekt, um Dich selbst in meinen Träumen aufzugeben. Und sie. Sie ist wirklich hübsch, sie ist klug. Ein Tagtraum eben. Für die Männer, jedenfalls für die meisten. Sie weiß es, sie weiß wie sie wirkt, aber das Schlimmste ist: Sie ist nett. Ich mag sie eigentlich.
Jetzt kann ich sie nicht mehr mögen. Und sie mich auch nicht. Aus Prinzip. Aber darum geht es nicht.
Ich fühle mich ihr unterlegen. Aber auch darum geht es nicht. Es geht um Dich.
Dann kam die Lernphase. Es war heiß und stickig, in der Bücherei war es kühl und luftig, angenehm zum lernen. Ich saß draußen auf der Treppe, hörte Musik, nur eine kurze Pause vor dem Tagesentspurt. Dann kamst Du. Ein paar Deiner hoffnungslosen Verehrerinnen um Dich versammelt.
Mir war es einfach zu blöd. Ich wollte mich nicht einreihen, nicht hinten anstellen, auch wenn ich in Wirklichkeit kurz davor war, mir Deinen Namen auf den Hintern tättowieren zu lassen. Außerdem ging es nicht. Dich zu lieben, meine ich. Aus Prinzip.
Wir haben doch nicht mehr gelernt, wir gingen in den Park. Spazieren, quatschen. Über die Musik, Freunde, Reisen, Essen, Menschen, Studium, das Leben. Die Lernphase war noch lang und wir lernten jeden Tag in der Bücherei. Alleine. Und wir machten jeden Tag Pause. Zusammen. Und gingen in den Park. Zusammen. Auf einmal gab es ein "Wir". Unsere Musik, unsere Reisen, unser Lieblingsessen. Aber ich hatte nie weiter gedacht, ich hab es mir verboten, weil es niemals gehen würde. Aus Prinzip.Aber ich schob auch die Gedanken daran zur Seite, ob selbst das, was wir taten, uns treffen und reden, schon falsch war. Falsch für mich, für Dich, für sie. Falsch nicht wegen der Sachen, die wir sagten, falsch, wegen der Dinge, die wir dachten.
Dann kam der Tag, an dem Du mich küsst. Ich kann das nicht. Du verstehst mich. Du nimmst mich in den Arm und küsst mich auf die Stirn, aber Du weißt, dass ich Dich liebe. Wir treffen uns weiter, verhalten uns weiter wie Freunde. Und leiden. Beide. Aber ich bin nicht so. Keine Ahnung, ob das überhaupt was mit Moral und Prinzipien zu tun hat, oder nur mit Feigheit. Feige, damit man sich als besserer Mensch fühlt.
Ich fang an mich zu fragen, was ist, wenn man den Kuchen nicht haben kann. Ist es besser, dann wenigstens die paar Krümel zu bekommen?! Oder dreht man sich am besten um und lässt den Kuchen ganz, weil durch die Krümel die Sehnsucht nicht gestillt, sondern nur größer wird?!
Eine Freundin sagt: Jeder ist sich selbst der Nächste. Es gibt Situationen, in denen man an sich und an sein Glück denken muss.
Das ist gut. Wirklich. Damit könnte ich mich rechtfertigen, vor mir selber, vor anderen. Aber ich kann nicht, ich will, aber ich kann es einfach nicht. Aus Prinzip.
Die Lernphase ging vorüber. Meine Gefühle nicht.Deine? Ich wusste es nicht. Bis letzten Freitag.
Es war wieder Party. Alle guckten. Du kamst auf mich zu, nahmst mich bei Seite um mir zu sagen, dass es Dir leid tut. Du hast es ihr gesagt, gestern. Das Du mich liebst, dass es nicht vorbei geht. Das perfekte Pärchen gibt es nicht mehr. Ich muss mich setzen, ich weiß noch nicht,was ich fühlen soll. Außer Liebe. Man spannt anderen Frauen nicht den Freund aus. Besonders nicht denen, die man eigentlich mögen müsste. Alle schütteln den Kopf, keiner kann es verstehen, dass er sie haben kann und mich will. Vielleicht werden alle mich verurteilen oder belächeln. Oder beides, weil sie nichts wissen. Falls sie es jemandem sagt. Aber darum geht es nicht. Es geht darum das ich will. Ja, ich will, ich will ihn so gerne. Aber ich kann einfach nicht, immernoch nicht. Einfach aus Prinzip. Es fühlt sich falsch und schäbig und hinterhältig an. Das ist Quatsch. Ja, vielleicht. Aber ich kann nicht anders.
2 Wochen ist es jetzt her und jetzt sitzen wir hier und versuchen fröhlich zu sein, und die Stimmung ist auf dem Nullpunkt. Ich steh auf und gehe raus. Jetzt lass ich es drauf ankommen. Und tatsächlich: Tränen. Ich weine und es fühlt sich an, als ob ich nie wieder was anderes tun würde. Ich hatte nie die Absicht, jemandem weh zu tun, aber manchmal hat man eben nicht die Wahl. Diesmal tu ich mir selbst weh und fühl mich gleichzeitig unendlich dumm.

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Kommentare
der text ist schön geschrieben ..
16.06.2008, 14:05 von buntesSchwarzun ich kann dich verstehen..
der artikel gefällt mir, doch wieso wird nichts draus?
09.06.2008, 17:47 von stare.at.the.sun