JackBlack 14.10.2019, 15:51 Uhr 3 7

Postskriptum

Macht`s gut und danke für den Fisch!

Schwer ist das Herz.
So steht es in der Zeitung, die ich auf den Tisch habe fallen lassen. Zwei Flügel aus Buchstaben, dicht aneinander gedrängt, bedeutungslos, wenn man den rechten Abstand nicht finden will. Schwer ist das Poetenherz. Meines schlägt einfach. Es hält mich am Leben, auch jetzt in diesem Moment, der selbst wie ein Schlag ist. Das Papier zittert in meinen Händen, aber das tut es bereits seit Jahren an jedem Morgen. Ich habe mich daran gewöhnt. Ich kaue mein Brot und schlucke es mit viel Flüssigkeit. Mit den Nachrichten verfahre ich kaum anders. Ich versuche die Welt zu verstehen, um mich in ihr zurechtzufinden. Als ich jünger war, hatte ich natürlich andere Beweggründe. Ich wollte verstanden werden, bis ich begriff, dass es im Leben darum nicht geht. Niemand wiegt ein Herz.

Elena. Wenn mein Herz jemals für einen anderen Menschen als mich selbst geschlagen hat, dann für sie. Daran erinnere ich mich. Die Erinnerung an sie ist verblasst. Ihre an mich ist erloschen. Ich spüre in mich und suche nach dem Menschen, den sie in mir gesehen hat, den Schöngeist, der ich nie war. Ich denke sie neben mich, ihre Hand auf meine. Elena, das Mädchen meiner Träume. Königin meines Herzens. Ich sehe all die winzigen neckischen Sommersprossen auf ihrem Jochbein, die kleine strichförmige Narbe hinter ihrem rechten Ohr. Das Strahlen ihrer Augen, Pupillen wie bewegte Universen, offene Geheimnisse, nur für mich. So sollte ich wahrscheinlich an sie denken, doch ich tue es nicht. Stattdessen erheitert mich dieser unsinnige Versuch, Verlust zu spüren. Nein, ich vermag es immer noch nicht, den Raum zu krümmen. Elena ist schon lange nicht mehr echt.

Draußen schläft das Leben. Die Sonne wartet vor ungeputzten Fenstern, fängt sich im aufsteigenden Rauch der Zigarette, die ungeraucht zwischen meinen Fingern verglüht. Die alte Küchenuhr tickt unbeirrt in einschläferndem Takt. Fliegen kleben träge an der Wand. Ich muss kurz eingenickt sein. Wange an Wange mit der Zeitung auf meinem Küchentisch liege ich da. Der Anzeigenteil ist aufgeschlagen. Elena ist tot. Zwischen zwei Dutzend anderer Todesbekundungen bleibt von ihr für mich nicht mehr als ein bisschen Druckerschwärze. Die Anzeige ihres Ablebens kommt schlicht und unauffällig daher. In Liebe und Dankbarkeit nimmt man namenlos Abschied. Über dem schwarzen Kreuz stehen die Worte „Das Herz ist schwer.“
Meine Liebe lässt ihren Tod verkünden zwischen tagesbanalen Schlagzeilen, auf billigem Zeitungspapier. Kein Brief mit handschriftlich abgefassten Zeilen. Eine Nachricht für jedermann wie für niemanden, schwächlicher als ich selbst. Elena wird es nicht stören. Zu unserer Geschichte passt der blässliche Abschied; viel war es ohnehin nicht mehr, was sich nun so mühelos ablösen lässt. Ich versuche, ihr Gesicht vor mir auftauchen zu lassen, aber es gelingt mir nicht. Es ist zu lange her. Keine Stimme tut sich auf, kein Bild will an die Oberfläche. Keine Traurigkeit. Kein Bedauern. Ich könnte mit der Zeitung eine Fliege erschlagen. Ich habe nicht einmal auf das Datum gesehen, obwohl es denkwürdig ist. Heute ist der Tag.

Ich stehe auf und räume das Frühstück beiseite. Ich wasche das Geschirr ab und stelle es zurück in den Schrank. Ich gehe ins Bad und rasiere mich gründlich, ein Sechswochenbart landet im Ausguss und darunter verbirgt sich auch kein Mann, den Elena kannte oder gern hätte kennen würden. Ich denke an sie und das Einzige, was mir einfällt, sind ihre Briefe. Sie türmen sich vor mir auf, vergilbt und inhaltslos. Heute ist der Tag, auf den ich so viele Jahre gewartet habe und mir fehlt jeglicher Bezug.
Ich weiß genau, wo ich das sorgsam verschnürte Päckchen aufbewahre und ich habe Angst. Angst davor, den Schrank zu öffnen, die mittlere Schublade hervorzuziehen und die Schleife zu lösen, die all die bedeutungslos gewordenen Worte zusammenhält. Die Versuchung ist groß, den Tag vergehen zu lassen wie jeden anderen und das Versprechen, das ich Elena einst gab, zu vergessen wie alles andere. Vieles hatte ich in meinem Leben, aber geblieben bin nur ich. Ein Mann, der das Hoffen ebenso aufgegeben hat wie das Warten. Jemand, der weiß, dass jedes Leben nicht größer ist, als in mehr als einen Tag zu passen. Jemand, der auf nichts etwas gibt, nicht einmal auf seine eigenen Überzeugungen.
Elena ist tot und sie weiß nicht, dass heute der Tag ist. Sie weiß nicht, dass ich mich kaum noch an sie erinnern kann, dass es mich um ihretwillen gleichmütig lässt, ob ich mein Versprechen einlöse oder nicht. Ich bin ein analytischer Mensch und das ganz umsonst, denn einem allein taugt die stimmigste Prognose nicht. Eines Tages wird jeder von uns eingeholt von dem, was er zu wissen glaubt und wenn meine Kanäle sich auch noch so engmaschig ineinander verzweigt haben, dass ich die letzte Frequenz nicht mehr fürchte, bleibt die Furcht vor dem Augenblick des Jüngsten Gerichts. Selbsterkenntnis in einer Art Heimsuchung, nicht weniger erwarte ich.

Meine Knochen vertragen sich nicht länger mit meinen Muskeln. Oder vielmehr mit dem, was davon übrig ist. Alles dreht sich und meine Beine verweigern mir den Dienst. Nur noch ein kleines Stück, überrede ich sie. Es ist ja beinahe geschafft. Heute ist der Tag.
Schließlich knie ich vor den Türen der alten Kommode. Sie quietschen, wenn man sie bewegt. Altersschwach sind sie, wie ich. Erinnerungen strömen mir aus der Dunkelheit des Schrankes entgegen. Düfte, die beschwören, die pudrig anmuten und doch nichts sind als flüssiges Dynamit. Keines der Alben muss ich aufschlagen, um es betrachten zu können. Die Wucht, mit der es mich trifft, ist gigantisch. Meine Gedanken geraten ins Taumeln. Plötzlich sind all die leeren Straßen wieder belebt. Hinter und vor mir hupen Autos. Eine zierliche Hand streckt sich nach mir aus. Greift zu, streift zwei Finger, entzieht sich. Kopfsteinpflaster und spitze Absätze, ein Rock so eng wie Haut. Bistroschilder und das Lärmen der Lichter. Wo? Ist das Paris? Bist das du, Elene?
Sie bleibt stehen und dreht sich um. Ihr Gesicht bleibt aus Tuch, aber jetzt erkenne ich sie. Elena, wie von sich selbst gepflückt, ihre Schuhe berühren kaum den Boden. Sie dreht sich zu mir und mit einem Mal ist alles wieder da. Ihr spöttisches Lachen, das rauer klang als es aussah. Das Café und ihre Albernheiten, zu denen sie sich nur hinreißen ließ, um mich schimpfen zu hören. Elena liebt Tschaikowski. Posaunen und Brot mit Butter und Zucker. Elena sagt, dass sie mich liebt, klar und deutlich durch die Tischblume, die vor mir steht. Und ich sehe ihr Gesicht um Jahre altern, als ich sage, dass sie damit aufhören soll. Ich sage nichts, sagt sie, aber ich werde dir Briefe schreiben. An jedem Tag, an dem du mich nicht liebst. An jedem Tag. Und sie lacht und verwelkt, um im nächsten Moment kindisch zu sein und mich zu becircen.

Jetzt eilt es nicht mehr. Die Zeit steht still im Raum, löst sich auf im Zusammenschluss von Vergangenheit und Gegenwart. Alles war. Und alles Gewesene ist. Meine Angst ist einer Neugierde gewichen. Es ist nichts Romantisches, auch jetzt in aller nostalgischen Nähe nicht. Es ist vielmehr ein wissenschaftliches Interesse, eine Art Notkalkül, das mich nun antreibt, Elena zu lesen. Mich mitreißen zu lassen von einer Flut überwältigender Bilder, die mich gefangen nehmen wie damals, die mich an den Rand meines Begreifens schwemmen und mir diesmal keine Wahl lassen, die ich ausschlagen würde.
Elena lebt, dort vor mir, in einem Stapel von Knicken und Falten und blassbläulicher Tinte. Die Briefe sind vergilbt, doch das Papier ist immer noch stark. Für meinen Liebsten, steht in ihrer kunstvollen Schrift auf dem obersten Kuvert. Für mein Herz. Für dich, Geliebter.
Es sind genau dreiundfünfzig. Ich habe sie immer wieder gezählt, damals, als ich mich kaum davon abbringen konnte, der Versuchung zu erliegen. Den Inhalt von zweiundfünfzig Briefen kenne ich besser, als ich es jemals zugeben wollen würde.
Das Herz klopft mir bis zum Hals, als ich den untersten Brief aus dem Päckchen ziehe. Auf diesem Kuvert steht in großen Buchstaben P.S.
Der Umschlag ist im Gegensatz zu allen anderen verschlossen. Ich stelle mir vor, wie Elenas flinke Zunge über den Klebestreifen leckt. Die vorlaute Mädchenzunge im Gaumen einer Frau, die wusste, wann man besser schweigt. Dies ist also ihr Vermächtnis, ihre Hinterlassenschaft für mich.
Brief zweiundfünfzig enthält ein Postskriptum, einen Verweis auf den Folgebrief, den ich nun endlich öffnen darf. Es hat schlaflose Nächte gegeben, sehr viele, in denen ich über den möglichen Inhalt gegrübelt habe. Damals war Elena noch ein Gespinst, das mich begleitete wie die Klammern um eine Gleichung. Meine Gleichung von dem, der ich sein wollte oder mich nicht zu sein getrauen durfte. Ein Zauderer. Einer, der andere zwang, Entscheidungen für ihn zu treffen. Ein Angsthase, der kein Gewissen kannte. Der sich mitfühlend und verständnisvoll gab, obwohl er nur die Treue zu sich selbst kannte. So oft bin ich kurz davor gewesen, mein Versprechen gegenüber Elena zu brechen und das Geheimnis des letzten Briefes vor seiner Zeit zu lüften. Über mein Herz hätte ich es gebracht, nicht aber über meine Prinzipien. Versprechen, die man aus Liebe gibt, hält man entweder nicht länger als einen Atemzug - oder aber ein ganzes Leben lang.
Ich tat Letzteres. Nicht aus Liebe zu Elena. Aus Liebe zu mir selbst.

"Mein lieber Arno,
ich bin nicht gut darin, Anfänge zu beenden; einmal weniger, wenn ich dabei das Gefühl habe, ein Ende einzuläuten, das ich niemals wollte. Abschied – allein beim Schreiben des Wortes zieht sich alles in mir zusammen. Was ist ein Abschied mehr als ein erzwungener Aufbruch? Ich fürchte mich davor, mich aufzubrechen.
Erinnerst du dich an den Nachmittag im Petits Carreaux, an die Kartenspieler?
Du hast gesagt, man sähe den Leuten in dem Moment das schlechte Blatt an, wenn sie die Schultern heben, den Rücken strecken und das Kinn leicht anheben. Es sei eine typische Geste der Zuwiderhandlung, die Physiognomie des Aufbäumens und das Vorbereiten des wahrscheinlichen Scheiterns. Ich sitze gerade wie ein Stock an meinem Tisch.
Anbei findest du ein verschlossenes Kuvert. Das Postskriptum darin enthält eine Botschaft, die eines Tages sehr wichtig für dich sein wird, sein kann. Sie soll dir die Augen öffnen, wenn sich meine geschlossen haben werden. Es wird dir nicht entgangen sein, wie müde ich bereits jetzt bin. Zu müde, um zu kämpfen, zu träge, um innezuhalten, zu verwirrt und wund, um Dinge zu beschließen. Ich hätte dir so vieles zu sagen, nur erklären kann ich dir nichts. Nach allem, was geschehen ist, bin ich zu aufgerieben, um mich zu konzentrieren und um dir mein Herz auszuschütten, fehlen mir Mut und Vertrauen. Es ist schrecklich, wie verkrampft ich mich fühle. Dir gegenüber weiß ich nie, ob es ausreicht, das Wort einfach nur zu ergreifen und mit dem Chaos in mir zu verbinden oder ob ich das Wort an dich richten muss, präzise und vollmundig, damit du mir folgen magst und kannst.

Ich weiß, wie sehr du Verbindlichkeiten hasst. Hochtrabende Worte. Überraschungen. Doppeldeutigkeiten, den Pathos der Eindeutigkeit. Du hast mich einmal gefragt, was es genau sei, das dich mir so anziehend macht. Es ist deine Widersprüchlichkeit, dein zaghafter Charakter, der dich immer wieder selbst niederkämpft. Du bist wie eine Spinne, die sich in ihrem eigenen Netz verfängt. Ist es ein niederträchtiger Zug von mir, dass es mir Vergnügen bereitet, dich beim Verheddern zu beobachten? Im Spaß hast du mir oft vorgeworfen, die linkischste und durchtriebenste Person zu sein, die du kennst. Du hast es mit einem besonnenen Lächeln gesagt und in dem Augenblick wurde mir klar, was du an mir so reizvoll findest. Dich. Den Teil deiner Persönlichkeit, den du zu unterdrücken versuchst, weil seine Macht dir Angst bereitet. Ich habe dir von meinem Traum erzählt, dem, der immer wiederkehrt. Darin bist du ein kleiner Junge, der auf dem Grund eines tiefen Brunnens kauert und auf Rettung wartet, nur um sie auszuschlagen. Du willst die Hand nicht nehmen, die ich dir reiche. Weil du weißt, was passieren würde, tätest du es. Du willst niemanden, der dich an die Oberfläche holt, du willst eine Gefährtin, die sich mit dir in die Tiefe treiben lässt. Ich ließe mich darauf ein, aber das Wissen, dass ich es freiwillig täte, macht mich dir abartig. Du willst jagen. Du willst erlegen und bezwingen und fürchtest kaum etwas mehr als diese Lust. Du träumst von all deinen Begierden und Entfesselungen und wünschst dir so sehr, dich ganz von ihnen vereinnahmen zu lassen. Du begehrst das Abgründige, aber du magst in seiner Dunkelheit nicht blind sein, du brauchst die Gewissheit des Tages auf der anderen Seite. Du bist ein Feigling und du brauchst mich, um dir deine verzogene und engstirnige Art zu verzeihen. Du kannst mich nur lieben, solange du vorgibst, es nicht zu tun. Ich respektiere das, weil ich dich liebe. Weil ich deine Angst kenne und weil ich mich nicht vor ihr fürchte. Ich glaube, dass du mich liebst, weil ich liebe. Das ist ein schöner Gedanke und ein trauriger zugleich. Wir sind wie die zwei Königskinder, die ein Versteckspiel miteinander treiben. Wir sind zwei Seiten einer Münze, zwei Schalen an einer Waage. Wir bedingen uns und das hat nur etwas Romantisches, wenn man sich das Leiden daran zur Lust macht.
Du sprichst von der Unvorhersehbarkeit der Ereignisse als Tücke eines Schicksals, an das du nicht glaubst. Du hältst mich für naiv, weil ich nichts auf die Probe stelle. Ich glaube jedenfalls, dass am Ende die Liebe unser Schicksal bestimmt. Nicht umgekehrt. Entscheidend für unseren Weg und unser Fortkommen ist doch, ob wir der unbestimmten Richtung trauen, die unser Herz so deutlich vorgibt. Nicht die Liebe stellt auf die Probe. Das tun die Liebenden selbst, indem sie die Wahl zu wählen ausschlagen. Liebe bricht uns nicht das Genick. Die Angst vor der Liebe ist es, die wir fürchten müssen. Du hast dich mit dieser Furcht arrangiert, eine Art Stillhalteabkommen getroffen. Einen Teufelspakt mit dir selbst. Du denkst, weil du die Freiheit ausschlägst, liefe sie dir hinterher wie ein treuer Hund, den du darauf abgerichtet hast, winselnd an deiner Tür zu kratzen, nachdem du ihn beschimpft, getreten und fortgejagt hast. Auch mich siehst du in letzter Zeit immer öfter mit diesem mitleidigen Blick an, weil dir bewusst ist, dass ich mich dir längst ergeben habe. Du betrachtest mich wie ein Werk, das dir mit Absicht misslungen ist, das nunmehr den Gesetzen der Verwirkung ausgesetzt ist. Du hast mich zum Sterben verurteilt, dein Unrecht ist dir gewahr, doch du bist ohne Bedauern für mich, stattdessen randvoll mit Selbstmitleid und einer Prise Entsetzen darüber.

Was wir uns selbst und anderen zuzumuten wagen, entscheiden wir selbst. An jedem Tag unseres Lebens. Unsere Überzeugungen mögen noch so starr sein, wir erwachen jeden Tag aufs Neue. Ich habe mich entschieden zu lieben, weil die Alternative bloß ein schwerer, mühseliger Umweg wäre. Ich will niemand sein, der sich zum Sklaven eines zusammenbrechenden Systems macht, der Prinzipien reitet und Zahlen schönt, um sich eine Unversehrbarkeit einreden zu können, die es nicht gibt. Du denkst, es reiche aus, sich Möglichkeiten zur Umkehr zu behalten, sich möglichst weit zu streuen und sich einen flexiblen Charakter zu nennen. Dabei ist der Charakter nichts weiter als ein Stützkorsett für eine Persönlichkeit, die sich ihrer natürlichen Entwicklung verweigert. Das Herz wiegt schwer, wenn es leicht wird und es ist leicht, wenn es so verwundet wurde, dass es sich verflüchtigen mag. Pathos, ich weiß, aber immerhin der einer simplen Wahrheit, die du in ihren Brüchen nicht verstehst. Es wäre eine Lüge und Schande für mich, reine Selbstverleugnung, täte ich weiterhin unbekümmert vor deiner vermeintlichen Harmlosigkeit. Es mag meinen Charakter schulen, mich dir zu widersetzen, mich in Verteidigungsstrategie und Tarnung zu üben, aber was nutzt mir das Beherrschen eines Instruments, an dessen Klang ich keine Freude empfinde?

Öffne den verschlossenen Umschlag, wenn ich für immer gegangen bin, keinen Tag früher und keinen später. Darum bitte ich dich. Finde so lange Mut und Vertrauen in der Zeit, vor allem jedoch in dir selbst und dem Versprechen meiner Liebe zu dir. Ich hoffe, dass wir uns wiedersehen und ich wünsche mir, dass du glücklich wirst.
In Liebe, Elena.

Elena und ihre Schwäche für Phrasen und Abgedroschenheiten. Vorangeschickt, damit sie dahinter verklärt bleiben konnte. Spröde wie eine alte Vase und dabei so bemüht, den richtigen Ton zu treffen.
Das Briefpapier ist welk, so oft habe ich ihre Zeilen in Händen gehalten, so oft habe ich mich bemüht, sie ohne Enttäuschung und Zorn zu lesen. Sie zu verstehen, mehr als sie Missfallen in mir erregen konnte mit ihrer Blasiertheit und ihrer verlogenen Wahrheitsliebe. Mit ihrer überheblichen Verschrobenheit, die sie als Waffe einsetzte, mit der sie mich zu manipulieren versuchte wie ein ältliches Kind. Sie schien mir verblendet und in dieser Verblendung manchmal sogar recht einfältig. Ich habe mich häufig gefragt, wie sich ein doch eigentlich kluger Mensch in so hohem Maße zum Selbstzweck verleiten lassen konnte. Merkte sie denn nicht, wie hohlphrasig und eitel sie agierte, wie hoch das Ross war, auf dem sie angeblich unterwürfig ritt? War ihr nicht bewusst, wie sehr sie mich mit ihrem ritterlich-gönnerhaften Geschwafel kränkte, mich an den Rand der Verzweiflung brachte, indem sie mir eben jene Mängel vorwarf, an denen sie selbst litt? Bei allem war sie es, die keinen Tadel vertrug, die nicht ohne Fassung auskam und deren Fassung aus Berechnung, Bezichtigung und Schuldzuweisung bestand. Keine Frage, sie liebte das Leben, die Menschen und die Liebe, aber nur solange, wie ihr alles händelbar schien. Sie warf mir vor, den Mut zum Risiko zu scheuen, dabei war sie es, die sich keiner ungeprüften Herausforderung stellen mochte. Wie oft waren erst böse Worte gefallen und dann Tränen geflossen; Krokodilstränen und solche, die aus einem alten tiefen Kummer rührten, an den ich sie erinnert hatte. Dann beschwerte sie sich, sie könne meine Erziehungsversuche nicht länger ertragen. Was mir einfiele, sie wie ein kleines Kind zu behandeln! Sie empörte sich fürchterlich, nur um wenige Augenblicke kätzisch ihr Köpfchen an mir zu reiben und mich mit ironischem Unterton zu fragen, weshalb ich so ernst und eingeschnappt wirke. Es brauchte lange, bis ich merkte, dass sie solche Fragen tatsächlich ernst meinte.
Unsere Liebe stand von Beginn an unter keinem guten Stern. Sie war berauschend, verschlingend und so mächtig, dass mir viel früher klar hätte werden müssen, wie unumgänglich letzten Endes ihr Scheitern sein würde. Wir waren wie zwei Feuerherde, die aufeinander zuliefen und sich überall dort schnitten, wo sie am meisten Schaden anrichten konnten. Zwei Gewalten, die sich früher oder später gegeneinander richten, entweder im Kollidieren oder im abstrakten Verwirken.

Elena verschwand damals schleichend aus meinem Leben.
Wir trafen uns seltener und verschlossen uns in einem Prozess zunehmender Entfremdung. Unsere Gespräche wurden belangloser und schließlich so austauschbar, dass wir vor der Oberflächlichkeit und Kälte flohen. Wir nahmen diese Entwicklung hin, anfangs noch zögerlich und im Weiteren mit jedem Zögern bereitwilliger. Mir fiel es tatsächlich leichter, sie aus der Ferne zu lieben und Elena stieß das ab. Sie hatte immer behauptet, so gut wie keinen Stolz zu besitzen, doch niemand reagierte mürrischer und missbilligender auf vermeintliche Abweisung als sie. Sie schmollte und sie bettelte nicht, sie gab sich keinerlei Blöße. Dabei wäre es so einfach gewesen, die wesentlichen Dinge zwischen uns zu behalten. Elena konnte gut über ihren eigenen Schatten springen, nur verwechselte sie zu oft ihren Umriss mit meinem oder sah Schnittmengen, die in Wirklichkeit nur schwarz schienen, weil sie leer waren. Eine Leere, die befüllbar gewesen wäre. Aber sie zog es vor, sie zu ertragen und sich auf ihre Art und Weise nutzbar zu machen. Sie war davon überzeugt, keine Mauern um sich zu errichten und das stimmte wohl. Sie hob stattdessen Gräben aus, über die sie von Zeit zu Zeit Brücken in Form von Briefen schlug. Sie hielt ihre Wortmalereien für kleine Offenbarungen und ich ließ sie in dem Glauben, indem ich ihr nie eine Antwort schrieb. In Wahrheit waren ihre gelenken Sätze nichts weiter als Zurechtrückungen, die an etwas anknüpfen sollten, das längst keinen Bestand mehr hatte. Sie rückte sich und ihre Sichtweisen ins rechte Licht. Dann kam sie sich unantastbar vor. Wenn sie unecht sein konnte und perfekt in ihrem Spiel. Sie erschuf sich eine Illusion von Authentizität und ästhetisierter Liebe. Sie war es, die auf Sicherheit liebte. Die nicht begriff, dass ich sie am meisten begehrte und bewunderte, wenn sie unverstellt und maskenlos war, immer dann, wenn ich sie verletzt hatte. Wenn die wahre Elena aus ihr hevorblitzte. Nicht selbstgerecht, sondern gnädig, nicht bezichtigend, sondern einräumend – vollkommen unvollkommen, unbemüht und nach keiner Gunst heischend. Fragil.
Ich glaube, dass Fragilität das Wesen der Liebe ist, eine Zerbrechlichkeit, die beschützt werden will, indem man sie erhält. Darin bestehen Eintracht und Verbund von Liebenden, nicht im zwanghaften Erhalt eines Zustands, der einem angenehm ist.

Elena und ich richteten uns in unseren jeweiligen Leben ein, der spärliche Kontakt verlief sich irgendwann ganz. In den ersten Jahren war es mir wichtig, sie nicht vollständig aus den Augen zu verlieren. Zu jeder Zeit wusste ich, wo und mit wem sie lebte, wusste über Input und Output gleichermaßen Bescheid. Sie war präsent in meinen Gedanken, mal mehr, mal weniger intensiv und ich gewöhnte mich daran, mich damit zu begnügen. Es gelang mir, sie als eine Art Geistesschwester zu betrachten, die indirekt auch an meinem Leben teilnahm. Sie war dabei, wenn ich Dinge begann oder beendete, wenn ich mich verliebte oder jemanden verließ. Ihr Postskriptum blieb bei alledem immer etwas, auf das ich mich unbewusst berief, eine Art Joker, eine unbekannte Größe, die es mir erleichterte, Entscheidungen zu treffen und voranzukommen. Bis ich eines Tages schwer erkrankte, so schwer, dass ich den Tod aus einer Einbahnstraße auf mich zulaufen sah und ich mich genötigt fühlte dafür zu sorgen, dass er auf eine möglichst glatte Oberfläche prallen würde. Ich versuchte, Ordnung in mir herzustellen und darüber meinen Frieden mit allem zu machen. Ich wurde kurzzeitig verrückt und dann besessen von dem Gedanken, das Geheimnis um das Postskriptum zu lüften. Irgendwann konnte ich an nichts anderes mehr denken. Ich lag im Bett, fiebernd und scheißgebadet, den Umschlag in Händen oder unter dem Kissen. Ich klammerte mich daran fest, mehr als an allem anderen. Ich weinte und erbrach mich in den Schoß der Frau, die ich geheiratet hatte und steckte meine Kinder mit meinen Schrecken an. Schließlich wurde mir bewusst, wie sehr ich in all den Jahren Leichtigkeit aus der vermeintlichen Gewissheit bezogen hatte, mir mit der Einlösung meines Versprechens eine Art zweites Leben verdient zu haben. Unbewusst hatte ich darauf vertraut, eine Rückfahrkarte in die Zeit zu besitzen, in der ich vom Glück träumen durfte wie von etwas Fiktionalem, etwas ganz und gar Großartigem, das einem zuteil wurde, bloß weil man daran glaubte. Gleichzeitig offenbarte sich mir, was ich mir selbst und den Menschen, die mich liebten, angetan hatte, indem ich tatsächlich ein getriebener Windhund blieb, der seinen Anstand daran festmachte, ob er im Gleichgewicht zwischen ausgeschlagenen Chancen und angenommenen Nötigungen verblieb. Und plötzlich wurde es mir egal, ob ich als Feigling sterben würde, dass ich aber nicht wie einer leben wollte. Im verschlossenen Umschlag befand sich keine Rückfahrkarte, kein ungelöster Freifahrtschein, sondern die ungelochte Verantwortung für mein Leben. Ich begriff, dass ich keine Wahl ausschlagen konnte, die ich längst angenommen hatte. Ich aß Suppe von Löffeln, die ich nicht selber hielt, ich schluckte meine Medikamente und heulte in den Nächten wie ein kleiner Junge. Ich träumte von Elena; nichts Konkretes, auf das ich mich später besinnen konnte, nur wirre Fetzen aus Worten, Gesichtern, Plätzen, Gelächter und von Schritten, die sich entfernten.
Ich wurde gesund.

Mit zitternden Händen entfalte ich das Papier und muss lächeln, aus vielen verschiedenen Gründen. Es ist überaus seltsam, mit den Fingern über die festen Fasern zu streifen und mich auf gewisse Weise übertölpelt zu fühlen, betrogen um jede Form von Feierlichkeit. Szenen von Exhumierungen gehen mir durch den Kopf. Ich befreie tausend Geister in einem einzigen Augenblick. Elena. Ein Synonym für so vieles, entfleischt, beseelt, entmachtet. Ein Geist, der mir zuzwinkert. Ein Schatten in einer Pfütze am Ende eines langen Tunnels. Der Weg, nicht das Ziel. Die Ehre, die sie mir erweisen wollte, liegt zertrampelt vor mir. Sie atmet nicht. Und doch sehe ich nichts anderes als kleine Wolken von Luft, die ihrem gesichtslosen Mund entsteigen. Ihr Atem beschlägt mich innerlich. Ich fasse nach dem Bild und lasse es entgleiten. Eigenartig, wie ambivalent wieder einmal alles ist, wie ich auf dem Boden hocke und mich selber dabei beobachte, gefangengenommen von einem Anflug außerordentlichen Desinteresses, von dem ich nicht sagen kann, ob es echt oder nur gewollt ist. Das ganze Zimmer füllt sich nach und nach mit ihrer Präsenz. Einem diffusen Flimmern. Es ist, als würde ich in die Sonne blinzeln. Wie konnte ich vergessen? Mir kommt in den Sinn, wie verwechselbar Geringschätzung und Liebe sind und wie schwer es ist, sich darauf festzulegen, was man begehrt. Wen man begehrt. Den Menschen oder das, was er in einem an Begierden auszulösen vermag? Elena war Definitionskünstlerin und einmal hat sie mich gefragt, was ich für das Gegenteil von Liebe halte. Ich fand die Frage so unspannend wie albern. Ich sagte ihr, Liebe habe nach meinem Dafürhalten kein Gegenteil. Ich sagte es so dahin, weil mir auf die Schnelle nichts Besseres einfiel. Aber ich lag wohl so richtig, dass mir bis zum heutigen Tag keine bessere Antwort einfallen will. Der Tag, heute ist der Tag. Meine Augen finden das vertraute Schriftbild. Konservierte und konservierende Worte. Postskriptum Dreiundfünfzig. P.P.S.
Heute ist wirklich der Tag. Der Knoten löst sich. Er tut es wie Taue, die unter Wasser schweben. Was durch das Lösen aufgerieben wird, ist nichts als Schmutz. Partikel, die gen Oberfläche treiben, irgendwo in einer Dunkelheit, die sich nicht besehen lässt. Auf den Planken hockend löse ich mein Versprechen ein und lese die Zeilen, die Elena vor so langer Zeit verfasste. Ein Teil von mir bleibt zurück, während meine Augen Wort für Wort vorwärtsschreiten. Mein ganzes Leben zieht an mir vorbei, gespickt mit Löchern, Abgründen, Ungenauigkeiten, Vermessen und Doppeldeutigkeiten, die in ihrem finalistischen Pulsieren doch eine eindeutige Aussage haben.

Postskriptum.
Wer ist der Würde würdig?

"Liebster Arno,
ich habe endlich eine Wahl getroffen – und zwar deine. Meine habe ich eingetauscht gegen eine vage Hoffnung, die ich ganz dir überlasse. Ich liefere mich aus und zwar in einem Umfang, der gerade genug Sinn ergibt, um mich davon abzuhalten, über meine Entscheidung nachzudenken. Ich glaube, dass all das Große immer vor uns liegt und dass es uns deshalb gelingen muss, unsere Kurzsichtigkeit im Zaum zu halten. Ich versuche in diesem Augenblick auf dich zu schauen wie auf Schrödingers Katze. Und ich frage mich, was man einem solchen Bi-Tier zu fressen gibt. Das Tote frisst sich hinein in das Lebendige und das Lebendige frisst von dem Toten. Bin ich tot, Arno? Wieviele Stunden, Tage, Wochen, Monate und Jahre mögen zwischen dem Verfassen und dem Lesen dieser Zeilen liegen?
Wenn ich mir diese Frage beantworten könnte, gäbe es diesen Brief nicht. Gut und Böse, alle Gegensätze sind eine fiktionale Größe, von der wir uns verleiten lassen, schicksalsgläubig oder abtrünnig zu werden. Es ist allein die Zeit, die lockert und festigt, die darüber verfügt, was recht und was billig ist. Eigentlich ist Zeit die einzige Größe, auf die wir vertrauen dürfen. Es ist schon komisch, aber ob du verstehst, was ich dir gerade zu sagen versuche, hängt nicht davon ab, wer du bist, sondern nur, wann du bist. Mein Postskriptum, Nemesis und Narkissos zugleich, eine Katze mit zwei Köpfen und ohne Gesicht. Ein Mythos. Und genau dem liefere ich uns aus.
Ich habe alles aus- und auf eine einzige Karte gesetzt. Du hast einmal gesagt, Liebe habe kein Gegenteil und ich fand das so einleuchtend, denn wie sollte etwas Absolutes, Alleseinnehmendes einen Spiegel haben?
Ich komme mir ein wenig vor wie Dornröschen. Wie hoch ist die Hecke gewachsen? Schlafe ich noch oder bin ich tot?
Du hast deine Entscheidung getroffen. Du hältst deine Antwort parat. Wird mein Telefon gleich klingeln? Morgen? In zwei Wochen? Nächstes Jahr? Werden wir noch einmal durch die Straßen von P. flanieren und wenigstens einige Schritte nebeneinander gehen? Oder wirst du dir morgen einen schwarzen Anzug kaufen, alter Mann? Erinnerst du dich überhaupt noch an mich?
Ich liebe dich, E.
PPPS.: Meine neue Adresse habe ich auf der Rückseite dieses Blattes vermerkt.“

Die zu Staubflocken zerfallende Zeit ist mein Zeuge.
Hier knie ich vor gähnender Leere und bin zu fassungslos, um mich erschüttert zu fühlen. Nicht nur der Tag nimmt eine unerwartete Wende, mein ganzes Leben tut es. Bäumt sich hinter mir auf, streicht und flattert wie eine Fahne im Wind. Alles fliegt und kanalisiert sich in einem gesichtslosen Wort. Ich tanze auf meinem eigenen Grab. Ich wiehere wie ein Esel, ich blöke wie eine tote Katze. Ich schüttele mir selbst die Hand. Ich zerberste in unzählige Teile.
Einer davon trägt einen Namen. Elena.

Schwer ist das Herz.

7

Diesen Text mochten auch

3 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    tl;dr

    19.10.2019, 04:07 von Moogle
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Deine Texte werden mir fehlen. Wo wirst du sie künftig veröffentlichen?

    16.10.2019, 12:43 von jetsam
    • 0

      im Heimatmuseum.


      Ich hoffe, dass es der Schriftstellerin gut geht, und sie ihr Leben geniessen kann.
      Dank an alle, die einst hier waren und fuer Stimmung sorgten.

      Gute Nacht Freunde, es wird Zeit fuer uns zu geh´n, was ich noch zu sagen haette........
      Chaooo, bleibt gesund oder werdet es.

      saludos de Venezuela 

      Jorge Salazar

      24.10.2019, 09:26 von Dr_Lapsus
    • Kommentar schreiben

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare