JuuTube 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 4

Porzellanengel

Von zerbrechlichem Porzellan und wuchernden Sonnenblumen.

Da lag ich nun. Auf dem weißen Gästebett im Haus meiner Oma. In Norwegen.
Dort komme ich ja auch her. Wieviele Urlaube ich hier schon verbracht hatte? Ich wusste es nicht mehr. Auch das hier war ja praktisch eine Art Urlaub. Urlaub von mir selbst, Urlaub von der Großstadt zu Hause, und vor allem Urlaub von dir. Ich kannte hier fast jeden Gleichaltrigen und jede Gleichaltrige, die meisten waren zwar aus dem Dorf in die Stadt gezogen. Aber Ida zum Beispiel war noch da, sie mochte ich am meisten von den Jugendlichen bzw. mittlerweile Erwachsenen hier.

Doch es war mir so egal, ob Ida hier war oder nicht. Ich dachte ohnehin nur an zu Hause. An unsere Wohnung, die jetzt nur noch deine Wohnung war. Fast jedes Möbelstück darin verband uns, hatte seine eigene Geschichte. Jedes mal, wenn ich aus unserem kleinen gemütlichen Wohnzimmer rausging und auf die schöne, alte Kommode zulief, sah ich dein geduldiges Lächeln vor mir, wie du mein nerviges Betteln ertragen hattest, diese Kommode einem unsymphatischen Trödelmarkthändler abzukaufen, obwohl wir doch gar kein Geld übrig hatten. Ich sah dich, wie du erfüllt und selig lächeltest, nur weil du mich durch den Kauf ein klein wenig glücklicher machen konntest. Ich sah dich, wie du mit einem noch geduldigeren Grinsen, die verklemmte Schublade schließlich öffnen konntest. Ich sah dich, wie du den Inhalt der Schublade hinter deinem Rücken hervorgezogen hattest und ich sah dich, wie du mir dann einen kleinen Porzellanengel in die Hand gedrückt hast. Den Porzellanengel haben wir auf die Kommode gestellt. Ich fand ihn schon immer schön.

Wenn ich an unsere Kommode dachte, und an unseren Engel, fühlte ich mich glücklich.
Ich fühlte mich auch glücklich, wenn ich mich daran erinnerte, wie wir jedes Mal, wenn wir in unserer Wohnung miteinander geschlafen hatten, einen Sonnenblumenkern pflanzten. Es erfüllte mich so sehr, wenn ich das Meer von Sonnenblumen auf unserem Balkon sah, und darunter im Garten unser extra angelegtes Sonnenblumenbeet. Wir wussten nicht mehr wohin mit all den Sonnenblumen und haben sie unseren Freunden und unseren Familien geschenkt. Die letzte Sonnenblume ist nur ein Sprössling. Sie ist 6 Wochen alt.
Ja, 6 Wochen ist es jetzt her, als ich vom Einkaufen nach Hause kam. 6 Wochen ist es her, dass wir uns nicht mehr gesehen haben.

Hast du mit ihr auch einen Blumenkern gepflanzt? Vielleicht einen Rosenkern. Die Rosen sind ja so romantisch und leidenschaftlich und können mit ihren Dornen leicht jemanden verletzten. Aber wahrscheinlich hattest du gar keine Zeit mehr, eine Rose zu pflanzen. Du warst zu sehr damit beschäftigt, dich zu entschuldigen, mir zu versichern, dass es ein Ausrutscher war. Dass Menschen Fehler machen, dass es dir nichts bedeutet hat. In gewisserweise glaubte ich dir, doch das heißt noch lange nicht, dass ich dir verzeihen und wieder vertrauen konnte.
Es wäre alles halb so schlimm gewesen, doch der Anblick, den ich zwischen den Pizzakartons, den neuen Blumentöpfen für die Sonnenblumen, der Einkaufstasche und dem Raumspray hatte, war nicht mit Worten zu beschreiben. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich alles fallen lies und dabei unseren Porzellanengel zerbrach. Ich kann mich daran erinnern wie ich blind vor Tränen wurde. Ich kann mich daran erinnern, wie du, erschrocken von dem Lärm, den ich verursacht hatte, dein Stöhnen unterbrachst und dich zu mir umdrehtest. Ich sah dich nur verschwommen und versuchte die Tränen wegzublinzeln. Du liefst auf mich zu und brabbeltest irgendwas von "es tut mir so leid" und "es ist nicht so, wie es aussieht". Ich hörte dir nicht richtig zu. Mein Kopf war leer, eine einzige Blockade. Ich schaltete wohl auf Autopilot um und schrie dich an, dass wegen dir und deiner beschissenen Affäre unser Porzellanengel kaputt sei. Danach rannte ich zu meinem Auto und fuhr los. Nach Norwegen. Und jetzt liege ich hier, im weißen Gästebett meiner Oma. Tränenüberströmt.
Einmal war ich noch zu Hause, als du arbeiten warst. Ich wollte einige Klamotten abholen. Aber eigentlich wollte ich nach unseren Sonnenblumen gucken. Vor allem nach der neuesten. Wir hatten uns immer so darum gekümmert, als wären es unsere Kinder. Als ich in der Wohnung war, ging es der kleinen Sonnenblume gut.
Und jetzt hielt ich das Foto in der Hand. Du hast mir keinen Brief geschrieben. In deinem Umschlag war nur das Foto. Die kleine Sonnenblume stand auf unserer Kommode. Du hattest sie in einen weinroten Blumentopf umgepflanzt. Sie stand da und strahlte vor sich hin, als könnte sie mit ihrem intensiven Gelbton alle Probleme der Welt überstrahlen. Daneben hattest du den Porzellanengel gestellt. Ich konnte die Risse genau erkennen. Du hattest unseren Engel wieder zusammengeflickt. Und ein Zettel klebte an dem roten Blumentopf. Das war deine erste Badezimmerspiegelnachricht. (Wir hinterließen uns fast täglich kleine Liebesschwüre auf dem Badezimmerspiegel.) Ich erkannte sie. Dann ging ich zu dem einzigen Regal im Gästezimmer meiner Oma, in dem sie meine Kindheitssachen aufbewahrt hatte. Ich zog zwei Kartons heraus und betrachtete sie lange. Auf dem einen stand in meiner krakeligen Kinderschrift "schöne Erinnerungen", auf dem anderen "das wird für immer bei mir bleiben". Schließlich öffnete ich den schöne-Erinnerungen-Karton, legte das Foto hinein, verschloss ihn und schob ihn in die hinterste Ecke des Schrankes.

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