SarahJoesy 30.07.2012, 11:06 Uhr 2 1

Physisches Übel

Außer Sichtweite übergebe ich mich hinter dem nächsten Baum. Diesmal weiß ich nicht, ob du oder ich selbst der Grund dafür bin.

Es kommt wieder, ich kann es  spüren. Je eine Hand auf Mund und Magen gepresst, taumel ich in Richtung Badezimmer. Ich muss mich übergeben,  schon wieder. Wegen dir. Immer noch wirkt sich deine Liebe physisch auf mich auf. Aber aus Schlaflosigkeit und diesem Ziehen im Bauch wurde Übelkeit.

Ich schnappe mir meine Tasche und verlasse fluchtartig die Wohnung. Ich bin zu früh dran, aber ich kann hier nicht mehr sitzen und warten. Das Warten macht mich verrückt. Ich werde dich wiedersehen, das erste Mal seit 5 Monaten. Wir werden uns an altbekannten Orten treffen, die durch und durch getränkt sind mit alten Erinnerungen. Allein der Gedanke daran fordert die nächste Welle der Übelkeit.

Ich stehe dort, du kommst zu spät. Verzweifelt versuche ich eine Position zu finden, in der ich dich auf jeden Fall kommen sehe. Ich will nicht von dir überrumpelt werden, will keine unvorhersehbare Reaktion. Ich will vorbereitet sein. Ich starre auf mein Handy, du bist 15Minuten zu spät. Aber ich weiß, dass du kommst.

Leichten Schrittes, viel zu sommerlich angezogen und mit einem breiten Grinsen kommst du auf mich zu. Du ziehst deine Show ab, hätte ich eigentlich mit rechnen können. Deine Haare sind kurz, fast schon abrasiert. Es sieht anders und gefährlich aus und ich bin froh darüber. Wir stehen da, du umarmst mich, meine Arme baumeln wie die einer Puppe reglos an meinem Körper herunter. Ich kann mich nicht überwinden, dich anzufassen.

Unser Zusammensein könnte ein schlechter Sketch sein. Ich weiß nichts zu sagen, kann dich nicht ansehen. Ringe mit den Händen um vor dir das Zittern zu verbergen. Dein Blick ist offen, du sitzt mir zugewandt, schaust mich direkt an. Du bittest mich mit dir zu reden. Ich weiß nicht was ich sagen soll. Ständig rückst du ein bisschen näher, berührst mich scheinbar zufällig. Am Anfang rutsche ich noch unauffällig weg, später ziehe ich mit einem Stöhnen meine Hand weg. Offensichtlich. Du kannst das nicht verstehen.

Du willst Zeit mit mir verbringen, sagst du. Das klingt nach meinem größten Albtraum. Wir setzen uns an den Fluss, beobachten kleine Kinder. Als ich einem kleinen Jungen zulächle und eine Grimasse schneide, fällt deine Fassade. Zu der ganzen Welt sei ich offen und warmherzig, nur zu dir so kalt. Ich stimme dir zu und schaue dich das erste Mal an. Du weinst.

Endlich kann ich sagen, was ich sagen muss. Endlich löst sich meine Starre. Jetzt, wo du schon am Boden liegst, deine ganze Show aufgeflogen ist, jetzt fällt es mir leicht, auch selbst noch einmal zuzutreten. Es ist vorbei, sage ich dir. Ich könnte nie wieder mit dir zusammen sein. Du bist ein guter Mensch, aber du tust viele böse Dinge. Damit kann ich nicht leben.

Du fasst dich wieder und die Show beginnt von Neuem. Du zündest dir eine Zigarette an. Nur eine Umarmung, nur ein Kuss. Wenn ich mir doch so sicher bin, dann macht das doch jetzt auch nix mehr. Mein einziges Argument ist, dass ich nicht will. Sowas konntest du noch nie akzeptieren. Nun beginnt meine Fassade zu bröckeln, ich merke wie ich drohe abzurutschen. Meine Beine sind nervös, immer zur Flucht bereit.

Ich zwinge mich sitzen zu bleiben und dir absichtlich weh zu tun. Mein Plan B. Ich habe mit jemand anderem geschlafen, direkt nach dir. Und ich habe jemanden kennen gelernt. Es ist, als würde deine Mimik aufgeben, du schlägst die Hände schützend vors Gesicht. Ich fasse dich das erste und letzte Mal an, streiche dir über den Kopf und gehe.

Außer Sichtweite übergebe ich mich hinter dem nächsten Baum. Diesmal weiß ich nicht, ob du oder ich selbst der Grund dafür bin. Ich ekel mich an und ich denke nur eins. Ich hasse dich. Deine Liebe bereitet mir physisches Übel. Aber nicht nur. Deine Liebe macht mich schlecht.

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2 Antworten

Kommentare

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  • 0

    warum macht seine liebe dich schlecht???


    11.09.2012, 14:48 von Frauuzi
    • 0

      Seine Liebe macht sie schlecht, weil sie so verletzt. Sie ist unfähig, normal zu handeln. Sie behandelt ihn schlecht.

      18.10.2012, 23:27 von SarahJoesy
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