unequalled 13.05.2013, 22:29 Uhr 2 11

Phoenix

Während ich den kalten Rauch in die Morgendämmerung blase,fühle ich mich wie ein Phoenix,der gerade eben aus der Asche auferstanden ist...


Morgen früh, kann ich den Sprinter abholen, die alte Rostlaube eines Freundes, die mich in ein neues Leben fahren wird. Meine Möbel sind verkauft und alles, bis auf paar Kleinigkeiten in Kisten verstaut. Mit fein säuberlicher, fast kindlicher Schrift habe ich die Umzugkartons beschriftet: Küche, Badezimmer, Schlafzimmer, Wohnzimmer, Bücher, Fotos und Krimskrams. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, vor meinem Umzug alles restlos wegzuschmeißen und auszusortieren, was mich an mein früheres Leben und meine Zeit hier an diesem Ort erinnert. Doch irgendwie hat das nicht funktioniert und ich habe alles achtlos in die Krimskrams Kiste geworfen. Bevor der Umzug beginnt, hab ich noch ein paar Stunden Zeit, also koche ich mir eine Tasse Tee und mache es mir auf dem kalten Boden mit Erinnerungen an alte Zeiten gemütlich.

Neben mir ein schwarzer Müllsack, eine Schere und besagte Krimskrams Kiste. Vorsichtig löse ich mit der Schere sorgfältig die Klebestreifen,klappe den Deckel auf und entscheide mich dazu, jetzt mit dem Aussortieren anzufangen, schließlich habe ich noch genug Zeit und bei der Hitze kann ich eh nicht einschlafen.

Viel landet in dem schwarzen Müllsack: Kuscheltiere, alte Theaterprogramme und auch von meinen alten Klausuren trenne ich mich. Der Abschied von alldem davon fällt mir nicht schwer, beginnt doch morgen mein neues Leben in einer fremden Stadt, in einer neuen Wohnung.

Ich nehme einen großen Schluck aus meinem Teeglas, warme Flüssigkeit die sich in meinem Körper breit macht und ein wohliges Gefühl in meiner Magengegend hinterlässt. Ich greife zurück in die Kiste, irgendetwas hängt fest,hat sich zwischen all dem Sammelsurium an Erinnerungen verhakt. Ich ziehe kräftiger und ein stechender Schmerz zieht sich von meinem Finger bis zu meinen Fußsohlen. Schnell ziehe ich meinen Finger zurück und merke, dass ich mich geschnitten habe, sauge kurz an der Wunde und habe den eisenhaltigen Geschmack von Blut in meinem Mund. Nachdem ich ein Taschentuch um die Wunde gewickelt habe, möchte ich wissen, wer der Übeltäter ist, greife erneut in den Umzugskarton und befördere einen alten Bilderrahmen mit kaputten Glas hervor. Kurz bleibt mein Atem stehen und mein Herz macht einen kleinen Aussetzer. Ich hätte nicht gedacht, dass ich diesen Teil meines Lebens immer noch mit mir rumtrage und ärgere mich, dass ich nicht früher angefangen habe auszumisten. Am Boden des Kartons finde ich eine alte Schachtel, der Deckel ist schon eingedrückt und die ganze Schachtel total verstaubt. Vorsichtig streiche ich über den Deckel, wische den Staub weg und überlege kurz, ob ich sie öffnen soll. Schnell nehme ich einen Schluck von meinem Tee, der inzwischen kalt und abgestanden schmeckt und öffne sorgsam den Deckel. Mir entgegen springen alte Fotos, Briefe, Festivalbändchen und -Tickets, eine Konzertkarte von den Skatoons und eine alte abgegrabbelte blaue Gauloises Kippenschachtel mit einer letzten Zigarette darin. Schlagartig wird mir alles wieder bewusst -

Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie er gerochen hat, jede einzelne Regung seines Körpers, abhängig von der Stimmung. Das schmale Gesicht, die vollen Lippen und seine graublauen Augen. Der muskulöse Oberkörper, seine starken Armen, an denen sich die Venen in einem hellen blau abzeichneten.

Ich sehe ihn vor mir, wie er genüsslich an seiner Zigarette zieht, den Rauch einzieht, dann mit einem verächtlichen Schnauben ausatmet und mir ihn Mitten ins Gesicht bläst. Dabei hat er dieses hämische Grinsen auf den Lippen, dass mich von oben herab anstiert und geringschätzend mustert. Innerlich zerreißt es mich, aber stattdessen bleibe ich sitzen, lächle und lasse alles über mich ergehen. Schnitt- Er und ich sind auf einer Party, zusammen. Er spielt den großen Gönnern, nimmt mich in den Arm, küsst mich, schäkert mit den Anderen und mimt den großen Superhelden, den besten Partner, den eine Frau nur haben kann. Ich lache und nicke an den richtigen Stellen. Schnitt- Kaffee bei meiner besten Freundin, er und ich auf dem roten Sofa. Er will Kaffee und bekommt ihn von mir mit einem Lächeln serviert. Er nimmt mich in den Arm, küsst mich und erzählt den anderen, wie glücklich er sich schätzen kann eine solche Frau wie mich gefunden zu haben. Schnitt. Er sitzt auf dem Bett und ich neben ihm, vor uns eine Pizza, ich greife nach einem Stück, weil ich den ganzen Tag noch nichts gegessen, sondern nur Kaffee getrunken habe, so wie in den letzten Tagen. Nichts als Kaffee, Wasser und Tee.- Den letzten Apfel hab ich am Montag heimlich in der Mittagspause verdrückt, wusste ich doch, dass ich ihn am Abend Wiedersehen würde.Ich höre nur ein verächtliches Schnauben gepaart mit einem tiefen Räuspern und lege das Stück wieder zurück, mir wird bewusst, dass er neben mir sitzt und ich unterdrücke meinen Hunger. Aber das ist es mir wert. Schnitt- Treffpunkt Badesee, die Anderen sind auch alle dabei. Wieder spielt er den großen Helden brüstet sich mit seinen Taten und lässt seine Muskeln spielen. Ich unterhalte mich mit meiner besten Freundin, über alte Zeiten, alte Freunde und was aus ihnen wohl geworden ist. Ernten tue ich nur einen bösen Blick voller Abscheu von ihm, ein Schauer läuft mir über den Rücken und ich kann nur erahnen, was mir nachher wieder blüht. Schnitt - Ich in einer fremden Stadt, in der Stadt, in der er einmal die Woche zur Schule geht. Seitdem ich dort wohne und mein Praktikum mache, kein Lebenszeichen, keine SMS, kein Anruf von ihm – Nichts- so als wäre ich unsichtbar. Bis auf diesen Tag im April. Er macht es kurz, da war nie und da wird auch nie mehr als Freundschaft sein. Schnitt

Hastig trinke ich eine Schluck vom Tee und spucke ihn im gleichen Moment wieder aus, der Teppich bekommt Flecken. Langsam ziehe ich mit meinem Finger die Spuren nach und überlege.

Mir wird bewusst, dass ich ihn geliebt habe. Ich habe ihn geliebt- Jedes Mal, wenn er mich verächtlich angesehen hat und ich mich abscheulich gefühlt habe. Jeden seiner Blicke, die Blicke eines wunderschönen Mannes auf ein hässliches Ekel wie ich es bin, habe ich geliebt.

Mein Verstand hat mir gesagt er sei fies und gemein zu mir gewesen, mein Herz hat geweint und ihn wütend verteidigt. Jedes Mal, wenn ich an seinem Haus vorbeigefahren bin, wollte ich anhalten, klingeln und mich dafür entschuldigen, dass ich ihm solchen Kummer bereitet habe.

Damit ist jetzt endgültig Schluss. Wütend und voller Abscheu werfe ich die letzten Überreste und Andenken an ihn in den Müllsack. 5 lange Jahre hab ich ihn mit mir herumgeschleppt. Wenn ich morgens aufgestanden bin, war er neben mir in der Dusche und hat mir beim Frühstücken gegenüber gesessen. Beim Mittagessen saß er genau daneben und hat jeden meiner Bissen mit Argus Augen betrachtet und mit einem verächtlichen Schnauben kommentiert. An ganz schlimmen Tagen lag er nachts neben mir im Bett und hat mich ausgelacht. Mir leise ins Ohr geflüstert, wie naiv ich doch bin und hat mir eingetrichtert, dass der Mann neben mir nicht an mir, sondern nur an meinem Körper interessiert sei. Tagtäglich, 5 lange Jahre hat er mich auf Schritt und Tritt begleitet und mir weiß gemacht, ich sei ein Niemand. Ich habe das verinnerlicht, was er mir beigebracht hat. Eine viel zu lange Zeit war ich der Meinung, dass ich es nicht wert bin, dass ich ein abscheulicher Mensch bin, der es nicht verdient hat geliebt und gemocht zu werden.

Während ich den Müllsack fester zu knote, muss ich an die Worte eine lieben Freundin denken, die mir gesagt hat, dass ich endlich anfangen muss, dass in mir zu sehen, was andere in mir sehen: Eine starke, selbstbewusste Frau, die auch jede noch so schwere Situation meistert.

Den Müllsack pfeffere ich mit voller Wucht in die stinkende Mülltonne, dahin wo auch er gehört. Ich stelle mich ans Fenster, zünde die übergebliebene Zigarette an, zerknülle die alte blaue Schachtel und werfe sie in die Nacht. Bei jedem Zug wird mir bewusst, dass ich nicht das bin, was er mir versucht hat einzutrichtern. Er ist der Mensch, der es nicht verdient hat geliebt zu werden, weil er nicht lieben kann, weil er andere wie Dreck behandelt, weil er der abscheuliche Mensch ist, für den ich mich immer gehalten habe.

Ein letzter Zug an der Zigarette und ich schnipse den glimmenden Stummel in die Nacht, ein letztes Aufglühen. Während ich den kalten Rauch in die Morgendämmerung blase, fühle ich mich wie ein Phoenix, der gerade eben aus der Asche auferstanden ist um ein neues, ein besseres Leben zu beginnen

Ab Morgen bin ich in der fremden Stadt, ich werde lieben, ich werde lachen, ich werde weinen und auch verletzt werden, aber mein Leben wird nicht mehr durch ihn bestimmt werden.

maybe someday I will take revenge


Tags: Exfreund, Trennung, Neuanfang, Veränderung
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2 Antworten

Kommentare

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  • 0

    berührender text.. ich wünsche dir, dass du ihn aus deinem herzen bekommst, ohne es dabei irreperabel zu zerstören.

    01.12.2014, 23:13 von ev_84ar
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  • 1

    Sehr mitreißend ! 

    14.05.2013, 01:33 von jana.chiquita
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