Alceste 15.02.2014, 17:25 Uhr 2 3

Phönix (1)

.:.

Brennen!
Brennen und Zerfallen:
Asche, Rauch und Staub und Elend,
was vorher eine Welt, ein freier Flug gewesen.
Damit hätt' man rechnen können, rechnen sollen,
sagt so mancher, aber wer ist mancher und was weiß er schon
vom Mut des Flugs, von Höhenluft und Wolkendeckensturz,
vom nimmermüden Flügelschlag in Richtung einer Sonne,
die doch immer unerreichbar bleibt.
Was weiß denn mancher schon von unsrer Welt und unsrem Kern,
es ist ja nicht die seine, nicht der seine,
wir woll'n Flügel - er will Beine,
wir woll'n sein und dafür Schwung,
er will festen Boden und die Rechnung.  
Danke Mancher, aber danke nein, lieber Brennen und Zerfallen
als ewig Berg und ganz und gar allein zu sein.
Leben heißt ja nicht entziehen, und wenn doch,
wohin in aller Welt willst du denn fliehen,
auch am Ende einer Welt ist Welt und bleibt dort noch -
du kommst hier niemals lebend raus.
Bleib' doch hier und gib dich hin,
füll' die Tage jetzt mit Sinn:
du wirst den Tod ja nicht besiegen,
lass dich doch, nur weil du sterben musst, nicht unterkriegen:
Umarme das, was du vermagst, und sieh zum Scheitern wie zur Sonne,
umarme alles Unvermeidliche:
Dort sind Tod und Sonne - hier sind deine Tage, also wähle.
Soll der Tod doch machen. Soll ein Mensch doch schweigen.
Soll'n die anderen doch neiden: Wir woll'n ungebrochen bleiben,
in allem, was uns widerfährt, in allem, was wir sind:
Es ist ja wieder, immer wieder ein Verlieren,
ein Verlust von Atemzug zu Atemzug,
entgegen allen Widerstands, so sehnend, spaltend,
hin zu einem Ende, das man nicht versteht,
da man vernichtet wurde, ist, mit müden Augen,
immer wieder, wieder nur ein Wille, der vereitelt wurde
und immer wieder nur vereitelt werden wird bis uns der Tod erwartet.
Doch welcher Wille? Und was tut die Welt, wer hindert uns, zu lieben?
Man will ja lieben,
aber doch nicht fürchten,
man will ja lieben,
aber doch nicht leiden.
Dennoch ist der Kerker, Keller oder Turm
kein Ort, an dem leben kann, nur Rückzug,
Fahnenflucht, Wundenlecken und Erstarrung
und Erkältung, Lebensfeindlichkeit und Abkehr.
Gegen Tod und Liebe gibt es keine Abwehr.   
Liebe ist der Puls des Lebens,
alles andere ist Warten, Stillstand und Verzicht
auf mögliche Erhebung aus dem Schlamm des Daseins,
nein, dieser Tod wird nicht gewählt, wir sind nicht hier
um aufzugeben.
Man will lieben,
eben darum muss man überwinden, weiter machen, immer weiter wie bisher, ohne den Verlust zu fürchten oder gar sich selbst:
Brennen und Zerfallen, um abermals und immer wieder
aufzustehen aus diesem Feuer, das uns tötet und gebiert:
Brennen und Zerfallen, wieder Brennen, wieder Fallen, bis zum Ende.
Man will lieben,
eben darum darf man nicht das Feuer scheuen und muss selbst das Feuer sein: Phönix! und das heißt: sich hinzugeben, ganz und gar und ohne Furcht, bejahend, was man ist und sein will: ein liebender Mensch.

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2 Antworten

Kommentare

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    "You can't burn out if you're not on fire"

    16.02.2014, 02:58 von gluecksinsel
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    einer der schönsten texte die ich gelesen habe. danke!!


    15.02.2014, 20:26 von Bambadaboom
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