Phantomschmerzen
Du hast nur einen Arm. Und du tust mir kein bisschen Leid.
Ich weiß nicht, wie diese Verletzung zustande gekommen ist.
Ob es ein Unfall war, ob du so auf die Welt gekommen bist oder ob du dir selbst den Arm abgetrennt hast.
Wir redeten nie darüber. Nie direkt.
Ich machte öfter Anspielungen, wie, dass du ja nur mit einem Arm im Leben stehst oder ich nannte dich liebevoll meinen einarmigen Banditen.
Du warst übrigens auch wie ein einarmiger Bandit; ab und zu- sehr selten- knackte ich den Jackpot, aber meistens zog ich nur Nieten.
Ich ekelte mich vor deinem Armstumpf.
Ich fasste ihn nicht gerne an.
Du akzeptiertest das.
Du wundertest dich genauso über meinen zweiten Arm.
Manchmal dachte ich, du kommst von einem fremden Stern, wo alle nur einen Arm haben.
Als ich dir das mal erzählt habe, als wir beide besoffen waren, hast du gelacht und mir erklärt, dass du manchmal über mich genau das Gleiche denkst.
Wir hatten viel Spaß miteinander und ich habe viele Sachen von dir gelernt, vor allem, wie man mit nur einem Arm durchs Leben kommt.
Ich fand deine Methoden zwar nicht immer gut, aber ich akzeptierte sie, manchmal bewunderte ich dich auch dafür.
Du sahst mich immer sehr verdutzt an, wenn ich etwas mit zwei Händen tat.
Du erklärtest mir, dass man für viele Dinge nur eine Hand braucht, aber manchmal beobachtete ich dich, wie du automatisch deinen Armstumpf bewegtest, als ob du zwei Hände hättest.
Ich glaube, manchmal wünschtest du dir zwei Arme.
Ich glaube manchmal weintest du.
Und als ich dir vorgeschlagen hatte, dir eine Prothese anfertigen zu lassen, wurdest du sehr wütend.
Wir konnten uns nie an den Händen fassen und richtig drehen.
Unsere Kreise wurden immer dreieckig.
Wir konnten nichts vollkommenes bilden.
Ich war nicht in der Lage dich zu halten, du, der nur eine Hand zum halten hatte.
Und ich wurde wütend und habe dich angeschrieen, ich war so unglaublich wütend auf dich.
Ich habe dir an den Kopf geworfen, dass du eine Missgeburt bist und jeder Mensch zwei Hände hat.
Ich habe versucht, aus dir herauszuprügeln, wie der Unfall bzw. die Tat damals passiert ist.
Ich wollte dich zwingen, deinen Körper mit Hilfe der Medizin wieder vollkommen zu machen.
Du hast damals oft gekontert, ich könne mir auch den zweiten Arm entfernen lassen.
Es täte nicht sehr lange weh, irgendwann würde der Schmerz verschwinden und die Phantomschmerzen würden nur ab und zu auftreten.
Wir haben uns dann getrennt.
Ich glaube wir konnten beide nicht mehr.
Ich habe dich dann irgendwann später noch zweimal mit einem Partner gesehen.
Das erste Mal war jemand bei dir, der drei Arme besaß. Er trug dich huckepack über die Straße und er sah sehr glücklich aus.
Das zweite Mal sah ich dich mit jemandem, der auch nur einen Arm hatte.
Ihr lieft nebeneinander her, aber schient beide mit euren Gedanken woanders zu sein.
Trotzdem traute sich keiner, zwischen euch hindurch zu laufen.
Ich auch nicht.
Aber immer, wenn ich dich sehe, habe ich unerklärliche Schmerzen an der Stelle, wo eigentlich mein kleiner Finger sein müsste, den ich damals verlor, als wir uns verließen.






Kommentare
"Wir konnten uns nie an den Händen fassen und richtig drehen.
10.02.2007, 12:03 von absolut.spaceUnsere Kreise wurden immer dreieckig.
Wir konnten nichts vollkommenes bilden. "
ganz toll geschrieben. großen respect. und übrigends, auch in meinem leben gab es einen einarmigen.
Vielen lieben Dank.
05.07.2005, 22:59 von johanaFröhliche Grüße Johanna
Zuerst habe ich den Text auch etwas falsch gedeutet, aber deine letzter Satz hat dann alles klar gestellt. Wow, du kannst wirklich gut schreiben. Sehr schöne gefühlvolle Metaphern! Danke.
05.07.2005, 18:49 von Lolleich weiß nur zu gut wovon du sprichst.
26.04.2005, 15:25 von oernwar selbst mal ein einarmiger bandit.
und so schön wie du das bild gezeichnet hast, erkennt man klar, wie grausam soetwas ist!
danke für den ergreifenden text!
lieben gruß
örn
Wow. Der schönste Text, den ich bisher hier sah. Danke!
28.03.2005, 18:19 von MasterDominobeeindruckend schön.
23.03.2005, 00:47 von schmittsbube@[Benutzer gelöscht] Gut, ich reagiere aber nicht über.
16.02.2005, 22:15 von johanawenn mir jemand geschmaklosigkeit in einem solchen Thema unterstellt, dann versuche ich zu erklären, nicht mich rechtzufertigen.
Außerdem ist es schwachsinn zu sagen, meine erklärungen wären im nachhinein konstruiert, weil das einfach eine unsachliche aussage ist.
Ich schreibe keine Texte ohne intention und ich überlege mir bei jedem satz genau, was er für eine rolle spielt, sonst könnte ich ihn auch einfach weglassen.
Formuliere das nächste mal doch bitte nicht o radikal.
Gruß JOHANNA
Ist es geschmacklos, eine schwierige Thematik in den
15.02.2005, 14:37 von Tannenwaldphysischen Bereich zu verlagern, oder ist es geschmacklos, eine solche
als "Herzschmerz-Banalität" zu bezeichnen?
@[Benutzer gelöscht] Lieber Yohann
16.02.2005, 19:51 von johanaIch möchte dir natürlichauf deinen Vorwurf, geschmacklos zu sein, anworten(auch , wenn das ein bisschen länger gedauert hat)
Nun ich habe sogar länger darüber nachgedacht , wie du das meints und meine auch verstanden zu haben, was du meints.
Dennjoch bitte ich dich, deinen Vorwurf zu überdenken, nachdem du meine Antwort gelesen hats, da ich den Vorwurf im Hinblick auf das Thema nunja sehr krass finde, weshalb ich dir auch so ausführlich antworten werde.
So:
Ich versuche in meinem Text den Konflikt ziwschen jemandem, dessen 'Seele' bzw. Liebesfähigkeit ganz ist und jemandem, der davon weniger hta, bzw. , dem etwas fehlt, darzustellen.
Noch dazu muss ich klarstellen, dass es in dieser Geschichte weder Anatgonist noch Protagonist gibt.
Nur, weil ich aus der Ich-perspektive erzähle, heißt das noch lange nicht, dass der Ich- erzähler derjenige ist, der normal ist..
Der Ich- erzähler denkt zwar, dass er dir Norm ist, worin ihm der 'einarmige' aber in nichts nachsteht
"Du wundertest dich genauso über meinen zweiten Arm.
Manchmal dachte ich, du kommst von einem fremden Stern, wo alle nur einen Arm haben.
Als ich dir das mal erzählt habe, als wir beide besoffen waren, hast du gelacht und mir erklärt, dass du manchmal über mich genau das Gleiche denkst."
Noch dazuwird durch die Erwähnung des Dreiarmigen nocht verschwommener, was 'normal ist und was nicht.
Ich werte außerdem die Liebesfähigkeit des 'einarmigen' nicht ab, versuche lediglich zu zeigen, dass manche Kombinationen nicht klappen.
Nämlich die, wo man unterschielich viel gibt und nimmt.
Ich bin sogar der Meinung, dass das Fehlverhalten des Ich- erzählers mehr als deutlich wird, da er zu sehr von seiner Liebensfähigkeit überzeugt ist und den anderen nicht akzeptieren kann, was ich eben genau in den Sätzen, die du kritisiert, versucht habe, deutlich zu machen.
Wenn ich jemanden mit einer geistigen Behinderung genommen hätte, könnte ich vielleicht noch nachvollziehen, warum du es geschmacklos findest, wobei ich dein Verhalten nach wie vor fehl am Platz fände, da du dich mit deiner Aussage mehr von behinderten Menschen distanzierst, asl du dir vielleicht bewusst bist.
Auch dieses Verhalten wird (wenn auch auf einer anderen Ebene ) in meinem Text kritisiert.
also: Das Probelm ist, dass du die Rolle des Ich-erzählers und wer gut und böse ist, falsch auslegst.
Das liegt aber an deinem Textverständnis.