Phantome in Berlin
Ich fahre dahin, wo du gewohnt hast. Um mich von dir zu lösen, aber auch um ein Stück mehr von dir zu sehen, dem Ort, an dem du gelebt hast. Mit ihr.
Hilft mir das, zu verstehen? Vielleicht gelingt es mir auch wieder dein Phantom zu sehen, den Schatten, der mich tagtäglich begleitet. Eigentlich begegne ich dir überall. Ich sehe dich in Türrahmen von meinem Bett aus und in der S-Bahn. Ich sehe dich auf der Straße und manchmal sogar im Spiegel. Der Hauptdarsteller meiner nächtlichen Träume bist du sowieso, wobei es an manchen Tagen keinen Unterschied macht, ob ich wach bin oder schlafe. Ich trage dich in mir, egal wohin ich gehe. Es ist, als wärst du unter meine Haut gekrochen wie ein Parasit aus den Tropen.
Und jetzt steige ich aus der U-Bahn, meine Knie zittern und ich sehe mich um, bevor ich mich unsicher auf den Weg mache. Ich bin hier, damit ich kein Detail deines Gesichts vergesse. Dieser Ort war dein Ort. Hier zu sein hält dein Gesicht in mir am Leben. Das Gefühl am Leben. Es ist ein edler und exquisiter Schmerz, so von Kopf bis Fuß von jemandem erfüllt zu sein. Luxuriös in seiner Einzigartigkeit und Unersetzbarkeit. Wenn das weggeht – bleibt von mir nur eine leere Hülle über? Hast du mich schon von innen aufgefressen und lässt nichts zurück, wenn du gehst? Ich muss an Luftballons denken, wie klein und schrumpelig sie drei Tage nach einer Feier aussehen.
Ich werde bei meiner Suche nicht enttäuscht. Ein besonders überzeugender Doppelgänger von dir läuft mit deinem nach links und rechts wippenden Gang, deiner Frisur und deiner khakifarbenen Freizeitjacke auf der anderen Straßenseite und verschwindet in einem Hauseingang. Mit hämmerndem Herzen bleibe ich stehen, bis diese Tür zugefallen ist. Es rauscht und klingelt in meinen Ohren. Es fällt schwer, zu stehen, wenn die Beine nachgeben wollen. Die Dunkelheit hat sich jetzt fast über die Stadt gesenkt. Sie ist der beste Nährboden für Phantome. Ich schüttle ungläubig den Kopf und tue dich als Halluzination ab.
100 Meter weiter biege ich in deine Straße ein. Sie führt um eine Kirche herum, die in der Dämmerung etwas Alptraumhaftes hat. Ich werde selbst zum Phantom, wie ich verängstigt durch die Straße husche. Mein Atem ist schnell und flach. Sehe ich gleich noch deine Frau? Da ist deine Hausnummer. Hier hast du also gelebt, hierher kamst du nachts zurück, umhüllt von einer Fahne von Alkohol, Rauch und Lebenshunger. In dein warmes Nest. Ich hätte alles dafür gegeben, dir dieses Nest geschaffen zu haben. Ich laufe mit hochgezogenen Schultern durch die Dunkelheit, mache einen Bogen um die Gaslaternen, denn ich habe Angst dich zu treffen, du sollst mich doch nicht hier sehen. Was tue ich hier eigentlich? Hier ist deine Haustür – hängt dein Namensschild noch…? Ich würde mit meinen Fingern darüberstreichen, meinem Schmerz und der Sehnsucht neues Futter geben.
Keine Spur mehr von dir. Nur dein Gesicht vor meinem geistigen Auge. Der Nachhall deiner jungenhaften Stimme in meinem Kopf. Ich suche auf dem iPod einen Song, den du mochtest. Wie angetrunken von dem Wissen, dass du täglich über denselben Gehweg gelaufen bist wie ich gerade, suche ich das nächste Café. Ich will mich heute ganz hingeben. Will einfach nur kapitulieren vor dieser Kraft. Gleich hinter dem Hauseingang, in dem dein Phantom verschwunden ist, werde ich fündig. Ich setze mich ans Fenster, packe ein Buch als Alibi auf den kleinen Tisch vor mir und bestelle Montepulciano. Ganz bewusst sitze ich am Fenster, um keins deiner Phantome zu verpassen, die Show kann losgehen. Ich verstecke mich und meine Scham hinter Zigarettenrauch, weil ich glaube, dass alle mir ansehen, was ich hier tue. Heute kann ich nicht weiter. Nicht heute. Ich kann nicht. Morgen fange ich an mich zu häuten wie eine Schlange, um nicht mehr in dieser ekligen, starren alten Haut gefangen zu sein. Geschmeidiger zu werden, beweglicher, neu. Ob Schlangen beim Häuten Schmerzen haben? Irgendwie bin ich mir relativ sicher, dass es so ist.
Ich häute mich. Aber erst morgen. Und die Tränen kommen vom Rauch.






Kommentare
rührend. und das ist ernst gemeint.
20.12.2008, 03:15 von incubusjanesuper geschrieben! und ich erkenne mich mal wieder wieder...solche Aktionen hab ich auch schon gebracht :-)
08.10.2008, 19:47 von sinasangänsehaut! vor allem weil ich mich selbst so darin wiederfinden konnte, dass ich den tränen nahe war. du schreibst wunderbar berührend!
07.10.2008, 01:46 von PulverSchneebekomme ich dann auch bald einen kommentar ? zu meinem ersten.. :)
01.10.2008, 17:24 von bratzileinIch finds klasse, vorallem das Ende.. "Ich häute mich. Aber erst morgen. Und die Tränen kommen vom Rauch" , an manchen Stellen winzig kleine Wörtchen ersetzen, dann wäre es sehr klasse
lieber gruß
schöne Geschichte
01.10.2008, 13:26 von Die-LadyDanke für die Blumen...
30.09.2008, 21:53 von Zioich bring mal bis zum Wochenende das Kontrastprogramm - also was Lustiges. Das darfst du dann auch begutachten... :)
@Zio wird gemacht.
30.09.2008, 21:58 von sophietrauer"Es ist ein edler und exquisiter Schmerz, so von Kopf bis Fuß von jemandem erfüllt zu sein." find ich jetzt aber auch knorke ;)
30.09.2008, 21:49 von sophietrauer