Lucy. 30.11.-0001, 00:00 Uhr 57 13

Perfekte Paare ...

... geh'n mir tierisch auf die Nerven!

Damit meine ich nicht die ebenfalls supernervigen frischverliebten, nicht die Finger voneinander lassen könnenden, ständig überall rumknutschenden Pärchen, sondern diejenigen, die Samstags in den etwas edleren Flaniermeilen deutscher Großstädte mit blasiertem Gesichtsausdruck ihre Designerklamotten spazieren tragen.

Sie hat ihre 45 Kilo Lebendgewicht in etwas Hautenges gewandet und auf den Accessoires kann man aus einem Kilometer Entfernung noch das Chanel- oder Dior-Logo erkennen. Wenn sie einen Pferdeschwanz trägt, so ist der nicht die verzweifelte Konsequenz eines Bad Hair Day’s, sondern sieht aus wie von Vidal Sassoon höchspersönlich gezwirbelt. Alles an ihr ist teuer und das für alle weithin sichtbar. Wie ihr Make up.

Er hingegen trägt Understatement zur Schau. Dieser Mann sieht einfach unglaublich lässig aus, er ist groß, sportlich und gewollt ungebügelt, er trägt seine Jeans so verschlissen wie sich der hippe Designer das einst erträumt hat. Die Turnschuhe sind teuer abgetragen. Die Uhr war unglaublich kostspielig und ist dabei kein bisschen spießig. Die Woche über widmet er sein ganzes Leben der eigenen Firma, Roland Berger oder McKinsey, trägt BOSS-Anzüge, Hemden mit Manschettenknöpfen und gelt das Haar.

Zusammen sind sie ein wandelndes Ärgernis.

Sie führen einem die eigene vermeintliche Unvollkommenheit gnadenlos vor Augen. Ein verunsicherter Blick in den nächsten Spiegel beweist, dass man scheinbar doch nur als 2. Wahl auf die Welt gekommen ist. Man verflucht den Vater, der einem die Nase vermacht hat, die Mutter für ihr schlechtes Bindegewebe und die beste Freundin, weil sie einem versichert hat die kurzen Haare würden einem bestimmt gut stehen. Und selbst wenn man bis zu der Begegnung mit dieser Spezies noch voller Freude das Gefühl hatte, dass man sich im Vergleich zu manch anderen Tagen heute wirklich sehen lassen kann und dass der neue Schal echt super zur Farbe der Augen passt, so ist man doch schneller wieder auf dem Boden der Tatsachen angelangt als Amy wieder auf dem Weg in die Entzugsklinik ist.

Erschwerend kommt hinzu, dass man plötzlich das Gefühl hat, man hätte in diesem oder jenem Geschäft keine Daseinsberechtigung mehr. Seltsamerweise gilt das nicht nur für die Armani und Dolce & Gabbana Stores (wo man sich sowieso höchstens die Einkaufstüte leisten könnte) sondern auch für Zara und Co. Seitdem es hip ist, große Namen mit Billigmode zu kombinieren, ist man nicht einmal hier vor ihnen sicher. Und während man selbst verschämt die Vorhänge der Umkleidekabine enger zieht, damit keiner einen Blick auf das optimistischerweise ausgesuchte Stretchkleid und die auf einmal deutlich sichtbar gewordenen paar Pfund zuviel an den Oberschenkeln werfen kann, stolziert sie draußen in einem Hauch von Nichts auf und ab während er wohlwollende Kommentare grunzt. Mal ehrlich, das braucht doch kein Mensch.

Es dauert nicht lange und man entdeckt wahre Abgründe in seiner Seele. Man wird versucht, sich zu wünschen, dass sich bei diesen Paaren die nach aussen getragene Perfektion zu Hause in gähnende Langeweile verwandelt. Dass der Sex alles andere als heiß ist, weil sie nicht gerne schwitzt. Dass sie sich nichts zu sagen haben, weil sie die meiste Zeit mit ihrem Aussehen und er mit Geld ranschaffen beschäftigt ist. Vorurteile über Vorurteile. Gehegt und gepflegt, weil der Gedanke, dass jemand der vermeintlich alles hat, das nach der letzten Ausgabe der Vogue wünschenswert wäre, auch noch glücklich ist, nicht zu ertragen ist.

Klar weiß ich's besser, und trotzdem …

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57 Antworten

Kommentare

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    Köstlich. Eine sehr pointierte – ja eigentlich schon – Kolumne. Und so nett boshaft. Schön geschrieben. Kein Wort zuviel, und jedes davon eine Message. Das "wandelnde Ärgernis", oder dass "der Sex nicht heiß ist, weil sie nicht gerne schwitzt" – gute Schreibe. Ob es den letzten Absatz als moralischen Rausschmeißer noch gebraucht hätte? Denke nicht. "Mal ehrlich, das braucht doch kein Mensch." ist eigentlich bereits der (bessere) Abschluss. Hab mich sehr gut unterhalten beim Lesen. Danke, Lucy. Bin gespannt auf deinen nächsten Beitrag zur allgemeinen Merkwürdigkeit des (weiblichen) Alltags.

    10.08.2010, 18:09 von divchen
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    Olé Olé, welcome to Munich-City!

    29.07.2010, 14:58 von Reisbaellchen007
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      @Reisbaellchen007 natürlich kann man ein minderwertigkeitsgefühl herauslesen, der text gibt es offen preis.

      über münchen kann ich nichts sagen, ansonsten guter text und ich denke für (fast) jeden absolut nachvollziehbar.

      02.08.2010, 10:35 von valereey
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    Wenn man sich so viel Mühe gibt, vermögen und perfekt zu wirken, ist man bestimmt nicht perfekt. Ich sehe keinen Grund darin, neidisch zu sein.

    Ich finde die Geschichte witzig und musste bei einigen Absätzen typische Alsterspaziergänger denken

    "Ach, bei meinem Sohn in der Klasse da haben ALLE ein iPhone. Jetzt muss er natürlich auch eins haben!"

    28.07.2010, 21:53 von scherzkeks123
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    Für mich absolut unverständlich, was daran perfekt sein soll.

    28.07.2010, 15:40 von emanona
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    Gut geschrieben. Allerdings: ein teurer Kleidungsstil und Make-up sind weder der Inbegriff menschlicher Perfektion, noch sind sie Massstab für die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben.

    Ausserdem: Anstatt das immerwährend in unseren Köpfen vorhandene Streben nach Geld und gutem Aussehen zu verstärken, indem man es solchen Leuten tatsächlich gönnt, sie um ihre verschwenderische Lebensweise zu beneiden, wäre es sinnvoll, sich erstrebenswertere Ziele im Leben zu setzen.

    27.07.2010, 17:57 von alice_
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    dolce und gabanna, dior und wie sie nicht alle heißen sind mir bums. wenn ich solche pärchen sehe, muss ich sagen, fallen sie mir nicht auf. ich fühle mich nicht schlechter, nur weil meine beste freundin seit nem jahr mit nem typen zusammen ist, der zu seinem abitur nen porsche geschenkt bekommen hat, am starnberger see großgeworden ist udn zum wm schauen in lacoste pulli und 5000 euro uhr aufkreuzt. lustigerweise muss ich ihn in meinen kreisen immer verteidigen. ich find wichtiger, was in dem ganzen teuren scheiß steckt, und wenns nix is, isses eben nix. so.

    26.07.2010, 13:39 von Eve_LaMell
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    sorry, aber: laaangweilig..
    bin ja eher ein freund der konstruktiven kritik, aber es ist ja irgendwie auch kein konstruktives thema..deshalb: gehe ich jetzt mal schlafen und träume von dicken armen menschen die bei h&m einkaufen müssen..natürlich nur um mein ego zu stärken .. morgen wird ein toller tach!!

    26.07.2010, 01:18 von Chaosmotte
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    ...und meistens ist doch nichts in der birne. unter dem uniformen blonden pferdeschwanz-helm befindet sich oft ein louis vuittons gehirn und am rechten fleck manchmal eben nur ein tiffany herz.
    ich bin ein münchner kindl und auch stolz darauf, aber NICHT weil münchen angeblich ausschließlich eine reine geldgeile gesellschaft hervorbringt. Wer dieses bild wahrt, macht mit mir eine stadttour! ;)

    24.07.2010, 23:28 von eela
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    ...und sprichst mir aus dem herzen

    24.07.2010, 21:30 von JoannaStarlette
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