P.S. Ich vermisse dich!
Jedes zehnte Paar liebt aus der Ferne - ohne normalen Alltag, dafür mit Reisestress und ewiger Sehnsucht.
Am härtesten ist nicht der Abschied selbst - nicht der letzte Kuss, nicht das letzte stumme Winken, bevor der Zug aus dem Blickfeld rollt oder eine Abflughalle den Liebsten verschluckt. Am härtesten sind die Minuten, die auf den Abschied folgen: dieses quälende Jetzt-bistdu- allein-Gefühl, die Fahrt nach Hause … wo das Bett noch nach dem anderen duftet, wo zwei Gläser stehen, wo die Spuren eines glücklichen Wochenendes noch zu sehen sind. »Man fühlt sich leer in dieser plötzlichen Stille«, sagt Rodrigo. »Und einsam«, sagt Tina. »Aber gleichzeitig ist da noch das Glücksgefühl: Ich bin verliebt und hatte ein tolles Wochenende. Dann beginnt die Vorfreude aufs Wiedersehen.«
So eine Liebe auf Distanz ist immer zwiespältig. Rodrigo und Tina sind Luft- und Raumfahrtingenieure - er ist Portugiese, sie Deutsche. Sie haben sich in Bremen beim Arbeiten kennen gelernt: große Liebe, Gefühlsfeuerwerk und ein glückliches gemeinsames Jahr - bis Tinas Vertrag auslief. Ihre Perspektive: drei Monate Aufbaustudium in Australien und dann ein Job bei der European Space Agency in der Nähe von Amsterdam. »Natürlich war ich sehr unglücklich, als Tina wegging«, sagt Rodrigo. »Aber wenn's nicht anders geht, muss man pragmatisch sein. Ich war ganz zuversichtlich, dass wir's schon irgendwie hinkriegen würden.«
Niemand wünscht sich eine Fernbeziehung. Es gibt aber Menschen, für die man sich dann doch auf so etwas einlässt - auf überfüllte Züge, Einsamkeitsattacken, horrende Telefonrechnungen. Zehn bis zwölf Prozent aller deutschen Paare lieben auf Distanz. Vor zwanzig Jahren noch waren es nur halb so viele - und nach Expertenansicht könnte sich die Zahl bis 2010 verdoppeln. Seid also gewarnt, ihr Glücklichen, die ihr gerade selbstgewiss auf dem gemeinsamen Sofa kuschelt: Es kann wirklich jeden treffen! Niemand ist sicher vor einem Ereignis, das plötzlich Distanz schafft und das Liebesleben durcheinander wirbelt: Da sind verlockende Jobangebote, Auslandsaufenthalte, unvermeidliche Umzüge ... Fernliebende sind meist jung und gut ausgebildet; fast 70 Prozent haben einen Uniabschluss, fast 90 Prozent Abitur. Sehr viele stehen am Anfang ihrer Berufslaufbahn - in einer Zeit, in der Arbeitgeber immer mehr Mobilität fordern und dafür immer mehr unsichere Zeitverträge anbieten. Und schon habt ihr das Dilemma: Euer Herz sagt »Bleiben!«, euer Kopf fordert »Gehen!« Irgendwann stellt sich dann die Hoffnung ein: Es wird schon klappen, trotz der Entfernung. Ist ja nur vorübergehend. Ärgerlich ist bloß, wenn ergraute Leitartikler dann jungen Paaren mal wieder Gebärstreik, Egoismus und Verrat an den Rentenkassen vorwerfen. Zehn bis zwölf Prozent Fernliebende! Sollen die Babys im Koffer mitreisen?
Tina und Rodrigo haben jedenfalls beschlossen: Nicht jammern, sondern das Beste draus machen. Von Bremen nach Australien, einmal rund um den Erdkreis - am Anfang kam's gleich richtig hart. »Unsere Wohnung war wie verwaist«, seufzt Rodrigo. »Und wegen der Zeitverschiebung konnten wir kaum telefonieren.« Dann zog Tina nach Holland, Rodrigo aus Jobgründen nach Turin. Im letzten September kam dann Tinas neuerlicher Umzug nach Bremen. Ob Holland-Italien oder Italien-Deutschland - seit mehr als eineinhalb Jahren trennen sie rund tausend Kilometer. Immerhin war es nie eine typische Pendlerstrecke.
Deutschlandweit berüchtigt sind die Fernbeziehungsflüge von München nach Hamburg, von Berlin nach Frankfurt ... Freitagabend hin, am Sonntagabend zurück - falls man so gut organisiert ist, sich stets Wochen im Voraus die begehrten günstigen Tickets zu sichern. In diesen Zeiten steigt auch die Fernzugauslastung von 40 auf 95 bis 100 Prozent. Tina und Rodrigo haben ein anderes Problem: Es gibt keine Direktflüge von Turin nach Bremen. Mit Umsteigen brauchen sie von Haustür zu Haustür gut fünf Stunden. Trotzdem sehen sie sich alle ein bis zwei Wochen - und finden die Reiserei durchaus machbar. »Das Ganze hat etwas von einer sehr positiven Routine «, sagt Tina. »Aber hibbelig bin ich noch immer, wenn ich Freitagabend in Turin aus dem Flieger steige.«
Ohne ins Kitschige abzudriften: Der erste Kuss nach Wochen ist etwas Besonderes. Kein routinierter Gutenmorgenschmatz, kein zielstrebiges Lass-uns-Sex-haben-Knutschen. Diese ersten Küsse sind fremd und aufregend, gleichzeitig warm und vertraut, eine Mischung aus Nervenzellexplosionen und dem beruhigenden Gefühl, endlich wieder angekommen zu sein. Daran ändern auch die Jahre nichts. Zufrieden angeödete Fernliebespaare gibt es nicht. Aber ab dem ersten Kuss läuft auch die Uhr: Zwischen der Ankunft am Freitagabend und der Abreise am Sonntagabend bleiben etwa 44 Stunden. »Gefährlich ist es, wenn man mit übersteigerten Erwartungen anreist«, sagt die Berliner Paarpsychologin Berit Brockhausen. »Man hat sich das Wochenende wundervoll im Detail ausgemalt - und ist dann eigentlich viel zu müde für die geplante Partynacht, oder der Partner will lieber etwas anderes machen. Man tut sich keinen Gefallen damit, ein Programm abzuarbeiten. Und es ist auch völlig o.k., wenn einer von beiden zwischendurch seine Ruhe haben will.« Also: Nicht versuchen, krampfhaft Versäumtes nachzuholen, sondern lieber entspannt Alltag spielen. Gemeinsam aufwachen, den schlaftrunkenen Liebsten küssen: das höchste Glück. Den Supermarktwagen mit Leckereien vollpacken: der größte Spaß. Händchenhaltend durch die Straßen schlendern: vollendete Seligkeit, obwohl man Spaziergänge früher so spießig fand. »Die alltäglichen Sachen werden zu etwas Besonderem, weil wir sie gemeinsam machen«, sagt Rodrigo. Bei Bremer Nieselwetter machen sich's die beiden bei Tina zu Hause gemütlich. In Turin bummeln sie durch die Stadt oder fahren irgendwo raus aufs Land, gehen spazieren und reden über alles und nichts - »über das, was in der Woche sonst untergeht.«
Ganz schön bitter, wenn die Supermarktschlange für Romantik herhalten muss, kichert ihr Normalopärchen jetzt. Vielleicht. Fernbeziehungen funktionieren eben anders, aber keineswegs immer schlechter als Wir-sehen-unsjeden- Tag-Partnerschaften. »Ich biete zwar auch Seminare für Fernbeziehungspaare an«, sagt Berit Brockhausen. »Aber im Vergleich zu Zusammenlebenden kommen sie nur selten zu einer akuten Krisenberatung in meine Praxis.«
Der amerikanische Psychologe Gregory Guldner vom »Center for the Study of Long Distance Relationships« hat sich seit zehn Jahren auf Fernbeziehungen spezialisiert. Sein Ergebnis: Sie halten durchschnittlich genauso lange wie andere Partnerschaften. Zerbrechen sie doch (wie, realistisch gesagt, leider der Großteil aller Liebesgeschichten), gibt's einen großen Unterschied: Die Beteiligten suchen das Problem selten bei sich, bei unterschiedlichen Interessen, bei ihrer Miesepetrigkeit oder seinem stumpfen Humor ... nein, schuld ist natürlich die Entfernung. Und das reiben Gescheiterte den frisch verliebten Fernbeziehungspendlern gern unter die Nase: »Hab ich ja auch probiert, Wien-Heidelberg, zwei Jahre. Vergiss es. Das hält keiner auf Dauer durch.«
Guldners zweite interessante Erkenntnis: Distanzliebende gehen nicht öfter fremd, obwohl sie mehr Gelegenheit dazu hätten. Allerdings sind sie eifersüchtiger - weil ihnen bewusst ist, wie sehr sie dem Partner vertrauen müssen. Das dritte Ergebnis aus Guldners Studien: Es scheint keine Regel zu geben, wie oft man sich mindestens sehen muss, damit eine Beziehung funktioniert. Andere Punkte sind offensichtlich entscheidender: Ob man es schafft, den anderen am Leben teilhaben zu lassen, auch wenn er hunderte Kilometer entfernt ist. Oder wie man miteinander redet.
Tatsächlich ist das ja eher ein Pluspunkt der Entfernung: Dass man sich intensiver unterhält - unterhalten muss. Schließlich ist das Telefon die einzige Möglichkeit, einander nah zu sein; vom Alltag zu erzählen und auch von den Sorgen, zu lästern, zusammen zu lachen. Fernliebende kommen oft locker auf eine Stunde Telefonie am Tag. Das deutsche Durchschnittspaar hingegen, so eine Untersuchung des Familienministeriums, spricht täglich kaum mehr als zwei Minuten über persönliche Dinge miteinander. Nicht aufregen, ihr Sofakuschler, ihr habt bestimmt bessere Werte! Tatsache ist trotzdem, dass Fernbeziehungen die Menschen dazu bringen, abends nicht einfach den Fernseher einzuschalten oder mit Freunden zu versacken, sondern miteinander zu reden.
Tina und Rodrigo telefonieren alle zwei Tage, »ohne Zwang, wie's eben kommt«, sagt Tina. Tagsüber schreiben sie sich SMS oder kurze Mails - kleine Botschaften, die die Distanz erträglich machen. Wenn sich abends aber die Sehnsucht in die Wohnung schleicht, hilft auch die Technik nichts. Umarmungen lassen sich nicht elektronisch übermitteln.
Ebenfalls problematisch: In jeder Beziehung müssen manchmal die Fetzen fliegen. Soll man den Streit am Telefon austragen? Unterdrücken und bis zum nächsten Wochenende warten? »Am Anfang haben wir uns eher am Telefon gezofft, aber man lernt, das zu vermeiden«, sagt Tina. »Es kommt eben leicht zu Missverständnissen «, sagt Rodrigo. »Beim Telefonieren fehlen der Blickkontakt, die Mimik, die Gesten.« Insgesamt kriegen sich Distanzpärchen seltener in die Haare: Weniger Alltag bedeutet weniger Krimskramsstress. Und weil am Wochenende jede Minute kostbar ist, überlegt man sich zwei Mal, ob man es mit sinnlosem Schmollen verdirbt.
Dazu kommt die Freiheit, von Montag bis Freitag zu tun, was immer man will. Er spielt am liebsten jeden Tag Basketball? Soll er doch. Sie macht zur Zeit wie verrückt Überstunden? Bitte schön! Fast neun von zehn Fernliebenden sagten, dass sie diese persönliche Unabhängigkeit zu schätzen wissen.
Wer noch nie eine gute Fernbeziehung hatte, wird es schwerlich verstehen: Die reden sich ihre Schwierigkeiten doch nur schön! Was ist mit dem nervigen Reisen? Den teuren Tickets? Der Eifersucht? Der fehlenden Spontaneität? Die Freunde, mit denen man wochenends nichts mehr unternehmen kann? Wie gesagt: Niemand wünscht sich eine Fernbeziehung. Es gibt aber Menschen, für die man sich darauf einlässt, weil Distanzliebe ... eben auch Liebe ist. Wunderschön. Manchmal kompliziert. Aber man kann sie im vollen Glauben daran leben, dass alles gut wird, richtig gut. Tinas und Rodrigos Ziel ist klar: Irgendwann wieder zusammenzuwohnen, in Bremen, Turin oder sonst wo auf der Welt. »Eine Fernbeziehung ohne Perspektive kann kaum existieren «, sagt Tina. »Für mich muss da kein Datum feststehen«, erklärt Rodrigo. »Aber ich muss spüren, dass wir beide fest an eine gemeinsame Zukunft glauben.« An das Kuschelsofa, das dann kommt. Ans Happy End.
Tags: Eifersucht, Fernbeziehung, Liebeskummer





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