Organspender
Ich brauche mein Herz nicht mehr. Das Ding hat eh nur Ärger gemacht.
Ich habe mein Herz der Forschung zur Verfügung gestellt. Irgendjemand wird schon raus finden, was damit nicht in Ordnung war. Sie sollen es ruhig aufschneiden, durchleuchten und mit einem Spachtel auskratzen. Und wenn dort drin noch etwas lebt, sollen sie es mir mit der Post schicken. Den Rest können sie gern ausstellen oder in den Papierkorb werfen. Sind bestimmt sowieso nur Luftschlösser drin. Ich brauch das Ding auch nicht wieder. Es hat mir sowieso nur Ärger gemacht.
Es ist mir zum Beispiel andauernd verrutscht. So oft habe ich meine Hand auf die Brust gelegt und nicht einen Schlag durch die Rippen gespürt. Eigentlich sollte ich es am rechten Fleck haben, so wie alle anderen. Aber es war eigentlich nie dort, wo ich es erwartet hätte. Es rutschte mir in die Hose, es schlug mir aus dem Hals. Manchmal hielt es auch einfach still. Dann habe ich solang nachts am Kissen gehorcht, bis ich es durch die Federn hindurch hab Maulen hören. Sie sollen ruhig mal nachschauen, ob es hinten einen Henkel hat. Dann könnte ich es an den Nagel hängen.
Und wenn sie das Ding schon mal aufmachen. Sollen sie gleich mal Reine machen. Über die Jahre lässt man ja viel liegen. Man schmeißt ja nichts einfach so weg. Man könnte es noch einmal brauchen. Ist wie mit einem vollen Keller vor einem Umzug. Man will neu anfangen und am Ende sieht die neue Bude doch wieder wie die alte aus. Oben die guten Möbel, im Keller die Leichen. Ja, wenn sie es einmal aufmachen, dann sollen sie die Wände von den alten Tapeten befreien. Und auch gleich mit dem Staubsauger durch gehen. Damit man endlich mal wieder die alten Farben sehen kann.
Sie sollen es auch mal an eine ihrer modernen Maschinen ranhängen. Damit auch andere mal sehen können, was das Ding andauernd für Faxen macht. Immer dieses Rumgespringe mitten in der Nacht. Solang bis die Nachbarn gegen die Decke wummern. Dann sehen sie vielleicht, dass es auch gern mal stehen bleibt. Sollen sie sich mal genau so erschrecken wie ich mich immer erschrecke. Wenn einem im Ohr so ein langer Piepton das Denken schwer macht. Wie soll man denn da einen klaren Gedanken fassen.
Vielleicht können sie es auch reparieren. Dann würde ich es auch zurück nehmen. Aber dafür müssten sie schon die Dellen raus machen. Und die Beulen reindrücken. Und die Kratzer mit einem dieser Lackstifte verschwinden lassen. Dann könnte ich mich ja vielleicht sogar mal wieder mit dem Teil irgendwo sehen lassen. Aber so. Kann man ja nicht raus gehen. Geschweige denn jemanden einladen. Der kommt dann rein und es sieht aus wie Sau. Geht ja nicht. Die haben bestimmt das richtige Werkzeug, um die lockeren Schrauben wieder fest zu ziehen. Ich hatte mich ja schon an das Klappern gewöhnt.
Ich hatte auch schon versucht, es für andere Sachen zu verwenden. Man muss ja flexibel sein. Ich hab damit gespielt, habe es über Tische rollen lassen. Aber es ist nicht rund gelaufen. Außerdem hatte ich immer den Eindruck, dass es nie da ankam, wo ich es hinhaben wollte. Ich habe damit auf andere geworfen. Manchmal trifft es ja den richtigen. Aber ich bin ein schlechter Werfer. Und so viele Ziele hab ich dann auch wieder nicht gefunden. Verschenkt hab ich es. Aber wenn man einem was zu Weihnachten schenkt, was der nicht will, dann bringt er es zurück. Und so war es dann auch meistens. Nur eine Sache, die hatte ganz gut geklappt. Ich hab es einmal für ein halbes Jahr dem Sportbund zur Verfügung gestellt. Die Sprintermannschaft hat damit trainiert. Die ganz schnellen. Deren Beruf ist es ja, zu kommen und zu gehen. Andauernd. Die machen gar nichts anderes. Und dazwischen mein Herz. Der Staffelstab.
Ich hoffe die gehen ordentlich damit um. Man hört ja nicht so viel Gutes von so was. Am Ende fällt es denen runter und sie merken es gar nicht. Dann tritt es sich fest und es endet im Wischlappen irgendeiner Putzfrau. Auch kein schönes Ende für so ein stolzes Organ. Aber zurück kann ich auch nicht mehr. Jetzt hab ich schon unterschrieben. Kann man solche Verträge eigentlich wieder kündigen? Ich weiß nicht was ich tun soll. Manche Leute sagen ja, man solle in solchen Situationen auf sein Herz hören. Aber da gebe ich nichts drauf. Das weiß eh nicht, was ich will. Ich glaub ich mach es einfach. Kann ja nichts passieren. Und selbst wenn. Dann besorg l ich mir eben einfach ein neues. Wird schon einer eins für mich übrig haben.





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Kommentare
wow. das ist wunderbar geschrieben.
14.05.2009, 17:43 von fizaUnglaublich gut.
18.04.2009, 11:07 von fuehlmalFür mich persönlich einer deiner besten Texte.
Was ist denn dann passiert, mir deinem Herzen? Hast du es zurückbekommen?
Ich sollte meines auch mal untersuchen lassen.
Das merkwürdige Teil. Lässt sich nicht verstehen, nicht lenken. Und hungrig ist es auch noch.
@fuehlmal ich wunder mich auch immer über seinen hunger. und dabei hat es nicht mal einen mund, durch den man etwas ins bodenlose hinein werfen könnte.
15.05.2009, 09:25 von hibpassiert ist damit nichts. ich habe es behalten. habe eine bruchstelle an der linken seite entdeckt und vermute jetzt, dass es irgendwo noch eins gibt, das genau daran passt.
unglaublich gut. für mich einer deiner besten texte.
18.04.2009, 11:05 von fuehlmalund, was ist dann passiert mit deinem herzen?
ich sollte meines auch mal gründlich untersuchen lassen. das merkwürdige ding. nicht zu verstehen. nicht zu lenken. und so hungrig!
aach, ist der text toll!
05.04.2009, 00:30 von evamajawow, der Text ist toll! Wie oceaneyes schon sagte;zwar ein Symbol, das oft für kitschige Gedichte oder tragische Prosen missbraucht wird, doch deine Art dieses Symbol zu nutzen ist auf einem ganz ganz anderen Niveau.
02.04.2009, 21:05 von Schildkroete86ich bin verliebt in deine Melancholie und Witz :)
Wenn auch spät, aber besser spät, als nie gelesen. :-)
31.03.2009, 01:56 von SalatschneckeSehr schöner und inspirierender Text......
ich verschenk mein herz an diesen text.großartig.
26.03.2009, 17:54 von orientierungslosegefällt mir.
26.03.2009, 15:49 von bratpfanneah! toll!
10.03.2009, 01:50 von ciao.bella