Coogar 30.11.-0001, 00:00 Uhr 61 38

One-Night-Stand

Unpersönlich, nichtssagend, oberflächlich - oder kann man doch Gefühle haben für eine Nacht?

Die Wut im Bauch ist so groß, dass ich das Gefühl habe, mein Magen sei von innen nach außen gestülpt und die Säure zerfrisst mir die Innereien. Ich bin so wütend, dass ich schreien könnte oder heulen oder etwas kaputtmachen. Stattdessen ziehe ich nur ungewohnt heftig an meiner Zigarette und beschleunige meine Schritte.
In meinem Haus herrscht Krieg, also habe ich das Haus verlassen, nach all den Schreien und dem Türenknallen, manchmal muss man einfach raus, manchmal braucht man einfach ein Bier und Ablenkung, aber noch lenkt mich nichts ab, als ich die Straße hinunterstürme, vorbei an den Paaren und Pennern am Ufer des Flusses. Es ist dunkel und kühl und die Kühle tut gut, aber auch die Dunkelheit.

Im Pub ist es wie immer, die Band spielt Rock’n’Roll, die Menschen wippen im Takt mit, Biergeruch an der Bar, ich versuche, mich zu beruhigen, die Musik ist gut, aber ich bringe es nicht fertig, lange stillzusitzen, ich bin so aufgedreht, aufgeputscht vom Streit, also ziehe ich weiter durch die Straßen, immer noch schnell, ich wollte mich mit Freunden treffen, aber sie melden sich nicht und ich gebe mir ein Zeitlimit, die Einkaufsstraße hoch, vorbei an der Statue der Parnell Street und wenn bis dahin keiner angerufen hat, gehe ich nach Hause, wo ich nicht hinwill, schnell hinein, die Tür hinter mir zu, aber dann klingelt das Telefon, noch vor der Statue und ich bin gerettet.

Ich trinke, aber der Alkohol will sich nicht festsetzen, ich arbeite immer noch, im Kopf, im Bauch, komme nur langsam herunter, die Freunde sind da, es ist schön, dass sie da sind, dass sie nett zu mir sind, nach dem Horror des frühen Abends, ich sage ihnen, es ist schön, dass ihr hier seid, es ist schön mit euch hierzusein und die Hitze im Pub stört nicht, aber wir gehen trotzdem zwischendurch hinaus, ein wenig Luft schnappen, zwischen hunderten von schwitzenden Leibern, Treppe hoch, Treppe runter, wie viele Stockwerke hat dieses Pub eigentlich, frische Luft, endlich, Zigarette, Menschen reden, lachen, Musik aus zwei Richtungen, schön, denke ich, schön.

Schön, denke ich auch als ich Adam sehe, denn das ist er, ich mache eine Bemerkung im Vorbeigehen, er lächelt und das ist erst richtig schön. Irgendwo in der Menschenmasse begegnen wir uns zufällig wieder, unterhalten uns ein wenig, er wirkt ein wenig gehetzt und lächelt immerzu, die schwarzen Haare fallen ihm ein wenig über die Augen, die auch lächeln, und dann ist er wieder weg und ich auch, Treppe hoch, Treppe runter, oben Alternative Rock, unten Hardrock, er sieht aus wie Alternative Rock, denke ich, aber sein T-Shirt ist Hardrock.

Das nächste Mal sehen wir uns nicht zufällig, aber ich muss fünfmal an ihm vorbeilaufen bis ich endlich neben ihm zu stehen komme und er lächelt mich wieder an. Du erinnerst mich ein bisschen an diesen Typ, sage ich, Ich weiß, sagt er, Edward Norton, das höre ich dauernd. Aber er klingt nicht genervt und lächelt immer noch und will wissen, ob das wohl was Gutes ist und ich sage, klar, es ist ein gutes Gesicht. Die Unterhaltung wird abstrakt und komisch, irgendwann fangen wir an zu lachen und können nicht mehr aufhören, jedem Satz folgt prustendes Gelächter und ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass das Gesagte lustig ist oder einfach daran, dass es sich so gut anfühlt. Es fühlt sich mehr als nur gut an, die Säure ist weg, ich habe es gar nicht gemerkt, mein Magen blubbert gemütlich vor sich hin und der Alkohol schlägt an und auch das lässt mich leichter lachen.

Unsere Freunde kommen vorbei, um zu sagen, dass sie gehen, lächeln und wir lächeln zurück, dort im Gang vor den Klos, die Männer stehen bei den Frauen an, das Männerklo ist übergelaufen und die Wasserlache breitet sich auf dem Linoleum aus, Menschen drücken sich vorbei und einer ruft mir zu Hey, das ist der tollste Typ der Welt und er hat einen... und Adam schwört, diesen Menschen nicht zu kennen und nie ein Wort mit ihm gewechselt zu haben und gluckst dabei ein wenig, und ich weiß nicht, wer anfängt mit dem Küssen, aber das Küssen ist wunderschön und leicht und süß und ich will nicht mehr damit aufhören und er auch nicht, nimmt mein Geischt in beide Hände, als wüsste er, dass ich es liebe, wenn der Mensch, den ich küsse mein Gesicht in seinen Händen hält, schöne sanfte Hände sind es und von ganz Nahem sehe ich ein wenig später, dass seine Augen zweifarbig sind, hell in der Mitte und nach außen hin dunkler, wie zwei Lichter und wie zwei Lichter leuchten sie.

Wir verabschieden uns nicht in dieser Nacht, stehen lange draußen, ich in seinen Armen, er ist so groß, dass ich meinen Kopf an seine Brust lehnen kann und hören wie sein Herz schlägt unter dem Hardrock-Shirt. Wir laufen im Dunkeln nach Hause, vorbei an den Paaren und Pennern, und erst am Haus fällt mir der Streit ein, und ich erwähne nur beiläufig, dass es Probleme gibt, und er bietet an, meine Mitbewohner zu verhauen und dafür muss ich ihn wieder küssen.

Er bleibt bei mir und es ist schön, dass er bleibt, er fühlt sich vertraut an, obwohl er so neu ist und unbekannt, und vertraut fühlt es sich an, mit ihm die Nacht zu teilen und unsere Körper und die Sehnsucht und die Dankbarkeit und den Geruch in meinem Zimmer und die Decken und die Wärme und die Dunkelheit. Mein Kopf liegt auf seiner Brust, ich höre seinem Herzschlag zu, als er einschläft, ich höre seinem Atem zu und dem leisen Schnarchen und dann schlafe auch ich ein und träume von ihm, träume, dass ich ihn verloren habe und ihn suche, während langsam das Tageslicht ins Zimmer kriecht.

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    Einfach nur großartig

    08.04.2007, 01:00 von Limettche
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    Halli Hallo. Hat jemand von euch Lust vor ner Kamera zu einem ONS wie es hier beschreiben wird zu reden. Wir wollen ne Kurzreportage über ONS`s drehen. Suchen dringend Interviewpartner. www.xenonline.de Junges Fernsehen aus Berlin. Bitte meldet euch bei Interesse.Dann gibts mehr Infos. martindunkelmann@gmx.de oder 015151900875

    08.03.2007, 13:05 von martin_dunkelmann
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    wunderschöner Text... so sanft...

    27.02.2007, 22:58 von Konzi
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    Ja, man kann echte Gefühle haben, immer jederzeit... auch für eine Nacht!

    27.02.2007, 12:39 von caero
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    Wunderschön geschrieben. Es ist so, als ob man das selbst erlebt hat, so bekannt kommt es mir vor. Der letzte Abschnitt ist der Hammer. Mehr von solchen Texte bitte!

    12.02.2007, 18:44 von die-da
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    ich stimme den letzten beiden einträgen zu.

    ich finds vorallem gut, dass du diese wunderbare begegnung für diese eine nacht nicht abtust. sie nicht wegwischst oder dich anfängst dafür zu schämen, weil "man es ja nich tut". also man tut es schon, viele tun es..aber one-night-stands haben immer noch was negativ, schmutziges angetouchtes...so is meine wahrnehmung.
    ich empfinde sie als eine von vielen möglichkeiten.
    aber gut, dass du es in so wunderschöner erinnerung hast. ich denke, dass von solchen momenten die seele lebt!

    03.02.2007, 00:44 von laralelita
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    diese nächte sind die wertvollsten

    22.01.2007, 22:23 von burton
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    ein sehr einfülsam vermittelter text...echt schön...
    man sollte solche dinge in erinnerung behalten, so wie sie sind! manchmal ist man nur für einen abend (eine nacht) der mensch der mit eben diesem anderen zusammenpasst....das ist gut so...

    22.01.2007, 12:32 von Milchschnidde
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