On my own
Die Liebe hat mir das Alleinsein gestohlen.
Wann genau ich das Alleinsein verloren habe, kann ich nicht sagen, denn es ist schon fort, jetzt, wo ich hier sitze auf einem fremden Bett in einer unbekannten Stadt und feststelle, dass ich mir selbst nicht mehr genüge. Ich habe sie eingebüßt, die Fähigkeit, allein zu sein, in einem unbedachten Moment vermutlich, wie es mit allen Verlusten ist, irgendwann zwischen jenem Sommer in SanRemo und heute. Und niemand kann die Schuld tragen außer der Liebe, sie hat mir einen Schlüssel zur Zukunft gegeben und das Alleinsein - ich sehe es jetzt - genommen.
Wir waren Freunde, das Alleinsein und ich, an manchen Tagen wollten wir nur einander und sonst niemanden, ich brauchte dieses Gefühl, die Einzige zu sein, die die Luft in einem Raum atmet, wenigstens kurz, schon als Kind. Das Haus meiner Familie war, bevor unser Leben an einem Wintertag zerbrochen ist (in einem unbedachten Moment vermutlich) angefüllt mit Rufen und Lachen, mit Menschen und Gerüchen, Brüdern und Nachbarn. Ich musste manchmal fliehen, um das Alleinsein zu finden, es wartete im Wald auf mich, versteckt auf einem Baum, es saß hinter der Kirche, wo die Weidenzweige den Boden berühren, und an Regentagen, an denen ich kein Draußenkind sein wollte, schloss es sich mit mir im Kleiderschrank ein, verborgen zwischen schützenden Stoffen, zufrieden damit, mit mir allein zu sein.
Die Freundschaft blieb eng über die Jahre, zwischen dem Alleinsein und mir, ich fuhr allein zur Uni und nach hause, wanderte durch die Stadt und suchte mir Orte, neue Verstecke inmitten anderer Menschen, an denen ich sitzen, lesen, beobachten und schweigen konnte. Ich zog nach München, allein, und kostete das Alleinsein in der Fremde, wo man sich erst Kontakte erarbeiten und Beziehungen aufbauen muss, wo man freundlich sein und sich herzeigen muss, um sich in manchen Momenten wieder in sich zurückzuziehen. Aber dann, ich erkenne es jetzt, haben wir uns offenbar voneinander entfernt, wie es vielen guten Freunden geht, die plötzlich merken, dass sie einander schon seit Monaten nicht mehr gesehen und - schlimmer noch - nicht vermisst haben.
Und wann ist es geschehen? War es in der Nacht, in der ich zum ersten Mal mit ihm in unserer gemeinsamen Wohnung übernachtet habe, war es, als wir unsere Zahnbürsten in denselben Becher gestellt haben oder war es ein Kuss zwischen Tür und Angel am Morgen, der ein Wiedersehen am Abend versprach? Ich bin an ihn gewachsen, langsam, Nacht für Nacht hat mein Körper seine Konturen an jene von ihm angepasst, der neben mir schlief, bis wir eines Morgens eine Einheit gebildet haben, die - und ich hätte es ahnen müssen - nicht mehr zu trennen wäre, nicht ohne Schmerzen.
In jenem Sommer in SanRemo gab es auch bereits ein Uns, das mir wichtig war und ernst, aber unser Kokon war noch nicht so verfestigt, ich konnte ihm für kurze Zeit entschlüpfen und ins Alleinsein eintauchen wie in duftendes Badewasser mit exakt der richtigen Temperatur. Ich wollte allein verreisen, mich weiterbilden außen und innen, mich nicht ablenken lassen und einen eigenen Weg finden, nur für mich. Und jetzt, wo ich hier sitze auf einem fremden Bett in einer unbekannten Stadt, passt das Alleinsein mir auf einmal nicht mehr, ich kann zwar noch die Ärmel finden, aber der Verschluss geht nicht zu, ich habe mich verändert, innen und außen. Ich fühle mich nicht mehr vollkommen, allein, ich bin mir selbst nicht mehr genug. Das Alleinsein nagt an mir in den Stunden, in denen die Zeit in einer vage vertrauten Zähflüssigkeit vergeht und meine Gedanken in mir selbst nachhallen. Ich will, was ich sehe und höre, nicht mehr für mich behalten, ich will es teilen, ich will witzige Bemerkungen machen, über die ich nicht allein lachen muss, ich will aufmerksam gemacht werden auf etwas, das ich nicht bemerkt habe, ich will nicht allein träumen müssen.
Als ich diese Reise begonnen habe, war mir nicht bewusst, dass mein Körper neue Konturen hat, geformt von der Liebe. Ich fühle mich amputiert, abgeschnitten von meinem Halt, wie eine Leiter, der man die Wand, an der sie lehnt, einreißt. Ich versuche mich einzulassen auf die Melodie der fremden Sprache, auf die Aufregung rund um das Kennenlernen anderer Menschen und nie gesehener Orte, aber ich bin so angefüllt von meinem Zuhause, dass kaum noch Platz bleibt in mir. Früher konnte ich allein endlich atmen, ich wollte raus, weg, mich in die Welt werfen und sehen, was passiert. Jetzt bleibt mir die Luft weg und ich spüre ein Sehnen, das Heimweh sein könnte, Heimweh nach ihm. Ich kann nicht mehr allein sein, weil mir etwas fehlt, und ein Fehlen macht aus Alleinsein Einsamkeit.
Sie war mir wichtig, diese Reise, allein, weil ich noch einmal zurückwollte in das Leben ohne Liebe, die sich auf meine Haut gelegt hat wie ein Schutz, von dem ich erst jetzt weiß, dass ich ihn brauche. Ich wollte allein sein, ein letztes Mal, um mein Zögern aufzubrechen und den Mut zu finden, ein Kind zu bekommen, eine Familie zu erschaffen und - so dachte ich - einzuwilligen, nie mehr allein sein zu können. Meine Angst ist groß, dass es dann keine Verstecke mehr geben wird, keine Bäume, keine Kleiderschränke, dass meine Kinder mich finden werden an jedem Ort der Welt, geführt durch einen uralten Instinkt. Und es hat diese Reise gebraucht, damit ich erkennen konnte - auf einem fremden Bett in einer unbekannten Stadt - , dass die Zeit für mich gekommen ist, meinen alten Freund gehen zu lassen. Wir werden uns ab und zu sehen, das Alleinsein und ich, für wenige Stunden in den nächsten Jahren, wir werden uns freundlich grüßen und die kurze gemeinsame Zeit genießen wie ein Stück Kuchen, den man nur selten bekommt. Und vielleicht hat mir die Liebe das Alleinsein nicht wirklich gestohlen, vielleicht habe ich es ihr - in einem unbedachten Moment, natürlich - von selbst gegeben.





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Kommentare
bei mir wars genau andersrum. ich hatte immer die liebe meiner eltern, abgelöst von meiner ersten jugendliebe mit 13 die dann auch fast 11 jahre gehalten hat. danach habe ich erst gelernt, was es heißt allein zu sein. und ich bin es seitdem (seit inzwischen 3 jahren) aber ist das nicht ganz normal, dass sich diese phasen immer wieder abwechseln? gäbe es diese kontraste nicht würden wir diese zeiten doch nur halb so intensiv erleben. egal ob hell oder dunkel. egal ob einsam oder gemeinsam.
16.03.2010, 04:34 von alizinwonderlandIch glaube, das ist der schaurig-schönste Text, den ich hier je gelesen hab.
14.11.2009, 18:57 von DeineLiebeWunderschön, wie immer :-)
13.11.2009, 21:47 von HisHiasnessich kann das gefühl nachvollziehen. der text gefällt mir.
11.11.2009, 12:13 von gila87wow, genau so..
10.11.2009, 23:26 von nachttramperdanke für diesen text!
das kenne ich irgendwoher ich fühle mich oft alleine ohne meine Freunde also die paar wenigen die ich habe.
10.11.2009, 06:59 von Jonnylo85Naja ne Freundin hat ich ja auch noch nie so richtig meine ich klar!
wow.
08.11.2009, 04:48 von lua_der text ist genial.
spricht grad genau, zeile für zeile, aus dem herzen.
ich bin seit zwei monaten weg, weit weg von zu hause.
in einem anderen land, in fremden städten, in fremden betten.
und zu hause wartet meine liebe auf mich..
danke, für die guten, so unglaublich passenden worte!
allein sein. geht das überhaupt. ich meine, sind wir überhaupt noch irgendwo allein? (das wird jetzt kein george-Orwell-gedächtnis-beitrag). Ich meine eher auf ner psychoebene. Wann habt ihr euch das letzte Mal alleine gefühlt?
06.11.2009, 21:54 von AluRocktschön geschrieben..
05.11.2009, 22:56 von IIRwobei ich gerade noch am anfang stehe..
und mit dem alleinsein noch sehr gut auskomme..
(mal sehen wie lange das noch anhält^^)