ohmonika 27.01.2012, 22:14 Uhr 4 3

Ohne Worte

Über das Ende oder nichts ist von Dauer

Worüber reden. Warum überhaupt Worte dafür verschwenden. Worte, die eigentlich nur dazu gedacht sind, Liebe auszudrücken. Liebe zu zeigen, wo Gesten und Taten scheitern.

Wenn ich darüber nachdenke, wie ich an diesen Punkt gelangt bin, kann ich das Lachen nicht unterdrücken.

Wo war ich vor einem Jahr!? War ich glücklich? Wahrscheinlich nicht. Aber ich lebte diesen Traum vom Glück, von heiler Welt und hatte einen verhältnismäßig gesicherten Ausblick auf eine Zukunft. Manchmal ertappte ich mich sogar bei einem Gedanken an Kinder. Kinder. Ich. Das waren zwei Wörter, die niemals auf einer gemeinsamen Seite standen. Geschweige denn wären sie jemals in ein und demselben Buch zu finden.

Wenn ich unsere Liebe heute durchleuchte, ist es mir unerklärlich, wie es dazu kommen konnte.

Vorgestern ein Anruf von dir. Wir haben geplaudert, wie Menschen, die einander nahestehen, aber nicht zu sehr. Zwei Freunde, die viel voneinander wissen und im Glauben sind, es wäre alles, es wäre genug. Ein Gespräch, das mich beinahe vergessen lässt, dass du es bist, mit dem ich acht Jahre verbracht habe und der mich schon vor langer Zeit verlassen hat. Lange bevor ich gehen konnte.

Ich verstehe nicht, warum du dich immer wieder meldest.

Mein Herz setzte stets für jenen kurzen Moment aus, an dem ich deinen Namen auf dem Display meines Handys gelesen habe.

Das Gefühl wird schwächer. Manchmal denke ich sogar, der Schmerz lässt nach. In einer Zeitschrift habe ich neulich gelesen, dass man fast die Hälfte der Zeit, die eine Beziehung gedauert hat, dafür braucht, über sie hinwegzukommen. Noch bevor ich am Ende des Satzes angelangt bin, habe ich angefangen zu beten, dass es sich um eine Lüge handelt. Momentan bin ich nicht in der Lage an diese innere Stärke zu glauben, die mir sonst so oft die Möglichkeit gibt, weiter zu machen.

Eine Weile habe ich gedacht, diese Kraft wäre mit dir gegangen. So wie sich alles mit dir aufzulösen schien… die Farben, die Wärme der Sonne, der Klang von Musik, das Geräusch wenn Regen und Wind ums Haus toben.

Doch jetzt ist alles wieder da. Der Regen prasselt beinahe in einer Melodie an die Fenster. Meine Kamera kann die Farben der Menschen und meiner Umwelt nicht einfangen. Ich habe das Gefühl, alles ist stärker, als es vorher war.

Gibt es ein vorher und ein nachher? Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich verändert habe. Vielleicht.

Ich versuche, ein wenig mehr, das zu tun, was mich glücklich macht. Dennoch schaffe ich es nicht. Ganz einfach, weil ich nach wie vor nicht weiß, was es ist.

Es ist leicht, aufzuzählen, was mir von Wert ist. Ich möchte schreiben. Ich möchte fotografieren, reisen, die Dinge beim Namen nennen. Aber wie ist mein Name? Und wenn ich meinen Namen aussprechen kann, kenne ich denn seine Bedeutung?

Ich weiß, dass mein Platz auf dieser Welt ein besonderer ist. Er wurde für mich freigehalten, damit ich ihn ausfülle. In diesen Platz passe nur ich. Ein Puzzleteil unter Millionen anderer.

Seit fast 35 Jahren versuche ich nun, mich irgendwie in dieses Leben zu drücken. Ich lege mich quer, stelle mich auf den Kopf, rolle mich zusammen, mache mich dünn. Irgendwo scheint es immer anzuecken… dieses Leben.

Aber wie sein Leben mit jemandem teilen, wenn man sich darin nicht einmal selbst ohne Navigationssystem zurechtfindet? Und selbst diese automatisierte herrische Stimme zwingt mich ständig dazu zu wenden.

Ich betrinke mich, während ich das schreibe. Meine Worte und Gedanken sind um einiges leichter zu ertragen, wenn ich aufgewühlt bin. Alkohol wühlt mich auf. Ich werde jedes Mal sentimental und lasse mich zu leicht verleiten, wenn mir der Geist in den Kopf steigt.

Der letzte Zusammenprall mit einer Urgewalt an Hochprozentigem bescherte mir eine durchtanzte Nacht in der Dorfdiskothek und einen verzweifelten Kuss am Gartenzaun mit einem Arbeitskollegen, der selbstverständlich vergeben war und mich nur daran erinnerte, was ich vermisse.

Und dabei erstaunt es mich, dass nicht er es ist, den ich vermisse.

Trotz all der Liebe, die ich für ihn empfunden habe, bin ich bereit, die Entscheidung zu treffen.

Selbst wenn ich nicht weiß, was die Zukunft für mich bringt. Selbst wenn ich nicht die geringste Vorstellung davon habe, was in den nächsten Tagen passieren kann oder soll.

Ich sage mich jetzt von dir los. Du bist es nicht. So sehr du dich auch bemühst, du kannst es nie sein.

Ich muss an unser letztes Telefonat denken.

Du hast mich gefragt, ob mein Bruder noch diese Freundin hat. Du wusstest ihren Namen nicht mehr.

„Eva.“ Sagte ich.

„Ich kann mich nicht an ihren Namen erinnern.“

„Eva.“ Sagte ich erneut.

„Wenn sie vor mir stünde, würde ich sie nicht erkennen.“

In diesem Augenblick wurde mir bewusst, dass es vorbei ist.

Ich habe 7 Geschwister und du kennst nach 8 Jahren nicht einmal die Hälfte davon. Egal. Er ist derjenige in meiner Familie, der mir gleich ist wie ein Zwilling. Er war ständig im Gespräch. Er ist mir wichtig. Und diese Freundin, die er damals schon seit längerer Zeit hatte, ist es auch. Weil sie zu ihm gehört.

Und ich dachte, ich gehöre zu dir. Das dachte ich.

Während unseres Gesprächs am Telefon wurde mir bewusst, dass unsere Zeit vorüber ist. Alles hat irgendwann ein Ende. Nichts ist für immer. Für immer endet spätestens mit dem Tod. Was auch immer Bedeutung hatte, fängt an sich zu zersetzen.

Ich lasse zu, dass du ab und an in meine Gedanken kommst. Nehme deine Anrufe an. Aber ich bin mir jetzt sicher. Dein Leben und deine Liebe haben mich nur gestreift. Ich hatte Glück.

3

Diesen Text mochten auch

4 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Traurig schön, ebenso

    09.02.2012, 23:54 von EliasRafael
    • Kommentar schreiben
  • 1

    hast du einen eigenen blog?
    wenn nicht, dann mach dir einen du schreibst wirklich gut.

    29.01.2012, 17:14 von chaosDaughter
    • 0

      Danke!

      Hab schon daran gedacht, einen Blog zu machen. Vielleicht pack ich's jetzt doch mal an :)

      30.01.2012, 22:41 von ohmonika
    • 0

      ich abbonier dich ;-)
      echt empfelenswert! :)

      31.01.2012, 19:51 von chaosDaughter
    • Kommentar schreiben

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare