bunteschaos 30.11.-0001, 00:00 Uhr 7 6

Ohne Vorwarnung ist in mir eine Welt gewachsen und all ihre Blumen sind verwelkt.

Du hast gesagt, dass in einer anderen Welt nicht ein ganzes Land zwischen uns liegen wird.

Ich bin mit Smarties und Coke Zero bewaffnet und irgendwo zirkuliert noch der Wodka von heute Nachmittag durch meine Venen. Pilot an Mitfliegende: We got this. We got this. Ich bin unter Kontrolle. 

Content Warnung: Schmerz.

Die letzten zwei Stunden versinken in einem Nebel. Es gab einmal eine Welt in mir, die vor vielen Jahren gestorben ist. Im Heimlichen hat sich diese Welt wieder aufgebaut. Vor zwei Stunden ist sie erneut gestorben. Tausend Partikel sind mir um die Ohren geflogen und klein Mercy sitzt perplex mittendrin und weiß nicht, was passiert. Sie versucht, das Dröhnen in ihr zu unterdrücken. Sie presst ihre Finger in ihre Augen und will die Tränen zurück schicken. Ihre Finger zittern so sehr, dass ihr das Handy aus der Hand fällt, dass sie nichts mehr greifen kann, ihr ganzer Körper zittert so sehr, dass sie ein Wirbelsturm wird. Sie zieht sich eine Decke über den Kopf, um die Tränen zu verstecken, doch sie kommen so oder so. Hohe Klagelaute entweichen meinem Mund, ich trauere um das Leben einer Welt mit verwelkten Blüten. Ich bete bloß, dass niemand mich hört. Dass niemand Zeuge wird dieses erbärmlichen Schmerzes, der so kreischend laut durch mein Herz fährt, dass mein Brustkorb in unzählig viele Fragmente zerberstet. Ich verkrieche mich so tief in mich hinein wie ich kann, aber ich bin doch noch zu sichtbar. Ich kann nicht - nicht - nicht mehr atmen. Alles wird schwarz, alles wird blind vor meinen Augen. Die Welt fährt außer Fokus, die Brille beschlägt, und meine Fäuste sind noch immer in meine Augen gepresst. Erst lasse ich die Tränen zu, ich denke dass die Welle über mich hinweg schwappen wird, und ich mich mit einmal Schnäuzen danach wichtigeren Dingen zuwenden kann. Was stattdessen passiert, ist so dunkel, dass es mir alle Ehre macht. Ich erlebe das Gefühl von fünf Jahren in einer Sekunde. Es ist so intensiv, dass ich ein einziges Feuer bin, das sich selbst zerfrisst, sich selbst verschlingt, es brennt und das ist gut. Denn dann zerstört es mich wenigstens nicht im Heimlichen. Ich stehe auf. Ich kann mich kaum auf den Beinen halten. Ich trage mich die Treppen hinunter. Ich klopfe leise an eine Tür. Und nochmal. Ich flüstere in die Dunkelheit: “Bist du noch wach?” Ich falle meiner Mutter in die Arme, und sie schließt mich in ihre Umarmung ein und ich zerfalle, und ich bin nicht mehr da, ich bin irgendwo, ich bin überall, ich bin in der Luft, ich bin Staub, ich bin Asche, ich bin Blut, ich bin zerbrochenes Glas, ich bin zerstochenes Fleisch, ich bin Menschgewordener Urknall. Meine Welt liegt erschüttert und zerbombt in mir. Ich habe die ganze Galaxie mit niedergerissen. Und ich weine, ich weine so unendlich laut, und lange, und ich kann nicht sprechen und sie sagt mir dass es okay ist. Und nach einer ganzen, langen Zeit fange ich leise an zu erzählen und ich lasse sie die Worte selbst lesen, und in der Dunkelheit erkläre ich ihr mein ganzes Herz. Das geschieht quasi nie, ich erzähle nie von den Dämonen, die in diesem Ding sitzen, aber in der Dunkelheit, ohne Licht, ohne ihr Gesicht zu sehen, und ohne dass meinen Tränen Substanz bewiesen werden kann, werde ich transparent, ich öffne meine Mauern, fälle meine Wände, öffne meine Türen und ich bitte sie herein. Und dann sitzen wir da, und wir trinken einen Tee in meinem Herzen und wir schauen uns diesen dunklen, kaputten, traurigen, schmerzenden Ort an und ganz hinten im Eck liegt die kleine Mercy, die vor fünf Jahren geboren wurde und die diesen Schmerz Tag für Tag mitgetragen hat. Sie liegt in einer Ecke, die Augen apathisch ins Leere starrend, irgendwie herzzereißend, die Kleine. In ihren Händen hält sie alles, was noch übrig ist von dieser Welt, die sie gerade hat Sterben sehen. Wir stehen so vor ihr und ich begreife so viele Dinge auf einmal in diesem Moment. Eine Million Gedanken kämpfen um ihre Hierarchie, wenn doch nur eines zählt, nämlich das Gefühl, das Schlag für Schlag durch mich hindurch gepumpt wird. 
Du fehlst
So sehr
Dass 
Ich manchmal denke, ich
schaffe es nicht
Mehr.

Wir liegen nebeneinander und ich erzähle meine Geheimnisse der Nacht. Geheimnis für Geheimnis ziehen sich die Tränen mehr zurück und meine Nase wird freier und das Schluchzen ebbt ab. In ihren Schultern sind wohl immer noch die Abdrücke meiner Hände, die ich tief in ihre Haut gegraben habe, als sie mich umarmt und beschützt hat. In meiner irrationalen Trauer um Welten, von denen keiner von uns wusste, dass sie immer noch existieren und manchmal, wenn die Welt ein wenig flackert und ein bisschen summt, strecke ich meine Hände in diese anderen Dimensionen, die neben uns schlagen und verbrenne mir auf ihren Böden ein wenig die Füße.

Du hast gesagt, dass in einer anderen Welt nicht ein ganzes Land zwischen uns liegen wird. Du hast gesagt dass wir eines Tages beieinander sein werden, ganz, von Kopf bis Fuß, mit Herz und Seele, Tag und Nacht und dass du weißt, dass diese andere Welt ganz bald kommen wird.

Weißt du, diese andere Welt ist jetzt. 
Aber du bist nicht mehr da.


Tags: Ferne, Distanz, Schmerz
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7 Antworten

Kommentare

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  • 0

    es liest sich wie ein abgefahrener trip. die ahnung, dass nicht nur ein flash sein könnte, schleicht sich aber mehr und mehr durch. das finde ich dann beklemmender, als sich "nur" mit der eigenen meise beschäftigen zu müssen.

    ps: die coca cola zero und smarties erinnern mich an meine 90er, nur hatten wir beim rumtrippen eher coke und wrigleys (gibts letztere überhaupt noch?) dabei.

    30.12.2014, 15:46 von libido
    • 0

      es hat sich auch so angefühlt. jede sekunde lang.

      Kannst du mir deine Ahnung näher erläutern? :)

      Wirgleys gibt es sicher noch!! Muss!!! :)

      04.01.2015, 19:57 von bunteschaos
    • 0

      die "ahnung" klingt danach, als ob da was verarbeitet wird, das echt ist. und sowas echtes würde mich das fürchten lehren.

      08.01.2015, 22:40 von libido
    • 0

      Das war, das ist auch echt. Das sind die Momente, in denen ein einziges Wort das Glas sprengt, das fragil die Oberfläche zusammenhält und man in tausend Teile zerberstet. Das ist dann das. 

      18.01.2015, 18:15 von bunteschaos
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      Ich muss dazusagen - es ist keine Geschichte. Es ist eine atemlose Momentaufnahme. Ein Foto mit Worten. Deshalb auch die Coke Zero. :)

      04.01.2015, 19:53 von bunteschaos

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