NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare

InYourEyesISee... 30.11.-0001, 00:00 Uhr 7 3

Ohne Masturbation erkannte ich mich selbst

Ich habe seit acht Wochen nicht mehr masturbiert, mit nur zwei Ausnahmen. Heute sehe ich die Welt mit anderen Augen.

Am Anfang war es nur ein kleines Experiment mit mir selbst: Würde mich der Verzicht auf Pornos anspornen, endlich mehr auf echte Frauen zuzugehen, mir nicht mehr selbst helfen zu müssen? Ich war zuvor unzufrieden mit meiner Schwäche, interessante Frauen einfach nicht ansprechen zu können. Ein Buch zum Thema (David DeAngelo: Double Your Dating) hatte ich gelesen, Videos gesehen und Audiobooks gehört, aber für einen Perfektionisten wie mich hob sich dadurch vor allem die Messlatte an: Jede Frau, jederzeit, du verdienst sie alle. Irgendwie klappte es aber trotz guter Ratschläge nicht, dass ich einfach Frauen ansprechen, geschweige denn ins Bett bekommen konnte. Wenn ich an einer vorbeikam, trugen mich meine Füße einfach weiter, aus Angst, nichts Wertvolles, Lustiges o. ä. zu sagen zu haben. Schließlich nahm ich mir vor, den Einsatz zu erhöhen: Mindestens so lange auf Selbst-Sex zu verzichten, bis ich eine Frau ins Bett bekommen würde. Die erste Zeit war einfacher als erwartet, ich kam ohne Masturbation aus, denn das war gerade die Rechte Buße für meine Erfolglosigkeit. Manchmal musste ich Gedanken unterdrücken, erotische Filme waren verständlicherweise tabu - ich blieb standhaft. Ich hatte es mir versprochen, und diesmal würde ich ein selbstgestecktes Ziel auch erreichen.

Nach zwei Wochen erzählte ich meinem besten Freund davon, und er schlug spontan vor, eine gemeinsame Anti-Fap-Challenge daraus zu machen: Nochmal vier Wochen keine Masturbation, und wer zuerst aufgibt, bezahlt den Sixer Radler zur Abschlussfeier. In diesen Wochen begann ich, mich noch stärker dafür zu geißeln, dass ich es nicht schaffte, auf Frauen zuzugehen. Eine oder zwei Wochen löste allein der Anblick von Frauen an der Uni einen Stimmungssturz aus. Ich bekam Angst vor einer sozialen Phobie, rutschte in eine depressive Phase, weil ich mich immer mehr als Versager empfand. Ich begann, über mich und über die Gründe dafür nachzudenken, warum ich mir überhaupt das Ziel gesteckt hatte, irgendeine Frau ins Bett zu bekommen. Meinem klugen Bruder verdankte ich in der fünften Woche die Diagnose: Die Ursache meines Problems ist mein niedriges Selbstwertgefühl. Das machte endlich Sinn! Die ganze Zeit empfand ich mich als unwürdig, als Nicht-Bereicherung des Lebens fremder Leute. Das konnte ich nicht verbergen oder überspielen, als schlechter Schauspieler, der ich bin.

Am Abend, als unsere Challenge endete, und wir unseren Erfolg feierten, kam eine weitere Erkenntnis: Es ist mir gar kein würdiges und zu mir passendes Ziel, jede Frau ansprechen zu können, selbst und erst Recht, wenn sie mir nicht gefällt. Wann immer ich so etwas mal versucht hatte, war die Kommunikation abschreckend verlaufen, fiel mir ein; ich eigne mich nicht zum Animateur gelangweilten Publikums, man spürt mir an, dass es mich anödet. Außerdem war ich bei früheren Gelegenheiten sogar zu ehrlich, um mit Mädchen zu schlafen, die mir nicht auch wirklich gefielen, obwohl ich sie wortwörtlich von der Bettkante schubsen musste. Ein erster Lichtblick im Dunkel meiner Konfusion: Das Ziel war absurd geworden!

Aber es hatte sich noch mehr verändert. Die Zeit der Beschäftigung mit mir selbst begann, Wirkung zu zeigen. Ich versuchte, der wahren Ursache meiner Depression auf den Grund zu kommen. Ich gewann neue, weibliche Freunde und suchte mehr Kontakt zu alten Freunden. Der Nutzenaspekt von Menschen, den ich jahrelang immer im Auge hatte, war schon vor dem Experiment verschwunden; vielleicht half mir das, nun einzusehen, was ich alles verpasst hatte, als das Studium, meine Lebensziele mein ein und alles waren: Menschen, Austausch, Freunde haben und neue entdecken. Zuvor hatte ich mich von Gruppen, Cliquen und "Freizeitbeschäftigungen" immer auf asketische Weise ferngehalten, und mich mit meiner damaligen Freundin in unsere gemeinsame Welt zurückgezogen.

Weitere zwei Wochen sind vergangen. Heute bin ich nicht mehr darauf fixiert, hübsche Frauen als Sexobjekte zu sehen; auch wenn ich lügen würde, zu behaupten, dass ich gar nicht daran dächte. Doch im Vordergrund steht jetzt die Suche nach Menschen, die eine wertvolle Bereicherung meines Lebens sein können, in jeder Hinsicht. Bei weitem nicht alle Menschen, die attraktiv sind, kämen dafür jemals in Betracht. Die Erinnerungen an Pornos verschwinden mehr und mehr, und ich habe kaum noch Momente, in denen die Gedanken daran von alleine kommen. Vor zwei Wochen masturbierte ich noch zweimal, aber mein Bedürfnis gegenüber anderen Dingen, der Affekt war lange nicht mehr überwältigend. Meine Tage sind auch so schon erfüllt genug. Es fehlt einfach nicht, und das hätte ich vorher niemals gedacht. Viel lieber würde ich für immer auf Pornos verzichten, als auf Freundschaften und die Entdeckung anderer Menschen sowie meiner selbst. Dafür nehme ich mir jetzt jeden Tag Zeit, und es ist mir wichtig geworden.

Das Experiment kann als gelungen betrachtet werden, auch wenn ich in sexueller Hinsicht keinen Erfolg hatte. Sicher, es wäre schön, aber Sex allein ist kein würdiges Ziel mehr; ich glaube erkannt zu haben, dass das wohl nur eine andere Form der Ersatzbefriedigung ist, die vermutlich für sich allein ebenso wenig glücklich macht wie Masturbation. In der neuerdings zur Verfügung stehenden Zeit (!) habe ich viele andere Dinge über mich gelernt, und das war erst der Anfang. Ich beginne ein Leben zu führen, das mir besser gefällt als vorher. Im Moment geht es mir noch nicht durchweg gut, ich bin noch nicht stabil und aus mir selbst heraus glücklich, aber ich brauche die Droge Pornographie nicht mehr, um das zu übertünchen.

++++

Kurz vor dem Ende unserer Challenge sandte mir mein Freund den Link, den ich hier mit euch teile. Es geht um die Auswirkungen von Masturbation auf unser Gehirn, und auch wenn ich mich nie als pornoabhängig bezeichnet hätte, liest sich das alles recht plausibel. Unser Tun bestimmt unser Selbst, "Auf die Dauer der Zeit nimmt die Seele die Farben deiner Gedanken an" (von Marc Aurel - zitiert in Eckart von Hirschhausens "Glück kommt selten allein") - gut möglich, dass 10 Jahre Masturbation auch bei mir ihre Spuren hinterlassen haben."Wichtige Links zu diesem Text"
Pornographie und Evolution nebeneinandergestellt - was Pornos mit uns machen. Your Brain on Porn.

3

Diesen Text mochten auch

7 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Mir persönlich geht es ähnlich. Ich hatte einfach masturbatiert und dann eine zeit lang keine lust mehr verspürt. Dann hatte ich mich verliebt und zur 'liebestreue' nicht mehr masturbatiert. Bisher fällt es mir jedoch schwer sie direkt anzusprechen. Ich denke immer einfach an das Negative, was geschehen kann, genauso wie ich angst vor mir selbst habe und einfach immer versuche perfektionistische beispiele bei jeweiligen antworten im voraus auszudenken. Da kommen aber wieder die negativen gedanken und aspekte. Meine gedanken werden jedoch wieder genauer und wandern nicht mehr allzu stark in richtung nicht-bereicherung. Und die nun gewonnenen zeiten nutze ich für mich sinnvolle betätigungen wie schule, sport und freizeit. Zudem ist es wunderbar zu ehrfahren, dass man selbst kein abnormaler spezial sonderfall ist.

    30.10.2016, 21:03 von HandicapTRA
    • Kommentar schreiben
  • 0

    unglaublich! du sprichst mir wort für wort aus der seele! endlich jemand der es versteht und auf den punkt bringt! danke! ich hab lange ne lösung gesucht aber durch dich ist mir klar geworden, dass man es auch einfach ganz lassen kann. echt ein klasse beitrag. du hast mein leben verändert! 

    07.06.2013, 20:44 von prismabruecke
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Schade, dass der Text so alt und der Autor offensichtlich nicht mehr aktiv ist; man hätte so vortrefflich darüber diskutieren können!


    Lieblingsstelle:

    "In der neuerdings zur Verfügung stehenden Zeit (!) habe ich viele andere Dinge über mich gelernt, und das war erst der Anfang. Ich beginne ein Leben zu führen, das mir besser gefällt als vorher."

    Wie lange hat der Junge früher am Tag onaniert? Sechs Stunden?

    27.05.2013, 02:02 von justanotherpicture
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    So super! Ein Rufer in der Wüste des Selbstbefriedigungs-Wahnsinns....
    In den USA hat ein Blogger seine 90 Tage "no fap" (nicht w***hsen) dokumentiert... Inzwischen hat die Seite fast 60.000 User!! Lauter Männer/Jungs, die sich der Herausforderung der Porno/Onanie/Orgasmus-Abstinenz stellen. Und viele werden zu ganz neuen Menschen! Depressionen, Erektionsstörungen, Isolation, Abgestumpfsein... verschwinden. Und machen einem neuen positiven Lebensgefühl Platz.

    26.05.2013, 23:52 von DerFruehling
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ich finde es geht nicht um das Durchhalten, eher darum dir selbst treu zu bleiben, dass Bewusstsein für dich zu behalten, dabei wünsche ich dir viel Kraft und Selbsterkenntnis.

    16.08.2011, 00:11 von linda.lichterland
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Guter Text! Ich hoffe du hälst es durch...

    04.08.2011, 19:47 von Gwailo
    • Kommentar schreiben

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare