Ohne Drama
Du fragst mich nicht nach meinem Tag, es gebe ohnehin nicht viel zu erzählen.
Ich sitze neben Kathrin im Café. Ihre Tränen sind ihr sichtlich peinlich. Aus meiner Tasche krame ich ein Taschentuch und reiche es ihr. Das Danke fast verschluckend blickt sie kurz auf. Die Mascara ist verschmiert. Seit fünf Jahren sind sie ein Paar. Leicht war es nie. Sie: harmoniesüchtig und anhänglich; er: keinen Konflikt scheuend und freiheitsliebend. „Ich glaube, er wird mich verlassen.“ Ein Satz, den ich aus ihrem Mund viel zu oft gehört hatte, trotzdem lege ich meine Hand auf ihre. Trost, der kein Trost ist. Ich nehme sie nicht mehr ernst und frage mich, ob ich eine gute Freundin bin. Ich kann ihr nicht helfen.
Ich denke an Daniel und Julia. Die haben auch Probleme. Gestern Abend war ich zum Essen bei ihnen eingeladen. Ihre kleine Tochter saß auf meinem Schoß und strahlte mich mit blauen Augen an. Seit der Hochzeit hat Julia kein Wort mehr mit Daniels Eltern gesprochen. Unmöglich benähmen sie sich. Sie würfen ihr vor, sie habe sich absichtlich schwängern lassen, um Daniel an sich zu binden. Ich kenne die Wahrheit nicht, bin ich doch besser befreundet mit Daniel. Ich weiß um die Dramen, die sich vor der Schwangerschaft abgespielt haben. Ich nickte stumm und genoss den Duft der kleinen Lena.
Vor dem Treffen mit Kathrin schaute ich kurz bei einer anderen Freundin vorbei. Ich hatte meinen Schal ein paar Tage zuvor bei ihr liegen lassen. Sie öffnete mir die Tür und schien nervös. Ich fragte sie, was sie gerade aus der Ruhe bringe. Sie erzählte mir, sie habe ihm eine SMS geschrieben. Sie ist verliebt. Für ihn, so scheint es, ist es, was es gewesen war - ein One-Night-Stand. Ich versuchte, Interesse zu heucheln und fragte nach, setzte mich dabei auf ihre Couch. Ich riet ihr, nicht auf eine Antwort zu hoffen und seine Nummer endlich zu löschen, doch meine Worte kamen nicht an. Mir über den Mund fahrend schwärmte sie von seinen grünen Augen und den roten Locken. Auf der Treppe griff ich an meinen Hals. Den Schal hatte ich vergessen. Ich ging nicht zurück.
Nachdem ich mich von Kathrin verabschiedet habe, klingel ich auf meinem Heimweg bei meiner Schwester. Ich habe Glück, sie ist da. Ihr Mann steht in der Küche und kocht. Seit Neuestem gibt es nur noch Vollwertiges. Sie versuchen schwanger zu werden, da sei eine ausgewogene Ernährung sehr wichtig. Ich freue mich für die beiden, auch wenn die fleischarme Kost deutlichen Einfluss auf Alexanders Laune zu haben scheint. Er ist so stumm wie nie. Stolz zeigt mir Marie ihre heutigen Einkäufe, eine kleine Mütze und winzige Schuhe. Ich ziehe die Augenbrauen hoch und schaue herüber zu Alexander, der sich in Maries Rücken mit dem Zeigefinger an die Stirn tippt. Ich sage nichts.
Abends sitzen wir nebeneinander in deinem Bett. Wir lehnen aufrecht an der Wand und schauen dabei Blödsinn im Fernsehen. Du fragst mich nicht nach meinem Tag, es gebe ohnehin nicht viel zu erzählen. Ich greife unter die Decke und fasse nach deinem Schwanz. In meiner Hand wird er hart. Ohne Worte setze ich mich auf dich, schiebe mein Höschen beiseite und führe deinen Schwanz ein. Du hältst mich fest an der Hüfte. Es dauert nicht lange, bis du kommst. Du schaust mich an und sagst: „Ich liebe dich.“ Ein zufriedenes Lächeln begleitet deine Worte. Ich bin glücklich.





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Kommentare
von einfühlsam und traurig zu sarkstisch und schlicht. gefällt mir!
26.01.2012, 11:15 von Ada.schön, lässt hoffen. aber der titel ist schon ein bisschen frech. : )
25.01.2012, 23:26 von MenschensammlerinLäuft....
23.01.2012, 16:07 von TheGrumpich find den sinn und den stil gut, aber das ende gefällt mir einfach nich. wirkt billig. geschmackssache schätz ich.
18.01.2012, 12:56 von halbkindmfWahrscheinlich. Ich finde es nicht billig. Oh, Wunder!
18.01.2012, 13:14 von lalinadas hätt ich jetz ja nich gedacht :D
18.01.2012, 13:17 von halbkindmfJa, wirkt.
18.01.2012, 11:11 von Taneader text ist schön geschrieben, aber ist einfach nur ficken die lösung?
16.01.2012, 01:38 von wiedieschwalbenNein, aber das ist auch nicht die Botschaft des Textes.
16.01.2012, 06:58 von lalinanein hab ich auch nich so verstanden, ohne drama, schlicht. klar. aber ich bin grad noch zu müde, um es zu formulieren, wie ich es meinte.
16.01.2012, 09:49 von wiedieschwalbenOkay.
16.01.2012, 10:05 von lalinaHahahaha. Im Ernst, man denkt halt ständig Drama Drama Drama und dann wird am Ende einfach stumpf gevögelt. Sehr schön, behalt dir das bei!
15.01.2012, 22:13 von Surecampwow!
15.01.2012, 17:27 von kirschenausdemglasergreifend schlicht.
14.01.2012, 19:51 von mo_chroiNull-Realismus, "nicht"-Literatur, Hoch-Spannungsthemen im Nihilistenton, würde ich schreiben, wenn ich die Vergabe des Bachmann-Preises im Feuilleton der FAZ verteidigen müsste.
14.01.2012, 18:54 von TilmannKleyeStilprägend!
Ich fühle mich verstanden. Danke.
14.01.2012, 18:57 von lalinaDas Ganze ist sehr nachvollziehbar - und eben im Gegensatz zu vielem hier, literarisch. Stilfiguren, die auf den Text verweisen - und der Clou ist eben tatsächlich die charakteristische Spaltung: eine gefühllos anmutende Betrachtung der Dinge, die für die Freunde der Protagonistin existenziell sind.
14.01.2012, 19:08 von TilmannKleyeKurz dachte ich, beim beginnenden Lesen des letzten Absatzes: Verdammt, warum muss in diesem großen Text, das Wort "Schwanz" vorkommen? Weil es vorkommen "musste", wusste ich nach dem zu-Ende-lesen.
Eine Hamburger Band macht auf andere Art und Weise diese Spaltung von Thema und Stil erfolgreich: Superpunk musizieren über vollkommen schreckliche Dinge und Begebenheiten im angenehmen Gute-Laune-Sound. Z.B. "Ich weigere mich, aufzugeben"
http://www.amazon.de/Zwischen-Autor-Text-Interpretation-%C3%9Cberinterpretation/dp/3423046821
16.01.2012, 05:10 von MoogleEs gibt schlichte Schönheit und schlichte Schlichtheit. Bei letzterer
16.01.2012, 11:07 von Mooglewird's dann dramatisch, wenn man erstere aus ihr ableitet.
stilprägend? muahahahaha.
wahrscheinlich den ich-penne-schon-nach-den-ersten-buchstaben-ein-und-fange-an-wie-ein-elch-mit-nebenhöhlenproblemen-zu-schnarchen-stil.
der wird aber mit schmackes geprägt, muss ich zugeben.
chapeau!
19.01.2012, 17:45 von YOLK
19.01.2012, 17:54 von MoogleImmer ist die YOLK so gemein.