MadameTuedelluet 21.12.2009, 20:27 Uhr 4 5

Oh nuit!

Er sah ihr ein bisschen zu tief in die Augen, sie sah ein bisschen zu tief ins Glas. War aber nichts dabei, Monsieur.

„Noch einen Schlückchen, Mademoiselle?“
Sie nickte.
„Trinken Sie oft?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Ach. Ich wollte Sie grade als Stammgast für uns gewinnen. Das hätte sich gelohnt.“
„Wegen dieser Bemerkung kriegen Sie heute kein Trinkgeld, Monsieur!“
Sie schnitt ihm eine Grimasse.
„Das war keineswegs kommerziell gemeint. Es ist nur so, dass ich selten so hübsche Gäste bedienen darf.“
„Trinkgeld gerettet.“
„Wie reizend, Mademoiselle.“
Chloé trank mit schnellen, kleinen Schlucken ihr fünftes Glas Rotwein. Vielleicht auch ihr sechstes. Wer zählt da schon mit.
„Eh, Monsieur?“
„Ja, Mademoiselle?“
„Noch ein Schlückchen, bitte.“
Der Kellner musterte sie nachdenklich.
„Wenn Sie sich betrinken wollen, würde ich Ihnen eher Whisky empfehlen. Wir haben einen ausgezeichneten Jahrgang vorrätig.“
„Es geht nicht ums Betrinken.“
„Warum denn dann?“
Sie zuckte die Schultern.
„Pech in der Liebe?“ vermutete der Kellner.
„Ah, bemühen Sie sich nicht. Ihr Trinkgeld haben Sie schon sicher.“
„Vielleicht interessiert es mich tatsächlich?“
Sie zuckte erneut die Schultern. Er schenkte ihr nach und ging zum nächsten Tisch. Chloé merkte wie langsam die Wirkung des Weins einsetzte. Ihre Gedanken wurden angenehm träge.
Nach und nach wurde es leerer. Ein paar Gläser später setzte sich jemand zu ihr. Es war der Kellner. Er hatte sich umgezogen, beinahe hätte sie ihn nicht wiedererkannt. In einer Hand hielt er eine Flasche Whisky, in der anderen zwei Gläser.
„Ich wollte mich doch nicht betrinken.“ protestierte Chloé ohne die nötige Überzeugung.
„Sie nicht, aber ich.“
„Pech in der Liebe?“ fragte sie blinzelnd.
„Och, nicht mehr als sonst. Aber Sie haben mir Trinkgeld versprochen.“ Er grinste sie schief an. Stand ihm irgendwie gut, das Grinsen. Überhaupt sah er ausgesprochen gut aus. Dunkelbraune Locken. Chloé erwischte sich bei dem Gedanken wie es sich anfühlen würde, mit den Fingern hindurch zu streichen. Dunkle Augen. Grübchen, wie süß. Sportlich. Lässig gekleidet, Converse.
„Darf ich?“ fragte er und deutete auf den Platz gegenüber von ihr.
„Sie dürfen.“
Er ließ sich auf den Stuhl plumpsen. Sah irgendwie trotzdem elegant aus.
„Mein Name ist Jerôme Lebally, Mademoiselle.“
„Sehr erfreut, Monsieur Lebally.“
„Und Ihrer?“
„Meiner?“
„Ihr Name!“
„Ach so. Chloé Coccinelle.“
„CC. Wie auf dem berühmten Ring von Charles und Camilla?“
„Ganz genau. Obwohl ich immer eine Diana-Anhängerin war.“
Er lächelte, sie lächelte.
Dann füllte er die beiden Gläser.
„Eh, den kann ich mir bestimmt nicht leisten.“
„Der geht aufs Haus.“
„Hm, ich bin nicht so trinkfest wie Sie vielleicht glauben.“
„Warum trinken Sie dann?“
„Ich trinke um zu vergessen.“
„Was wollen Sie vergessen?“
„Dass ich trinke.“
Sie lächelte, er lächelte.
Der Whisky war nicht ihr Fall, aber Chloé trank trotzdem. Sie wollte wirklich vergessen. Einen Abend, eine Nacht so tun, als sei sie gar nicht sie. Als sei sie neugeboren, vergangenheitslos. Ja, das klang verlockend.
Nach und nach erfuhr sie mehr über ihren charmanten Trinkkumpanen. Aufgewachsen in der Nähe von Lille litt er unter unglückliche Familienverhältnisse und war mit 16 nach Paris abgehauen. Dort hatte er eine WG gegründet, sich irgendwie durch die Schule geschlagen, verschiedene Studienfächer begonnen und abgebrochen, unter anderem Pharmazie, Lyrik und griechische Geschichte.
„Dann kam irgendwann der Punkt, an dem ich beschlossen habe, dass Bildung nicht alles ist. Dass ich lieber als armer, dummer Schlucker sterbe als mich weiter mit den Professoren abzugeben. Also wurde ich Kellner.“
„Scheint Ihnen aber Spaß zu machen, eh?“
„Heute schon.“
Er sah ihr ein bisschen zu tief in die Augen und sie sah ein bisschen zu tief ins Glas.
„Und Sie, Chloé? Leben Sie schon immer hier?“
„Ja ja, schon ewig.“
„Und sonst?“
„Ich studiere. Ja, lachen Sie nur, mir gefällt es.“
„Welches Fach?“
„Musikgeschichte und Journalismus. Von Anfang an.“
„Ich denke, dass passt zu Ihnen.“
Er schenkte sich noch einmal nach.
„He, was ist mit mir?“
„Sie hatten genug, Mademoiselle.“
„Hmhm. Da haben Sie wohl Recht. Außerdem schmeckt er nicht.“
„Das kann nur ein absoluter Laie behaupten.“
„Und Sie sind Profi auf diesem Gebiet?“
„Ja, absolut.“
„Ich dachte immer, die Einzigen, die Whisky wirklich mögen können, wären Iren und Schotten. Der Rest trinkt ihn nur wegen des Flairs.“
„Sie kennen sich wirklich schlecht aus…“
„Ja ja, ich gebe es ja zu.“
Etwas verblüfft bemerkte Chloé eine Hand auf ihrem Knie. Nicht die ihre.
„Monsieur, Ihre Hand liegt auf meinem Knie.“
„Ist das so?“
„Ja, da bin ich ziemlich sicher.“
„Stört es Sie?“
„Heute stört mich gar nichts.“
„Welch Glück für meine Hand. Ihr gefällt es nämlich ganz gut.“
Chloé hörte sich kichern. Wie albern.
„Sie sehen so süß aus.“ murmelte Jerôme.
„Sind Sie betrunken?“
„Nein nein.“
„Aber ich. Ist ein gutes Gefühl.“
Monsieur beugte sich vor und küsste sie. Wärme und Nähe durchfluteten sie.
„Sie sind wohl auch Profi auf diesem Gebiet?“
Er roch ein bisschen nach Essen und Schweiß. Und natürlich nach Whisky. Sie fuhr ihn mit der Hand durch die Haare. Ah, noch besser als sie es sich vorgestellt hatte.
Sie küsste ihn, er küsste sie.
„He, Jerôme, wir machen gleich dicht.“ rief ihnen der Kerl hinter der Bar zu. Chloé spürte seinen Blick im Nacken. Fühlte sich einen Moment schäbig, riss sich aber wieder zusammen. War ja nichts dabei.
„Alles klar.“
Jerôme streckte sich und strich ihr eine Haarsträhne hinters Ohr. Er stand auf, brachte die Gläser zurück und wechselte ein paar leise Worte mit dem Mann.
Sie verließen das Restaurant, standen unentschlossen vor dem Eingang.
„Sehen Sie nur, die Sterne! Was für eine himmlische Nacht.“
Sie sah die Sterne an, spürte wie ihr die Unendlichkeit zuzwinkerte.
„Nun, Mademoiselle.“
„Nun, Monsieur.“
„Wo wohnen Sie?“
„Ich kann mich nicht erinnern.“
„Nun, Sie sind selbst schuld, schließlich haben Sie getrunken um zu vergessen.“
Ein schiefes Lächeln.
„Meine Wohnung ist eine Straße weiter... und ich kann Sie hier nicht alleine lassen.“
„Ach…“
„Hmhm. Kommen Sie?“
Sie reichte ihm die Hand.
Warum nicht auch nicht?
Sie selbst sein konnte sie morgen wieder, wenn sie wollte.

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4 Antworten

Kommentare

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    immernoch mein lieblingstext von dir :)

    16.07.2010, 00:16 von black-and-blue
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    der text an sich ist eigentllich nicht so mein ding.was mich aber dazu bewegt hat ,ihn zu lesen,ist die echt sehr heraustechend schöne sprache, in der er geschrieben ist:)

    06.06.2010, 13:54 von ueberleben
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    Ich finde deine Text wirklich schön.
    Ich muss mich meinem Vorredner/meiner Vorrednerin anschließen, man fühlt richtig mit und kann sich die Szene bildlich vorstellen.
    Auch die französische Location passt perfekt!

    08.01.2010, 23:57 von laptite0207
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    Aus irgendeinem Grund stört mich dieses "Converse" ( Lässig gekleidet, Converse. ) aber mir fällt auch nichts ein, was ich da lieber stehen hätte,

    Mir gefällt dein Text, konnt ich mir beim Lesen super vorstellen ( KopfKino! ) und ist total flüssig und aufbauend die Geschichte.

    Den Dialog find ich toll, ist so umgangsprachlich spielend ^^

    man man man ich hab auch ne wortwahl :D

    31.12.2009, 00:33 von bbennie
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