berlin_bombay 24.02.2012, 02:47 Uhr 99 155

Oder nichts von beidem?

Ich soll über dich schreiben. Wo fange ich an? Bei einer Zigarette am besten. Ich zünde mir eine an. Du rauchst nicht.

Unsere Beziehung ist ein Schmugglerlager. Alles Hehlerware. Alles ist schon durch unzählige Hände gelaufen und wurde tausendfach berührt. Von schmutzigen Händen. Von fremden Händen. Von Händen die dir nicht gehören.

Eine Inventur ist nötig. Ich als Kopf der Schmugglerbande muss wissen, was ich auf Lager habe, und was ich noch an die Frau, an dich, bringen kann. Zum einen wären da Banalitäten, die sicher nicht schwer gewichten, solltest du mich erwischen. Vermutlich kannst du sie dir denken.

Da wäre mein Bett, in dem vor dir schon mehr als ein Dutzend Mädchen schliefen. Sie alle haben das gleiche Gefühl gehabt wie du: Geborgenheit, Wärme, Vertrauen. Du legst dich so selbstverständlich auf das Laken, welches sich ein ums andere Mal in kreisenden Bewegungen im Bauch meiner Waschmaschine drehte, nachdem ich es nach schlaflosen und alkoholisierten Nächten mit deinen Vorgängerinnen teilte. Du legst dich so selbstsicher unter meine Bettdecken, als wären sie unschuldige Wolken und dein Geruch, dein Schweiß wäre der erste, den die wollenen Fasern aufsaugten und innehielten. Dein Kopf liegt ruhig auf eben jenem Kopfkissen, dass vor dir schon Wollust gedämpft und Fingernägel gespürt hat. Ohne dass du einen Gedanken daran verlierst.

Mein Kleiderschrank. Wenn du zum Sport gehst und dir ein Shirt aus meinem Schrank nimmst und so klein und fein in meinen dir viel zu großen Nickies durch den Raum tanzt, dann verschweige ich dir, dass schon Mädchen vor dir dieses Shirt getragen haben. Ich verschweige dir, dass dieses Shirt ein Geschenk der Frau war, die vorher in anderen Shirts durch dieses Zimmer getanzt ist. Ich verschweige dir, dass noch vor wenigen Wochen andere Mädchen dieses Shirt zum Schlafen trugen. Ich verschweige dir, dass mich dieses Shirt an andere Mädchen erinnert. Ich verschweige dir, dass vielleicht Mädchen nach dir dieses Shirt lieben werden.

Du sitzt vor meinem Terrarium und beobachtest Mumpel und Mompi, meine Mitbewohner, ebenso neugierig wie abwertend durch die verschmierte, milchige Glasscheibe. Du traust dich nicht sie anzufassen. Du willst sie nicht füttern. Weder mit Würmern, noch mit Heuschrecken. Du bist wie die Mädchen vor dir: fasziniert aber distanziert. Bartagame sind eben keine Babykatzen. Du wechselst nicht einmal die Wasserschale. Ich kenne das. Von den Mädchen vor dir.

Nun zu den Herzensangelegenheiten. Angelegenheiten, die mir wichtig sind. Die mich ausmachen.
Du sitzt stundenlang vor der Anlage und hörst dir meine Musik an. Die Hälfte hast du dir auf deine Festplatte kopiert. Du findest Dan Mangan und Frank Turner unglaublich, liebst The Avett Brothers und saugst unsere Musikmomente in dich auf, als wäre da kein gestern und kein morgen. In Wahrheit verschweige ich dir, dass ich dir die gleichen schnulzigen Balladen vorspiele, die gleichen abgedroschenen Songtexte vorsinge, die gleichen Phrasen über die Musikindustrie im allgemeinen und hippe Indiebands im speziellen vorbete, die ich seit Monaten den Mädchen auf meinem Sofa predige. Ich verschweige dir, dass ausnahmslos alle Lieder die du unser Heiligtum nennst, eine Geschichte haben. Eine Geschichte vor dir, eine Geschichte die begonnen hat, als wir uns nicht kannten, eine Geschichte in meinem Kopf, die mit dir nur wenig zu tun hat. Eigentlich nichts. Gar nichts.

Und ja, ich benutze sogar die gleichen Phrasen und Wortfetzen, die gleichen kleinen, aber so wichtigen und markanten Spielweisen meiner Handlungen, wenn ich dir mich selbst vorspiele, mich vor dir in Szene setze. Ich weihe dich ein in meine zehnminütige „Chill-Out-Phase“ nach dem Sex, meine Liveauftritte als Frontsänger unter der Dusche und meine Rolle als verständnisvoller Zuhörer. Ich streiche dir, wenn du vor mir die Treppe hochgehst, sanft über deinen Arsch und finde genau deine Brüste göttlich perfekt. Ich koche gern für dich und finde es wunderbar, dass du Bier aus der Flasche trinkst und dabei die Flasche mit zwei Händen hältst. In Wahrheit habe ich all das schon oft auf den Ladentisch gepackt. Ausgepackt um mich zu verkaufen. Meist weiß ich gar nicht genau, was du gerade gesagt hast, aber ich phrasiere Weltklasse und so fällt dir das nicht auf. Ich habe schon Mädchen vor dir von der „CoP“ erzählt und lauthals unter der Dusche gesungen und danach beschämt gefragt „ob sie das wirklich gehört hätten?“. Andere Mädchen hatten auch die perfekten Titten und den schönsten Arsch beim Treppensteigen. Und bekochen lasst ihr euch alle gern. Ich verschweige dir, dass das alles schon mal da gewesen ist.

Ich verschweige dir, dass alle Elemente unserer Beziehung bis hierher, die du für elementar wichtig erachtest, leere Hüllen sind. Leere Hüllen ausgelutscht von Frauen vor dir. Hüllen deren Existenzberechtigung in unserer Beziehung nicht nur fraglich ist, sondern falsch. Und obwohl ich mir dessen bewusst bin, nutze ich jeden Tag aufs Neue Hülle um Hülle scheinheilig, um dir Nähe, Geborgenheit und Sicherheit vorzuspielen. Ich tue das, weil ich aus allem Vergangenen das Beste konservieren will. Aber ist das richtig?

Unsere Beziehung ist Hehlerware. Alles ist durch viele Hände gegangen, wurde angefasst und mit Fingerabdrücken versehen. Alles ist gebrandmarkt. Alles.  Ich sollte über dich schreiben. Wozu?

Es gibt zwei Möglichkeiten. Die eine ist, du bist Silikon. Du bist ein Lückenfüller. Du verbindest die Erinnerungen und Kanten meiner Vergangenheit, kannst sie aufnehmen und umschließen und geschmeidig dir zu Eigen machen. Aber irgendwann härtest du aus, kannst nichts mehr aufnehmen und über kurz oder lang, wenn die bitterkalte Atmosphäre der Außenwelt an dir nagt und dich zermürbt, macht dich die Ungewissheit und immerwährende klare Undeutlichkeit meiner emotionalen Kreativlosigkeit nachdenklich und kaputt. Du bröckelst und alles fühlt sich nicht komplett an, weil andere Frauen in den Wurzeln und Grundfesten unserer Beziehungen sitzen und sie wie fette, satte Nagetiere aushöhlen und untergraben.

Die andere ist: du bist Lehm. Ein Werkstoff für die Ewigkeit. Du verbindest die Erinnerungen und Kanten meiner Vergangenheit, kannst sie aufnehmen und umschließen und geschmeidig dir zu Eigen machen. Und du gibst immer wieder ein paar Tropfen mehr von dir dazu, formst alte Gedanken zu neuen, baust auf alte Erinnerungen auf und gibst jeden Tag ein Stück von deinem Leben hinzu. Du wächst an meinen Geschichten, ich wachse an deinen.  Du lernst aus meinen Handlungen und ich aus deinen. Du baust als Lehm ein Fundament. Ein Fundament auf dem vier Beine stehen können, ohne dass es zerbricht, ohne dass es zerfließt. Tropfen für Tropfen. Jeden Tag. Oder?

Bist du Silikon? Oder Lehm? Oder nichts von beidem?

 

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99 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Im Hause B. gehört ein Verbot für schnöde letzte Sätze ausgesprochen! Jeden Tag. Punkt. Wie endet die Geschichte, und wie wäre es, wenn du dir ein Katzenbaby ins Terrarium setzt?

    06.11.2012, 23:57 von Hildegardt
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  • 0

    ...und Menschen sind nur Nummern.

    26.09.2012, 10:04 von egotrip.com
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  • 0

    Wäre es nicht merkwürdig, wenn man nicht gewisse Automatismen/Rituale/was auch immer entwickelt? Es wäre ziemlich dämlich, Dinge die gut funktioniert haben bei dem nächsten Menschen zu vergessen. Noch dämlicher, Fehler zu wiederholen. Und wie selbstverliebt oder naiv ist das Erzählerich, wenn es glaubt, auf der anderen Seite würden nicht auch solche Prozesse ablaufen?
    Ob Silikon oder Lehm, das hängt nicht von dem Ekel vor einer Raubtierfütterung oder der Duscharie ab.

    04.03.2012, 01:37 von Inselregen
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  • 0

    gut, traurig, wahr. den speichere ich mir gleich mal.


    29.02.2012, 20:20 von ladolente
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  • 5

    Den Vergleich mit Silikon/Lehm finde ich nicht sehr gelungen- das widerspricht meinem Sinn für Realität.
    Lehm für die Ewigkeit? baah
    Dabei hat's so stark angefangen mit der Hehlerware- das war ein schönes, stimmungsvolles Bild. Liest sich auch sehr geschmeidig, einen ganz kleinen Tacken zu zu langatmig an ein paar Stellen, aber sonst klasse.
    Zum Thema:

    Ich tue das, weil ich aus allem Vergangenen das Beste konservieren will.

    Ne, ne- es geht hier um Pimmelbingo, wenn man mal WIRKLICH knallhart ehrlich sein will. Sonst würde man sich nicht immer die gleichen Bimbos ins Haus holen die man alla Barney Stinsons verarschen kann.
    Aber hey- ich mach dir keinen Vorwurf. Beachte dabei nur den BroCode...

    26.02.2012, 12:25 von Dalek
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  • 4

    Wenn der neue Mensch nicht neugierig genug macht, von null anzufangen und eben nicht die gleiche Routine zu fahren, dann ist das m.E. bereits die Antwort.

    26.02.2012, 11:33 von eineLeserin
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  • 0

    ....mir gefällt die assoziation einer geschmeidigen Symbiose aus Lehm und dem anderen unbekannten Werkstoff des Erzählers..... wenns so einfach wäre, eine frau... nein ein mensch in 2 kategorien zu unterteilen.... ich drücke dem erzähler die daumen...

    was auch immer, mal ist frau lehm... mal silikon... oder auch Holz!

    26.02.2012, 00:45 von MizTeeQ
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  • 3

    Wenn sie "Lehm" wäre, würdest du nicht fragen müssen...

    25.02.2012, 22:21 von Alexiss
    • 1

      vllt ist sie genauso undeutlich wie er es ist.... mal ist sie lehm, mal wieder nicht.. wer kann von sich behaupten, er ist straight immer nur eines... dafür ist das leben und man selbst als mensch zu kompliziert... ;)

      26.02.2012, 00:46 von MizTeeQ
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  • 5

    Gefällt mir sehr gut, vielen Dank für den Text!

    Genau diese Gedanken beschäftigen mich immer - aber von der Gegenseite. Welche Vergangenheit hat sein Herz, seine Wohnung, sein Liebesbrief, seine Worte? Das ist der Grund, warum ich mich nicht 100% fallen lassen und genießen kann. Weil im Hinterkopf immer ein Programm abläuft: you are just a number. Mal schauen, ob ich den Lehm-Gedanken tranferieren ins Leben kann.

    25.02.2012, 22:03 von -A-
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  • 1

    Sehr gut geschrieben! Der Anfang hat mir sehr gut gefallen nur der Schluss ist etwas abgestumpft!


    25.02.2012, 20:10 von anna-bolika
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