MaasJan 01.11.2012, 17:19 Uhr 10 8

Obolus

Es war ein dunkler und feuchter Ort. Kalt, zugig, nicht zwingend einladend.

Es war ein dunkler und feuchter Ort. Kalt, zugig, nicht zwingend einladend.

Unwirtlich. Nun, das mochte je nach Sichtweise schon zutreffen. Im Grunde war es nur ein gewöhnlicher Laubhaufen, der langsam verblassend vor sich hin rottete. Sicherlich, es waren weniger Blätter, als gewöhnlich an den Straßenrand gefegt worden. Nur handelte es sich auch nicht eben um den Bordstein, auch wenn die begrenzenden Lippen durchaus eine asphaltähnliche Färbung angenommen hatten.

Als wäre ein kleiner Künstler am Werk gewesen, hatten sich in der modrigen Höhle die farbenprächtigsten Ahornblätter zusammengefunden, um der atemlosen Leere ein wenig Fülle zu verleihen. Vielleicht war es dieses Detail, das ihn stutzig werden ließ. Leichen hatte er zu genüge gesehen, gerade im Herbst. Die Menschen verschieden und niemand konnte so recht sagen, woran es lag. Selten starb jemand gewaltsam, zumeist legten sich einfach nur nieder. Was genau sie umbrachte, das war niemandem so recht klar. An ein Aufsammeln war nicht zu denken. Wohin auch.

Aber diese Leiche lag nicht nur herum, es schien fast, als sei sie abgelegt worden.

Jedenfalls war nichts mit Geäst oder Blättern bedeckt. Einzig der Laubhaufen im Mund schien auf etwas hinzuweisen. Mit einer gewissen Routine ging er in die Hocke und griff beherzt ein die Mundhöhle. Zwischen all dem goldgelben Ahorn bekamen seine Finger eine kalte, klebrige Münze zu fassen.Dann wurde alles schwarz.

Es war beileibe kein sonniger Tag gewesen, den er hier draußen verbrachte. Im Gegenteil. Kalt und zugig fegte der Wind durch die fast kahlen Bäume. Ihre Blätter hatten sich zu einem bunten Teppich auf dem Boden ausgebreitet, der langsam aber sicher zu Erbraunen begann. Mit Ruhe hatte er den Platz ausgesucht, das Gestrüpp beseitigt und eine weiche Fläche aus Moos und Laub geschaffen. Es war nicht schwierig gewesen, sie hierhin zu bekommen. Es gab genug Tote im ganzen Land und die meisten lagen achtlos herum.Niemand machte sich Gedanken, was mit all den Vergangenen werden sollte.Er schon.

Den Körper hatte er auf einem Maisfeld aufgelesen. Sicherlich, die Auswahl war groß und er stand vor einer schwierigen Entscheidung. Alle auf einmal mitnehmen, wie das mit Kastanien so der Usus war, das ging nicht. Da brach Einem ja das Kreuz. So hatte er sich für eine eher zierliche Leiche entschieden und geschultert. Einmal an dem vorbereiteten Flecken Wald angekommen, ließ er den Körper sachte auf das Moosbett gleiten.

Er fingerte eine Münze aus seiner Hosentasche und legte sie in den Mund, direkt unter die Zunge. Etwas Wegzoll konnte nicht schaden. Nur stehlen durfte sie niemand, weder seine Leiche noch die Münze. Er klaubte ein paar bunte Ahornblätter vom Boden und drapierte sie im Mund seines Toten. Ein gutes Werk wie, er befand.

Andächtig hielt er einige Momente inne, bis ihn ein lauter werden Knacken und Rascheln zurückholte. Flugs sprang er hinter einen Baumstumpf und wartete. Eine Person näherte sich zusehends und ging zielstrebig auf seine Leiche zu.Ehe er sich versah, griff eine gierige Hand in den Mund, tastete durch das Laub und es würde nur eine Frage der Zeit sein, bis sich die Münze in einer fremden Tasche wiederfand.  Er griff einen massiven Ast, schlich sich an und führte einen schwungvollen Schlag gegen den Kopf aus.

Jetzt hatte er zwei Leichen.

Es war keiner dieser beschwingten Herbsttage mehr, die einem goldene Zeiten und honiggelbe Gemüter versprachen. Diese Zeiten waren vorbei. Die Menschen gingen einfach. Ohne Abschied, ohne Grund. Nach einer Antwort zu suchen war müßig. Es wurde schlichtweg ruhiger in der Welt. Die Stille legte sich wie ein drückender Schleier über den die Städte. Wer dem entfliehen wollte, ging in die Natur.

Dort fügten sich die Leichen wenigstens ein wenig in das Landschaftsbild. Die Tiere jedenfalls nahmen keinerlei Notiz von den Toten.Nicht eine gefledderte Leiche hatte sie gesehen und sie unternahm viele Wanderungen.Auch plünderte niemand die Verstorbenen. Der Reiz des Materiellen war fast gänzlich verflogen. Jeder Tote, den sie sah, war ein Stück Selbstaufgabe. Je mehr Menschen die Welt verließen, desto körperloser wurde auch ihr Empfinden der Umgebung. Auf ihrem heutigen Waldspaziergang gab es nichts, dem sie mit bestimmten Gedanken nachging. Sie ließ den zugigen Wind auf ihr Gesicht prallen, atmete die erdige Feuchte des Waldbodens und fühlte sich ein wenig verbundener mit der Natur, die so gar kein Aufhebens um die Menschen machte, die sich anschickten, die Welt zu verlassen. Auf einer kleinen Lichtung stockte ihr dann kurz der Atem.

Drei leblose Körper lagen dort. An und für sich nichts Ungewöhnliches. Aber diese wirkten anders, fast, als hätte sie jemand dort abgelegt und drapiert. Verstärkt wurde dieser Eindruck durch die Tatsache, dass die mittlere Leiche den Mund voller buntem Ahorn hatte. Vorsichtig schritt sie näher.

Kein Zweifel, das war etwas Besonderes, zusammen gingen die Menschen sonst nie in den Tod. Sie ging in die Knie, rupfte vorsichtig die Blätter aus dem Mund und hielt plötzlich eine Münze in der Hand. Kalt und klebrig. Etwas angewidert ließ sie diese fallen und wandte sich dem zweiten Körper zu. Der Mund war geschlossen, die Augen ebenfalls.

Vorsichtig hob sie die Lider an und bekam abermals eine Münze zu Gesicht, auf einem Klumpen Erde und Moos, der die gesamte Augenhöhle ausfüllte. Mit einem wenig wohligen Schauer wollte sie sich der dritten Leiche widmen.

Einen Grund musste es ja geben, dass sich gleich drei Verblichene an einem Ort derartig drapiert fanden. Was sie nun sah, jagte ihr allerdings einen gewaltigen Schauer über den Rücken und die Arme hinab. Der Körper war weg, verschwunden. Instinktiv drehte sie ihren Kopf, als es raschelte.

Dann wurde alles schwarz.


Tags: Blocksatz, Tat, Ort
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10 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Endlich mal wieder ein Text von dir :)

    07.11.2012, 17:22 von deluecksartist
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    Gruselig, schaurig.

    02.11.2012, 13:24 von Tanea
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  • 0

    Was haste denn an dem sou lange ausgebrütet? Is da was anders und muss ich den nochma lesn?

    02.11.2012, 09:25 von quatzat
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  • 1

    ...den kenn ich aber, oder? Egal, schräg. ^^

    01.11.2012, 21:52 von derHalbstarke
    • 0

      mh, ich trau dir ja einiges zu, aber der is taufrisch;)

      01.11.2012, 23:32 von MaasJan
    • 0

      Dann hilf mir auf die Sprünge bitte - du hattest schon mal nen Text mit viel Laub und Leichen oder so, der war auch so herrlich schräg. Hilf mir, sonst werde ich nie wieder ne ruhige Minute schlafen können. ^^

      02.11.2012, 01:04 von derHalbstarke
    • 1

      haha, ja..da ging es um einen alten mann und ein totes kind im laubhaufen..am ende hat man seine wohnung angezündet und so..

      02.11.2012, 01:06 von MaasJan
    • 0

      Geeenauuu, danke! ^^

      02.11.2012, 01:07 von derHalbstarke
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  • 1

    Ein merkwürdiger Tatort. Einladend, schön und unbedrohlich.

    01.11.2012, 19:06 von forst
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  • 2

    Dann wurde alles schwarz... 
    Also:

    WOW!!

    01.11.2012, 17:40 von Mrs.McH
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