myownsunshinestate 14.12.2011, 01:34 Uhr 98 161

Nur ein Kuss.

Die Erinnerung daran ist das Einzige, was mir noch von Dir geblieben ist. Dieser eine magische Augenblick - unser Anfang vom Ende.

2 große Filterkaffee. Du experimentierst schon wieder mit dem Kakao- und Vanillepulver herum, das sich einfach nicht auflösen will. Starbucks. Wir zwei, wie immer. Du lächelst mich an, Deine Augen blitzen dabei zufrieden.

Unser Stammplatz ist diesmal belegt. Eine Gruppe englischsprachiger Mittdreißiger hat sich in die Ecke mit dem Zweisitzer verzogen, in der wir so oft saßen und redeten. Eine Mauer aus Sofas und Stühlen um uns herum bildeten und nach meinem blauen Lippenbalsam kramten, das mir immer aus dem Beutel kullerte.

Heute befinden wir uns 4 Meter weiter. Mehr dem Raum zugewandt, hinter uns ein Fenster. Du liegst in meinen Armen. Wir sehen aus wie ein Knäuel, untrennbar. Unzertrennlich wie der Gordische Knoten genießen wir die stille Anwesenheit des anderen.
Du riechst gut. Sehr gut sogar. Ich habe noch nie ein Mädchen mit so einem Geruch getroffen. Ich bin süchtig.

Ein paar Kunden kommen die Treppen herauf. Sie sehen uns und wenden sich ab. Uns gegenüber ist noch Platz, aber niemand traut sich, uns zu stören. Bis auf ein Mädchen, ein Gothic, das seinen Laptop auspackt, sich auf die Couch wirft und keinen Blick auf uns verschwendet. Aber ich nehme sie gar nicht wahr.

Ich sehe nur Dich in meinen Armen. Schaue Dein Gesicht an, Deine schöne Nase, Deine langen Wimpern, die an Deinen geschlossen Augenlidern die Bernsteine beschützen, die mich jedesmal versinken lassen in nie geträumten Träumen von wunderbaren Welten und Universen.
Deine Wangenknochen. Deine Ohren. Dein Hals.

Ich sehe, wie meine Fingerspitzen Dich berühren. Langsam über Deine Haut streichen. Sie fahren über Deine Haare, die Deine Ohren verdecken. Spielen mit Deinem halboffenen Dutt. Gleiten über Dein Gesicht, Deine vollen, wohlgeformten Lippen. Deinen Hals.
Ich berühre Dich ganz sanft, spiele mit Dir.
Sehe, wie Deine Halsschlagader reagiert. Pocht. Immer schneller. Bumm. Bumm. Bubumm. Bubummbubumm. Du genießt.

Mit einem Blick auf die Uhr werde ich aus diesem Traum wachgerüttelt. Spät. Später.
Heute habe ich es eilig, muss in die Deutsche Oper. Tannhäuser.
Nocheinmal fahre ich kurz über Dein Gesicht, dann sage ich mit leichtem aber deutlich hörbarem Zittern in der Stimme:  

"Ich muss los. Ich schaff's sonst nicht mehr rechtzeitig."


Du nickst und ziehst Dich an.

Hand in Hand verlassen wir das Geschäft, ich stecke mir eine Zigarette an. Selbstgedreht. Kirschtabak. Ich frage Dich, ob Du auch möchtest, Du lehnst ab. Ziehst nur kurz, als ich sie Dir hinhalte. Deine Lippen fühlen sich weich an, als sie meine Finger berühren. Du steckst unsere beiden Hände in meine Jackentasche und schlägst den Weg Richtung U-Bahn ein.
Es ist dunkel draußen. Riecht nach Winter. Klare Luft. Luft und Rauch. Und nach Dir riecht es auch.

Ich schnippe den Rest der Kippe weg und steige mit Dir die Treppen hinab.
Du begleitest mich, sagst Du. Ich bin einverstanden.

Die Bahn fährt ein. Voll. Wir finden einen Platz zum stehen, Du lehnst an einer gelben Haltestange, ich umarme Dich von vorn.
Auf den kleinen Bildschirmen sehe ich Werbung für die Oper. Es sieht ganz interessant aus, aber der Gedanke, dass ich deswegen gleich von Dir Abschied nehmen muss, macht mich wahnsinnig.
Ich genieße zu sehr. Viel zu sehr. Besonders heute. Jetzt.

Du gibst mir einen kleinen Kuss auf den Mund. Ein freundschaftlicher Kuss. Wie bei unserem letzten Treffen, als ich Dich vor Deiner Tür verabschiedete und den 45 Minuten langen Heimweg angetreten bin.
Und nocheinmal. Wieder und wieder. Lauter kleine Portionen von Glück. Ich sage nichts.

Wir sind angekommen. Die Bahn steht. Die Türen öffnen sich und wir steigen aus, gehen die Treppen hoch. Kurze Orientierungsphase. Dann sehen wir das große Gebäude der Deutschen Oper. Fünf Minuten zu früh. Gerade richtig für eine weitere Kirschzigarette.
Ich zittere. Mir ist kalt.

Vor den großen Glastüren kommen wir zum stehen. Ich sehe, wie meine Gruppe, mit der ich verabredet bin, im Foyer steht, sich unterhält. Niemand macht den Eindruck, als würde er gleich losstürmen und sich seinen Platz suchen.
Uns umarmend stehen wir draußen in der Kälte. Und doch habe ich aufgehört, zu frieren. Du wärmst mich innerlich mit Deiner Anwesenheit.

Glasklarer Abendhimmel.

Du gibst mir wieder einen Deiner kleinen Küsse.
Ich habe meine linke Hand an Deiner Taille, drücke Dich an mich. Ich schaue Dich an.
Und küsse Dich. Lang. Intensiv.
Du schmeckst nach unserem blauen Lippenbalsam, das wir beide so lieben. Das Du gerade nocheinmal aufgetragen hast.
Deine Zunge spielt mit meiner. Ich sterbe und werde im gleichen Moment wiederbelebt. Höre auf zu denken.

Wir lösen uns voneinander.
Niemand sagt etwas.
Ich nehme einen Zug von der Zigarette, die ich immernoch fest in meiner rechten Hand halte. Dann drehe ich sie um und führe den Filter zwischen Deine Lippen. Du lässt den Rauch durch Deine kleinen bebenden Nasenflügel entweichen. Der letzte Zug muss durch die Nase raus.

Wir küssen uns nocheinmal.

"Ich muss jetzt rein",
sage ich.


"Viel Spaß, ich denk an Dich, dass Du die nächsten 3 Stunden durchhältst. Ich ruf Dich an.",
antwortest Du mit Deinem Lächeln, das nicht von einem Grinsen zu unterscheiden ist.


Ein Kuss zum Abschied. Dann drehen wir uns beide um. Du gehst Richtung U-Bahn. Ich sehe Dir nocheinmal nach.
Schaue Deine Beine an, Deinen Po, Deine Haare.
Dann gehe ich ins Gebäude.
Und bin in Gedanken nur bei diesem einen Moment.
Diesem magischen 14. Dezember 2010.

Später fragen wir uns oft, ob gerade dieser Abend ein Fehler war. Ob das dieser Zeitpunkt war, von dem an nichts mehr rückgängig zu machen war, aufzuhalten. Und doch ist er mir im Gedächtnis geblieben. Bis heute. Ein Jahr später kenne ich noch jede Einzelheit, jede Kleinigkeit. Doch geblieben ist mir nur die Erinnerung. Und die Tannhäuser-Karte, die ich in einer Tüte mit vielen anderen Dingen aufbewahre, die einen Teil von Dir bewahren.


Heute - Mittwoch, 14. Dezember 2011

Du bist fort. Der Moment ist fort. Ich halte ihn fest. Noch einmal. Einen der glücklichsten Momente in meinem Leben. Dann lass ich ihn gehen. Wissend, dass ich ihn nie wieder so erleben werde. Mit Dir. So sehr ich die Zeit auch zurückdrehen möchte. Nur um es nocheinmal zu durchleben. Diese wenigen Stunden. Unseren Anfang vom Ende.

Ein Teil von mir liebt Dich und wird Dich immer lieben.
Ebenso, wie Dich ein Teil meines Herzen immer hassen wird.

Ich hoffe Du spürst, was heute für ein Tag ist.
Heute ist eines der drei Daten, an denen ich mir wünsche, dass Du ihre Bedeutung für mich und uns erkennst.





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98 Antworten

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    gefällt.

    01.07.2012, 16:14 von Lina.Tanzend
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    wow... ein Text der mich an meinen, längst vergangenen Moment, den ich nie vergessen werde, erinnert. Danke

    31.01.2012, 13:17 von anasha
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    Da bekommt Kirschtabak eine ganz neue Bedeutung...
    Gefällt wirklich sehr. Verblüffend, dass man sowas atemberaubendes über eine Begegnung zweier Menschen schreiben kann. Also als Kerl. Respekt!
    Das Lied ist auch passend. Coldplay scheint immer die richtigen Lieder zu den jeweiligen Situationen zu haben.

    27.01.2012, 17:45 von superschnitzellovesong
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    tränen laufen meine wangen hinab. ich denke daran, wie er mich an sich gezogen hat, meinen hals geküsst hat, mir übers haar gestrichen hat.
    und dann gegangen ist.
    und ich hasse ihn dafür und werde ihn doch immer lieben.

    21.01.2012, 21:59 von wir_sommer_wiese
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    irgendwie überraschend unkitschig und deswegen wirklich berührend. sehr schön zu lesen!

    15.01.2012, 15:01 von fatales_ende
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    berührt :]

    12.01.2012, 09:06 von miss_pipedream2.0
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    merci.

    11.01.2012, 17:41 von PinardelSol
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    viel Talent.

    02.01.2012, 20:55 von seek4happiness
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    "Wieder und wieder. Lauter kleine Portionen von Glück."  sehr schön.

    22.12.2011, 22:30 von LIEBEMACHEN.
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    gotta love cigarettes
    aber toll geschrieben!

    21.12.2011, 21:00 von jonnychappelle
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