Nimm mich in den Arm
Hätte ich geahnt, dass es unsere letzte Umarmung ist, hätte ich dich viel länger festgehalten.
Beflügelt der Sehnsucht, fuhr ich zu dir. Meines Verstandes nicht mehr mächtig, vernebelt der Ungeduld und morgendlichen Frühe. Aufgewühlt stieg ich die Treppen empor. Der Weg zu deiner Wohnung ganz nach oben, gefühlte Stunden voller Erwartung und Hoffnung. Endlich, das scheinbar höchst gelegene Domizil der Welt erklommen, verschaffte ich mir mit Hilfe deines Mitbewohners Eintritt. Schleichenden Schrittes, noch nie war jede meiner Bewegungen überlegter, rückte ich deinem Bett näher. Mit chirurgischer Präzision positioniere ich, auf dem Nachttisch, den Strauß Blumen, eine für dich bestellte Zeitschrift und ein kleines Liebesbekenntnis, schlicht und einfach auf einem kleinen weißen Zettel nieder geschrieben. Vorsichtig setzte ich mich an die Bettkante und beobachtete, was mein Herz so sehr begehrte.
Plötzlich öffneten sich deine Augen, schockiert sahst du mich an. Verstört erwiderte ich deinen Blick. Wortlos und doch alles sagend, wusste ich plötzlich, dass es falsch war. Es war falsch hier zu sein. Falsch und ganz anders als sonst. Wortkarg. Kalt. Tot. Wenige Worte wurden gesprochen, eine Stunde verging. Mit gläsernen Augen der Verzweiflung und zitternden Knie erhob ich mich. Du sahst mich an, immer noch fassungslos. Kurz bevor ich durch den Türrahmen schritt, drangen deine Worte zu meinem Ohr: „Komm her und nimm mich in den Arm.“ Wortlos kam ich dieser Bitte nach, wortlos verließ ich dein Zimmer, wortlos nahm ich meine Schuhe und ging den unendlich langen Weg die Treppen hinab. Im Sitz meines Wagens gehüllt, eine kurze Ohnmacht. Neu motiviert und berauscht von rechtfertigenden Gedankengängen schrieb ich, wortvoll, eine Nachricht nach der anderen. Solang, bis ich das Gefühl hatte, alles tot geschrieben zu haben. Wieder wusste ich, es war falsch. Es war falsch hier zu sein und des Wortes voll. Seither begleiten mich wortlose Zeiten. Hätte ich geahnt, dass es unsere letzte Umarmung ist, hätte ich dich viel länger festgehalten.



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Kommentare
mag ich. sehr.
10.02.2012, 21:16 von Mechthild_Bundschuhfreut mich. sehr.
12.02.2012, 23:10 von rubs_n_rollHammer! Wenig Worte und doch alles gesagt. So muss ein Text sein...
10.02.2012, 17:51 von Hillie87Der letze Satz macht's. Aber sowas von.
09.02.2012, 18:44 von vexierbildIch musste echt was runterschlucken, als ich diesen letzten Satz gelesen habe.
Du vermittelst das Gefühl von Machtlosigkeit, der Leser wird vor vollendete Tatsachen gestellt - ohne Eingreifen zu können, ohne dir nachzurufen.
i like!
08.02.2012, 16:38 von lomoloverichtig, richtig gut! den letzten satz find ich auch am schönsten
06.02.2012, 19:37 von ICHLEBEJETZTDavon kann wohl jeder eine Geschichte erzählen.
31.01.2012, 13:51 von johnossiManchmal ist es einfach nicht fassbar.
Man erwartet etwas anderes und dann ist da einfach nurnoch Stille.
Das hier hilft.
30.01.2012, 21:25 von somehowamusingHey Danke! Aber ich brauch dann doch eher so richtig krasse Kost!
30.01.2012, 22:07 von rubs_n_rollnix. der kreischende zausel ist um längen härter!!!!
19.02.2012, 15:35 von lavishWundervoll und schmerzhaft.
30.01.2012, 20:25 von UnterMeinerHaut...ich denke in letzter Zeit öfter an solche Situationen.
"Wieder wusste ich, es war falsch."
das Gefühl kenn ich auch- mir geht es nur so, dass ich den Fehler immer wieder mache :P
naja vllt lernen wir ja irgendwann aus unseren Fehlern.
Text gefällt mir.
30.01.2012, 13:30 von kiwicatIch glaube das geht den meisten so. Kein Grund zur Verzweiflung. Bisher ist aus Scheiße immer was neues tolles gewachsen, was ich hätte im Nachhinein niemals verpassen wollen. Vielleicht begehen wir, unbewusst, genau aus dieser Tatsache heraus, immer wieder den Fehler!? =)
30.01.2012, 22:43 von rubs_n_roll