Nimm Dein Herz in beide Hände (Teil II)
Es wurde ein heißer Spätsommer voller Liebe.
Sie liebten sich in der Nacht, sie liebten sich am Tag, ihre Glieder ineinander verschlungen, die Laken feucht vom Tau ihrer Lust, die Luft schwanger vom Duft ihrer Hingabe. Schweigend saßen sie am Küchentisch, während die Sonne zarte Muster auf ihre nackte Haut zeichnete. Redend lagen sie im Bett und ergründeten die Tiefen der Welt. Kein Wort berührte das, was ihr Herz mit Sehnsucht fülllte - und mit Angst, von der Ungewißheit über die im Dunkeln liegende Zukunft heraufbeschworen.
In einsamen Stunden machte sie sich auf die Suche nach Informationen. Sie wollte vorbereitet sein. Errechnete im Internet, wieviel Sex nötig ist, um schnell schwanger zu werden. 52% - ob sie nun alle zwei Tage oder fünfmal täglich mit ihm schlief, dies war die statistische Obergrenze. Beim Lesen in den Foren, in denen sich Frauen mit Kinderwunsch, Schwangere und junge Mütter austauschten, wurde ihr schlecht, genauso, wenn sie sich durch die Textberge zu Vorsorgeuntersuchungen, Risiken und Komplikationen in der Schwangerschaft las. Sie gab auf. Das war nicht ihre Welt. Sie wollte einfach nur ein Kind haben, einfach nur daran glauben, es sei das Schönste auf der Welt, einen kleinen Klumpen Liebe in ihrem Bauch heranwachsen zu spüren. Ihre Angst vor den Schmerzen der Geburt schob sie in die dunkle Zukunft. Dafür war später noch genug Zeit.
Der Herbst begann mild, umhüllte sie mit dem Rascheln fallender Blätter und mit seinen nicht enden wollenden Umarmungen. "Ich liebe Dich.", war mit einem Lachen aus ihm herausgesprudelt, als sie auf ihm saß und sich sanft ihn genießend wiegte. Tränen rannen ihr über die Wangen. Sie hatte es gewußt, es sprach aus den Tiefen seiner Augen, aus seinen Gesten, jede seiner Berührungen erzählte es ihr. Es lag in seinem Schweigen, ruhte in der friedlichen Stille, mit der er die Wohnung und ihren Geist füllte, ihre Seele nährte. Geduldig hatte sie jede Scherbe seines zersprungenen Herzens aufgesammelt, aus den dunkelsten Ecken hervorgekehrt, aus seinem Seelenfleisch gezogen und ihm in seine Hände gelegt. Jetzt war es wieder ganz und sein perlendes Lachen erfüllte sie, zerriß den Schleier der Stille, der sie beide umhüllt hatte.
Noch immer streifte kein weiteres Wort ihre Sehnsucht, mit der sie nun schon so viele Monate schwanger ging, daß sie sich inwendig ganz dick und rund davon fühlte. Sie saßen gemeinsam schweigend an ihrem Küchentisch, wechselten Wort für Wort, sobald der Morgen ihren Geist öffnete, gaben sich einander hin, sanft oder stürmisch, stundenlang oder minutenkurz, wann immer ein Herbstlicht sich leuchtend in ihren Augen brach, ein weiteres buntes Blatt an ihrem dämmrigen Fenster vorbei der Erde entgegen segelte oder sich der silberne Glanz des nächtlichen Mondes sich auf ihren Laken zerstreute. In einer sanften Oktobernacht explodierte in ihr ein Stern, ergoß sein strahlendweißes Licht in ihren Körper, die Erschütterung hob sie aus der Welt, zerfaserte sie ins Universum. Als sie nach Ewigkeiten zurückkehrte, sah sie direkt in seine warmen Augen, die zu strahlen schienen, als würde sich der Glanz dessen, was ihr widerfahren war, in ihnen noch immer spiegeln.
Wochenlang wartete sie. Ihre Brüste schmerzten leicht, also mußte doch morgen schon das Blut kommen. So dachte sie jeden Tag, bis sie aufwachte und einen unbändigen Hunger auf Joghurt verspürte. Ihr nächster Gedanke traf sie wie ein Schlag: Wie hatte sie das nur übersehen können? Bei all ihren Recherchen hatte sie vergessen, die ersten Anzeichen in Erfahrung zu bringen. Einsam saß sie auf der Kante ihres Bettes, sehnte seine Rückkehr herbei, hoffte, daß er nach den langen, mühsamen Stunden des Arbeitens keinen seiner Spaziergänge durch die Stadt machen würde. Hoffte, daß er sich Zeit lassen würde, damit sie Zeit hatte, sich zu beruhigen, Worte zu finden, die nervöse Unsicherheit zu besiegen, die sie nun den langen, kalten Flur hinauf und hinunter trieb. Vielleicht hatte er längst vergessen, was sie ihm vor Monaten gesagt, was er darauf geantwortet hatte. Kein Wort hatte es seither wieder gestreift, sie in Sicherheit gebracht, sie hatte mit ihm geschwiegen und still jeden Moment bis zur Neige gekostet. Jetzt wußte sie plötzlich selbst nicht mehr wieso, schalt sich eine Närrin, kehrte zu ihrem Bett zurück und rollte sich darauf zusammen, wie sie es immer tat, wenn die Welt zu viel für sie wurde. Als die Wohnungstür krachend ins Schloß fiel, sprang sie hoch, ihre Wangen vor Aufregung rot und heiß, ihre Hände zitternd um Fassung ringend. Er ging in die Küche und kochte Kaffee. Sie nahm ihr Herz in ihre bebenden Hände, trug es wankend zu ihm und sagte mit einem tiefen Atemzug:
"Ich glaube, ich bin schwanger."



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Kommentare
12.06.2007, 16:28 von LudwigMartin@chessige
Okay, ich seh klarer. Habe wohl das "Sie gab auf." überlesen bzw. nicht so als Wendung gesehen.
Das mit dem In-Worte-Fassen hast Du schön erklärt. Das ist schon eine zentrale Botschaft, mit der ich kein Problem hatte. Ich hab das "erste Mal" also nicht überlesen, sondern nicht angemerkt, weil es schlüssig war.
Insgesamt sind mir die Grundaussagen klar und relativ nah, schwierig waren eher die Hinführungen.
Nungut.
Jetzt heißt es warten...
@pdk
Ohne Zweifel.
Ich fand es nur bemerkenswert, daß ich IHN (Nichtprotagonist) viel besser nachvollziehen konnte als die Potagonistin. Ist aber besser geworden mit der Autorin letztem Statement.
lou, ich weiß nicht welche frage, aber du kannst im schreiben nie die sicht eines anderen glaubhaft rüberbringen, jeder text sucht sich seine protagonisten, aus deren sicht man ihn liest, lesen muss, es nicht zu tun, sich rauszuhalten oder drüberzuschweben als autor is ganz schön schwer...
12.06.2007, 00:29 von PDKund gelingt nie!
(behauptung!)
12.06.2007, 00:16 von LudwigMartinAlso die Sache mit ihrem Herzen ist klar, nur, wenn von seinem Herzen (das zersplitterte) die Rede ist, komm ich nicht ganz mit, welche Rolle das im Gesamten spielt. Naja, ich hab ne Ahnung... vielleich reicht die auch...
Furcht... naja, ich hatte in beiden Teilen den Eindruck, sie fürchtete seine Reaktion (bzw. auch: ihn zu verletzen, sein Herz - da war es wieder).
Im ersten Teil versteh ich das vollkommen.
In diesem Teil nicht so, denn - der Text war sachlich genug, um diese Sache rüberzubringen - nachdem sich beide offensichtlich einig waren, geht es hier jetzt heftigst an die Umsetzung (mir kommt durchaus der Begriff "Planerfüllung" in den Sinn - gerade beim Durchrechnen, wieviel Sex die Wahrscheinlichkeit erhöht, dieses eingefügte Schmankerl...).
Aber es könnte natürlich sein, daß das ne typisch männliche Sichtweise ist. Insofern wäre Dein Text aus seiner Sicht schon interessant - v.a., ob Du wirklich glaubhaft seine Sicht vermitteln kannst. Ich zweifle gerade...
Aber ich sollte einfach abwarten, denn die Antwort auf den letzten Satz wird wohl entlarven, wie's ihm geht und wie begründet das Herzklopfen war.
Das Ding ist, daß ich mir bei allem Reden über ihr Empfinden und den wenigen Worten über ihn ein einleuchtenderes Bild von ihm machen konnte als von ihr.
Naja... ich warte einfach mal ab... ;-)
@LudwigMartin
12.06.2007, 15:38 von chessigeMein lieber Ludwig! :D
Ich müßte die Geschichte sezieren, das mag ich aber noch gar nicht machen, es fehlt ja in der Tat noch der 3. Teil. Nur für Dich, ein wenig, alle andern gucken bitte weg :D
Von einem Plan kann keine Rede sein, eher vom Lust- und Zufallsprinzip. Nach Plan liefe doch eh nur auf fifty-fifty raus, wie sie festgestellt hat.
Vermutlich ist die Geschichte zu verbildert und hat zuviele Metaebenen oder Themen, wie Du es nanntest. Ja, seid streng zu mir, fordert mich! :D
Furcht ist ein Thema, aber nicht Furcht vor ihm oder seinen Reaktionen, sondern eine ganz elementare Angst vor der Zukunft (1. Absatz). In Anbetracht der getroffenen Entscheidung nicht ganz ungewöhnlich.
Gut, daß offenbar keine Zweifel an der Liebe zwischen den beiden besteht, sowenig Zweifel, daß glatt überlesen wird, daß sein Ausruf das erste Mal war, daß dieser Zustand zwischen ihnen in Worte gefaßt wurde. Dieses "In-Worte-fassen" gehört zum Herzthema dazu, sozusagen: Manchmal muß man sich ein Herz nehmen, um etwas aussprechen zu können, es damit zu manifestieren, mit-zuteilen, in die Wirklichkeit zu bringen, dem Ding einen Namen zu geben, etwas (besonderes) von sich preiszugeben, auch sich verletzbar zu machen. Das gilt für sie und ihn.
Noch Fragen? Oder lieber auf den 3. Teil warten? *ggg*
11.06.2007, 22:29 von LudwigMartinDieser Teil ist auch ungleich schwieriger, finde ich.
Er hat so verschiedene Themen. Die Sache mit seinem Herzen würde ich mir insgesamt mehr ausgebaut oder aus der Geschichte verbannt wünschen. (obwohl das Thema im ersten Teil durchaus auftaucht, aber insgesamt unfriedigend)
Und irgendwie scheint ihre Furcht vor ihm ziemlich groß. Warum?
Zudem: haben sie nun ihr Sexleben umgestellt oder nicht? Wenn ja - brauch es dann Worte hinsichtlich des gemeinsamen Ziels? Warum fragt er nicht?
Auf jeden Fall bin ich gespannt, wie's weitergeht.
---
Ohne es besser zu können (v.a. bei dem Thema ;-) einfach mal an der Strenge des pdk anknüpf...
@LudwigMartin
11.06.2007, 23:19 von chessigeNix, das Herz bleibt drinnen. Mir hier die Herzen aus der Geschichte schmeißen wollen, das kommt gar nicht in Frage. :P Was mach ich dann mit dem Titel? Nene. Mal schaun, ob ich dem Herrn eine befriedigende Auflösung schreiben kann.
Furcht vor wem?
:D
Du machst mir Spaß. Was für Fragen! Verdammt, ich sollte noch eine sachlichere Fassung schreiben. Vielleicht aus seiner Perspektive?
Ludwig, ist das wirklich so wichtig, wenn es sogar statistisch egal ist? Lies alldieweil mal Mondjuwel von Kotzwinkle. http://studenten.freepage.de/cgi-bin/feets/freepage_ext/41030x030A/rewrite/araschka/maerchen/mondjuwel.html
Du darfst gespannt sein. Aber nicht heute.
Mit nächtlichem Gruß
*lach*
11.06.2007, 22:05 von PDKach, allein so sein, ich kritisiere ja auf hohem niveau aber ich muss die gute auch fordern, gell?
lass hier nix durchgehen, nene, und trocken, chessige:
alles ab er ging in die küche zum kaffee kochen. (gut, der satz danach, nun ja, aber das lass ich durchgehen, außerdem ist das ein schönes bild und dann sowieso in ordnung...)
hach, jetzt tröstet man mich hier schon!
herrlich!
@ PDK
11.06.2007, 21:41 von alleinsoseinIs halt deine Meinung, warum denn auch nicht. Regt auch mal zu anderen Gedanken an...
Grüße!
Ja, die letzten 2 Sätze! Einfach schön.
11.06.2007, 21:39 von alleinsoseinKannst du mir das mit den Tränen genauer erklären, oder ist das jetzt zu persönlich?
Liebe Grüße und ein kleines Dankeschön für zwischendurch:-)
ja, jo, aber ich sag doch, ich bin zu streng^^
11.06.2007, 18:19 von PDKja, hm, ich habs befürchtet, irgendwie... zu lang und auch zu kitschig ab und an, dennoch, das ende, das is trocken....
11.06.2007, 18:10 von PDKweiß nicht recht.
aber ichbin auch zu streng...
@PDK Jaaaa, kitschig. :D In Honig baden und so. Teil III folgt, sobald ich die Crysanthemen in meinem Kopf gebändigt und eine möglichst blumige Beschreibung für ihre Farbe gefunden habe.
11.06.2007, 21:57 von chessigeDas Ende ist trocken? Erzähl, lieber PDK, ich wills wissen.