FeineKleine 17.03.2012, 09:43 Uhr 15 31

Niemals wieder.

Aus fünf Jahren werden jetzt kurze fünf Minuten.

Ich stehe und warte. Warte auf den Zug. Seit elf Minuten. Und es kommen noch weitere neun Minuten. Die Zigarette liegt bereits am Boden, doch der Qualm steigt noch auf. Das Verlangen nach einer weiteren Zigarette steigt allerdings in mir nicht auf.

Ich stehe und denke an dich. An all das was wir hatten.

Der Zug fährt ein. Endlich kann ich sitzen. Aus neun Minuten werden jetzt sechs Stunden. Sechs Stunden, in denen kein Gedanke von dir weicht. Vorbei an ewigen Wäldern, weiten Wiesen, kleinen Schrebergärten, alten Bahnhofsgeländen und endlos ruhigen Häusern. Meine Augen sind in Tränen gehüllt.

Der Zug kommt an, doch der Bahnhof ist leer. Keine Menschenseele. Früher standest du dort immer mit einem Lächeln im Gesicht und hast mich in den Arm genommen und meine Stirn ganz sanft geküsst. Ich denke daran und ein lauwarmer Schauer durchdringt meinen Körper.

Aus sechs Stunden werden jetzt neun Tage. Neun Tage, in denen ich hoffe, dich nur einmal wiederzusehen.

Ich komme zu Hause an. Das Gefühl von Heimat steigt in mir auf. Es ist ein unglaublich warmes Gefühl, welches einerseits beklemmt, ja, mich fast einklemmt, andererseits mich mit einem Lächeln füllt.

Es ist dunkel draußen. Ich gehe durch die leeren Straßen, vorbei an all den Kreuzungen, den Wegen, die ich mit dir verbinde, weil ich sie nur mit dir gegangen bin. Und wie sehr wünsche ich mir, dass du jetzt an meiner Seite gehst und meine Hand hältst. Doch neben mir ist nur die eisige stille Kälte. Ich rede mit Dir. Kannst du mich hören?

Aus neun Tagen werden jetzt lange fünf Jahre. Solange habe ich dich nicht mehr gesehen. Doch dein Gesicht bleibt. Deine Nähe bleibt. Und mein Herz ist noch immer bei Dir, aber Du bist so weit weg von mir.

Ich atme tief ein und habe das Gefühl dich zu atmen. Aus fünf Jahren werden jetzt kurze fünf Minuten. Fünf Minuten, in denen du mir ganz nah bist.

Ich denke an die letzten Zeilen des Gedichtes von M.L. Kaschnitz:

„Dein Schweigen.

Meine Stimme.

Dein Ruhen.

Mein Gehen.

Dein Allesvorüber.

Mein Immernochda.“

Erinnerst du dich? Hörst du mich jetzt? 

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15 Antworten

Kommentare

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    Wunderschön geschrieben, gefühlvoll!

    22.12.2015, 08:58 von EC_Lino
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    Ein Text der bleibt.

    29.10.2014, 19:41 von wirbelherz
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    Sehr schön auf den Punkt gebracht.

    Hier ist kurz King.

    10.08.2013, 20:01 von seek4happiness
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    Richtig gut!

    15.05.2013, 21:03 von FlowRepower
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    wirklich gut ! bleibt im Kopf !

    15.05.2013, 20:24 von gismoe
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    verdammt gut geschrieben. danke.

    12.02.2013, 21:06 von einweggedanken
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    Gänsehaut pur! Schön geschrieben!

    11.02.2013, 21:46 von nickilicious
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    oh gott. gänsehautende!

    01.02.2013, 21:35 von BlondBlauBloed
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    Sicherlich würde es Frau Kaschnitz freuen, in dieser Geschichte aufzutauchen.

    Gefällt sehr :-)

    20.01.2013, 17:22 von Freulein_Taktlos
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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