AuntAgony 30.11.-0001, 00:00 Uhr 40 30

Niedriger hängende Früchte

Als sich die Gruppe auflöst, hält Bernd mich zurück und legt den Arm um mich. "Tu nicht so," lallt er. "Ich weiß doch, die Frauen stehn auf mich".

Bernd kann einem richtig leid tun. Seit Wochen dackelt er Sandra nach, natürlich vergeblich, weil die rein platonisch interessiert ist (was sie ihm auch von Anfang an gesagt hat, aber eine so liebliche Hoffnung gibt man ungern auf - ein unwiderstehlicher Anreiz für Selbstbetrug, wer könnte es ihm verdenken?) und heute hat sie die Neuerwerbung mit. Die Neuerwerbung kann ihr Glück gar nicht fassen, (und ihre Finger nicht von Sandra lassen), was Bernd zum besinnungslosen Besaufen bewegt.

Die menschfreundliche Vorgehensweise wäre es wohl, Sandra sanft nahezulegen, dem Leiden ein Ende zu bereiten und Bernd endlich vom Haken zu lassen (durch brutales Ignorieren; Klartext reden allein reicht offenbar nicht), aber ich bin ja nicht Mutter Teresa. Sandra wäre wohl kaum begeistert über die Implikation, dass sie den Bernd überhaupt am Haken hat und zu Recht verstimmt über meine Einmischung in ihre Angelegenheiten.

Wenn der Alkohol fließt und der Abend lang genug dauert, schwenkt Bernd auch gerne mal auf niedriger hängende Früchte um.

Die niedriger hängenden Früchte sieht er meistens in mir.

Ein Lokalwechsel steht an. Man steht draußen und versucht, sich zu einer Entscheidung über den weiteren Verlauf des Abends durchzuringen. Als sich die Gruppe auflöst, hält Bernd mich zurück und legt den Arm um mich. "Tu nicht so," lallt er. "Ich weiß doch, die Frauen stehn auf mich".

Faszinierend. Ich frage mich ja schon länger, was in Männern in solchen Momenten vorgeht. Welche Reaktionen sie sich da erhoffen.

Begeisterte Zustimmung? "Oh, natürlich! Jetzt wo du's sagst...Du bist eindeutig Gottes Geschenk an die Frauen! Wie könnte ich dir widerstehen?"

Zerknirschtes Eingeständnis? "Ertappt! Ich kann meine Sehnsucht nicht länger verbergen. Nimm mich, du Hengst!"

Wahrscheinlich denke ich da wieder viel zu verbal. Verschämtes Gekicher, mädchenhaftes Erröten und vielleicht ein gehauchtes "Ach du!", das wär's wohl.

Oder einen Tritt in die Eier, manche Männer sind ja masochistisch veranlagt. Ergibt ungefähr genauso viel Sinn wie alles andere.

Aber ich bin ja ein friedliebender Mensch und lasse mich auch ungern zur Domina umfunktionieren. Also stammle ich "Was? Wie?" und entwinde mich entgeistert.

Beflissenes Zurückrudern seinerseits. Er sei unmöglich, krank, verrückt, er wisse es ja selbst. Eine Fleisch gewordene Allegorie der Reumütigkeit. Ich kann mir schon denken, wie das weiter gehen wird, dramatische Selbstanklage, mit Zähneknirschen und Haare Raufen. Wir haben das so oder ähnlich schon öfter durchgespielt. Das finde ich nun wieder übertrieben. Ich bin gegen das Übertreiben.

Also klopfe ich im beschwichtigend auf die Schulter. "Na na na" soll das heißen "Ist ja kein Malheur. Ich nehm's eh nicht persönlich".

Und das tue ich wirklich nicht. Früher schon, da hätte mich so etwas zu Tode betrübt. "Für wie verzweifelt hält der mich?" hätte ich mich gefragt, und mir die restliche Nacht mein Hirn darüber zermartert, welche meiner verfluchten Eigenheiten mich denn als derart niedrige Frucht erscheinen lässt. Aber das ist natürlich eher falsch gedacht. Die Frage ist nicht "Für wie verzweifelt hält der mich?" sondern "Wie verzweifelt ist der?" und die Antwort lautet "Offensichtlich ziemlich. Nämlich so sehr, dass die kognitiven Fähigkeiten in Mitleidenschaft gezogen sind, und er sich sehr wahrscheinlich original gar nichts gedacht hat dabei." Um mich geht es bei alldem ja wohl überhaupt nicht. Ich bin nur die unbeteiligte Zuschauerin, die zur falschen Zeit am falschen Ort ist, wenn der Druck zu groß wird und das Ventil hochgeht. Ich habe es mir schnell abtrainiert, diese Dinge persönlich zu nehmen.

Vergessen wir das Ganze einfach. Sind wir wieder gut. Bist ja sonst kein schlechter Kerl. Tap. Tap. Tap.

Er krümmt sich, als hätte ich mich tatsächlich für die in die Eier-Tret-Variante entschieden und winselt "Nicht anfassen".

Okay.

Das hätte ich mir vielleicht denken können, dass Schulterklopfen die Situation nicht unbedingt verbessert, aber ich hab sie ja auch nicht hergestellt, diese Situation. Eine unbeholfene Reaktion auf eine unbeholfene Annäherung. So läuft das eben.

"Es ist hauptsächlich ein Kommunikationsproblem", will ich ihm erklären. Aber da sieht er Sandra, mit der muss er ja noch klären, wohin es jetzt weiter geht und ich laufe lieber mal vor, die anderen verschwinden nämlich schon um die Ecke, und irgendwer muss ihnen doch sagen, dass sie noch kurz warten sollen.

Die Nacht bietet keine Gelegenheit mehr für weitere Erklärungen - parat gehabt hätte ich einige. Ich bin um eine Erklärung selten verlegen. Aber Abnehmer finden sich so schwer.

Es gibt so manches, was mich gestört hat an seinem Versuch. Das Überrumpelungsmanöver. Das Lallen. Die Wahllosigkeit. Die aggressive Selbstüberschätzung (oder vermutlich eher die überkompensierte Unsicherheit). Der Vorwurf der Verstellung.

Was mich nicht störte, war der Arm um meine Hüften.

Ganz ehrlich? Ich habe auch meine Bedürfnisse. Und die wurden schon länger nicht befriedigt. Ergo - Ich hab tatsächlich schon mal dran gedacht. Ob denn so viel dabei wäre, sich da gegenseitig etwas auszuhelfen. Rein pragmatisch gesehen. (Ich bin im Grunde meines Herzens erschütternd pragmatisch). Wenn sich einer schon anbietet...

Schlecht sieht er ja nicht aus. Und wenn er nicht betrunken ist, benimmt er sich auch. Aber wenn er nicht betrunken ist, bin ich ja wieder relativ uninteressant. Und betrunken geht leider gar nicht. Ich halt's da mit dem Pförtner in MacBeth, im Hinblick auf den Zusammenhang von Alkohol und Begehrlichkeiten..."Lechery, it provokes and unprovokes. It provokes the desire, but it takes away the performance". (Und, würde ich hinzufügen, it lowers the standards, but it repels the target. Nicht Shakespeare, aber auch wahr). Fern läge es mir, denn Sinn solcher Interaktionen hauptsächlich in der Bestätigung der eigenen Begehrenswürdigkeit zu suchen, aber schön saufen lass ich mich halt auch ungern (mal ganz abgesehen von den erwähnten performance issues).

Voraussetzung wäre also, dass sich die Willigkeit über den Rausch retten ließe, und ich habe bisher noch keinen Anlass zu dieser Vermutung - folglich auch keinen großen Anreiz, da irgendein Entgegenkommen auszuhandeln. (Oder aber, ich bin einfach nur übertrieben wählerisch, verklemmt und verblendet und unter Prince Charming geb ich's halt nicht. Kann natürlich auch sein.)

Das alles hätte ich ihm auch bei Gelegenheit auseinander setzen können. Aber ich bezweifle, dass er mir je so lange zuhören könnte. Worauf ich halt schon irgendwie Wert legen würde. Aber ich bin eben eine hoffnungslose Romantikerin.

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    12.06.2010, 16:22 von stylistberlin
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    so langweilig. warum schafft es so ein text auf die hauptseite?

    13.04.2010, 21:50 von Io_sono_Daphne
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    doch, gefällt mir sehr gut. wirklich.

    11.04.2010, 18:04 von sahnetanz.
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    Echt gut :)

    28.03.2010, 13:16 von Bellisa_89
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    der anfang kommt mir sehr bekannt vor...

    guter text...

    28.03.2010, 12:53 von LeS_CactUES
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    mag sein, dass viele den Inhalt des Textes nachvollziehen können,ich finde ihn recht langweilig geschrieben und die Zitate am Schluss sind mir zu zwanghaft eingebaut

    28.03.2010, 11:37 von DontPanic
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    empfehlen wärmstens quatzat's kommentar:

    Die Aussage des textes lässt sich eng zusammenfassen: 'Mösen sind feuchter als Schwänze steif und so langsam sollten das die Schwanzträger auch mal kapieren.'

    zum text: schon in ordnung.

    27.03.2010, 14:06 von ciao.bella
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    einfach genialer Text :D

    26.03.2010, 11:29 von Senselesstouch
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