Richard_at_Neon 30.11.-0001, 00:00 Uhr 33 71

Nichts bereuen

Ihre Arme hatte sie um ihre angewinkelten Beine geschlungen, die Knie mit Tränen benetzt.

„Hey!“

Sie tippt mir von hinten auf die Schulter und steht dabei ganz dicht hinter mir. Die Musik ist nicht laut genug, um die Vertrautheit des Klangs ihrer Stimme zu verschlucken. Es bleibt nicht viel Zeit, um darüber nachzudenken, was mich erwartet. Und dann ein Gefühl von Erleichterung. Wir beide lächeln und ein Stück Vergangenheit wird wieder real. Gefühlte tausend Begrüßungen fallen mir spontan ein und immer genau dieses eine Lächeln ließ mich wissen, alles ist gut. Ich schüttel leicht mit dem Kopf, vielleicht um die Bilder aus dem Kopf zu kriegen oder ihr einfach nur zu signalisieren, dass ich perplex bin.

„Hey!“ sage ich zurück und bevor ich begreife, was ich tue, schließen sich meine Arme um ihren Körper. Sie ist dünner geworden und riecht anders. Ihr Haar trägt sie nun viel kürzer. Ich spüre ihre kleinen Hände durch den Stoff meines Shirts auf meinem Rücken. Es fühlt sich gut an.

Ich weiß nicht, ob es der Alkohol ist, aber es sprudelt aus ihr heraus. „Das gibt’s ja nicht. Was machst du hier? Besuchst du wen? Unfassbar plötzlich wieder neben dir zu stehen.“ Mit einem Gefühl von Scham antworte ich zögernd. Vielleicht weil ich sie nicht vorgewarnt hatte, als ich vor Monaten den Entschluss gefasst hatte. „Ich bin zurück. Vor einer Woche bin ich wieder hierhin gezogen.“ Und auf einmal scheint es in dieser überfüllten Bar nur noch uns zu geben. Ich kann ihren Blick nicht deuten. Sie nickt und senkt ihren Kopf zu Boden und hört nicht auf zu nicken. Hier hatte vor fünf Jahren alles begonnen, nicht in dieser Bar, aber in dieser Stadt. Unserer Stadt.

Ich sehe sie wieder auf meiner Matratze sitzen. Damals vor zwei Jahren. Ihre Arme hatte sie um ihre angewinkelten Beine geschlungen, die Knie mit Tränen benetzt. Ich durfte sie nicht berühren, zu sehr hatte sie meine Entscheidung, dieser Stadt für immer den Rücken zu kehren, geschockt. Sie sagte damals nichts, aber die Frage, was aus uns werden würde, warum mir das nicht mehr bedeutete, hing so spürbar in der Luft, dass es auch in meinen Augen brannte. Nur fanden die Tränen vor Jahren keinen Weg nach draußen. So sicher war ich mir, dass ich es nicht bereuen würde. Niemals.

Ich lege meine Hand auf ihre rechte Schulter. Sie schüttelt sie ab. Als sie wieder hoch blickt, lächelt sie. Ein Lächeln, das ich nicht kenne. Irgendetwas zwischen Hoffnung und Enttäuschung blitzt aus ihren Augen und brennt wie damals in meinen. Ich frage sie, mit wem sie da sei und ihr Blick deutet schräg links hinter mich. Ich drehe mich um. Ein gutaussehender Typ nickt mir zu. Er hatte uns also beobachtet. Es schmerzt im Herzen – kurz und heftig. „Wir sind nicht zusammen. Ein Freund. Olli.“ In dem Moment dreht er sich zu einer Gruppe um und redet weiter in die Runde hinein, schenkt uns keine Beachtung mehr.

Im Gegensatz zu ihr hatte ich den Vorteil mich die letzten sieben Tage genau auf diese Situation vorbereiten zu können. Im Rewe, im Café von damals oder einfach nur an der Bahnhaltestelle hatte ich mit ihr gerechnet. Noch hatte ich ihr nicht gesagt, dass uns wie damals nur zwei Straßen trennen. Oft hatte ich mich in den letzten Tagen dabei ertappt einen Umweg durch ihre Straße, vorbei an ihrer Wohnung, zu gehen. Zweimal brannte Licht und ich stand schon vor der Haustür, festentschlossen zu klingeln. Einfach Hallo sagen und schauen, wie es ihr geht. Aber als der Finger ihre Klingel berührte, ein Flashback nach dem anderen und schon war ich wieder auf dem richtigen Weg oder einfach nur auf einem anderen. Und am Abend wusste ich: es war der falsche.

Zwei Jahre, in denen ich viel erlebt hatte, Gesichter kamen und gingen, und mit ihnen die gemeinsamen Geschichten. Eine andere Großstadt und dann noch eine. Ein anderes Land und noch eins und dann wieder zurück. Doch egal, wo ich war, ein Song, ein Duft, bestimmte Worte brachten mich immer wieder zurück zu ihr. Unzählige Emails verfasst und nie gesendet, Postkarten geschrieben, frankiert und am Ende zerrissen und in Mülleimer geworfen. Das Eingeständnis, jemanden zu vermissen, den man glaubte, bewusst hinter sich gelassen zu haben.

Aber jetzt hier, mitten in der Bar, in der die Luft nach Sich-Finden-Lassen stinkt, der Alkohol im Blut zirkuliert, zu gestehen, dass ich eine falsche Entscheidung getroffen hatte, kann ich nicht bringen. Um ihretwillen. Sie hat mehr verdient. Ein ruhiges Gespräch, Millionen an Erklärungen, aber vor allem Zeit zu verarbeiten, dass ich wieder da bin.

Ich frage sie, ob sie etwas trinken möchte. Sie lächelt, aber verneint mein Angebot. Sie legt ihre Hand auf meinen Arm, rückt näher an mich heran, damit ich ganz sicher verstehe, was sie sagt: „Weißt du? Züge fahren ab.“ Sie lässt mich stehen, geht zurück zu ihrem Freund, mir den Rücken zugewandt lacht sie in die Runde.

Sie hat nichts zu bereuen.

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33 Antworten

Kommentare

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  • 2

    Sehr überzeugend geschrieben. Der Einblick der mir gegeben wurde ist realistisch, gut beschrieben und läßt mich die Situation spüren.
    Wehmut macht sich breit - aber auch das Gefühl von Stärke - weil "Sie" es überwunden hat. Im Leben weiter gegangen ist, und sich nicht durch sein Auftauchen sofort aus der Bahn werfen läßt.
    Sie ist eine Frau die durch den Schmerz weiter gegangen ist, und so bereit war sich für Neues zu öffnen.
    Manche Chancen ergeben sich eben kein zweites Mal .... und vor allem fallen sie einem nicht in den Schoß. Um manche Chancen muß man eben auch kämpfen.

    03.05.2013, 19:49 von Herz-an-Herz
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  • 1

    Feuchte Augen und flaues Gefühl im Magen.

    Sehr gut rübergebracht..

    27.04.2013, 17:35 von nirgendsueberall
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  • 1

    Bauchkribbeln

    26.04.2013, 15:27 von TeilzeitRockStar
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  • 1

    Gutes Ende. 

    25.04.2013, 16:18 von seek4happiness
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  • 0

    Schöner Text. Wobei der Oneliner des Mädchens am Ende schon bemüht wirkt. Finde sowas immer leicht unsympathisch. So als hätte sie sich schon darauf gefreut das endlich mal sagen zu können. Dabei kann sie gar nicht wissen, ob er Interesse an einem Platz in dem Zug hat...

    24.04.2013, 14:25 von Yangus
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  • 2

    klasse geschrieben...
    aber echt bitter wenn beide nicht zur gleichen zeit, dasselbe wollen...willkommen im leben!!!!

    23.04.2013, 09:19 von FinchenMagLachen
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  • 1

    jahre auf ein wiedersehen warten, jeder spielt die situation in seinem kopf durch, wartet...hofft...und alles ist doch ganz anders...sehr schön geschrieben!

    22.04.2013, 23:15 von lapislazulii
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Traurig... und wunderwunderschön!

    18.04.2013, 11:30 von Tapslein
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  • 4

    ich mag diese beschreibung der ziemlich überheblich klingenden gedankengänge des ich-erzählers ("sie hat mehr verdient" - "zeit zu verarbeiten, dass ich wieder da bin") und die kalte dusche, wenn sie ihn mit 5 worten darüber aufklärt, dass sie nichts verarbeiten muss.


    zu den "hehren" worten von frau cmyk weiter unten: wenn wir den faden der "wirklichen", also großen, tiefen liebe weiterspinnen bzw. konsequent verfolgen, dann hätten die beiden damals schon eine lösung gefunden. wenn schon idealistisch, dann bis auf die knochen :) nee, jetzt mal ernsthaft: die tatsache dass er tausendmal "gewollt hätte" aber nie "getan hat", gibt der dame und der tatsache recht, dass sie die tür irgendwann geschlossen hat.

    18.04.2013, 10:18 von misspringle
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