amuser 12.06.2007, 22:25 Uhr 4 4

Nicht jetzt. Ist doch grad so schön.

Was bleibt übrig, außer Traurigkeit? Oder wenn man einen verletzten Engel trifft, dem man nicht helfen kann.

Wenn es still ist, wenn es ganz still ist in mir, dann erinnere ich mich wieder an sie und ich bekomme sofort ein schlechtes Gewissen. So eine schöne Zeit, soviel Augenzwinkern und bei jedem neuen Blick ein noch viel zauberhafteres Wunder. Ich habe sie nicht vergessen, es fällt mir nur so schwer, jeden Tag an sie zu denken.

Auch im Herbst 2006 schien die Sonne, weiß das noch jemand? Genervt von meinen schlechten, unpassenden Worten legte ich den Stift beiseite und sah nach vorn. Ich sah meine Füße auf dem Stuhl neben mir, das Treiben in der Mensa. Dieser Zeitraffer interessierte sich kein bisschen für meine Schreibblockade. Es war doch eh nur eine dumme Kurzgeschichte. Sandkuchen essen. Völliger Schwachsinn. Irgendein Schimpfwort stahl sich leise aus meinen Lippen, ich zerknüllte das Blatt und warf es weg. Die Welt da draußen brauchte mich mehr als dieser Text.
Das Treiben aus sich vorbeibewegenden Objekten mehrte sich nach verlassen der Mensa. Kein Wunder wenn man am späten Nachmittag die Leopoldstraße in Richtung Siegestor läuft und sich ein wenig nach Stille sehnt. Man kann bestimmen was man wahrnehmen will. Wenn man es kann. Dabei zu denken kann helfen, meist stört es aber.
„Hey“, gefolgt von einer Fahrradbremse, noch nicht quietschend, eher brummend. Der Lärm war vergessen.

Gut. Sie war schön. Mit dieser Feststellung war innerhalb einer Zehntelsekunde die eigentliche Rollenverteilung komplett. Ich hielt meinen Mund um erstmal nichts Falsches zu sagen. Zu einem Gegengrinsen und einer leichten Kopfbewegung aufwärts konnte ich mich dann aber doch noch ermutigen. So schluckt es sich leichter.

„Ich dachte erst, was ist das denn für ein Arsch. Aber die Zeilen sind eigentlich nett, schmeiß das nicht weg.“

Das war’s. Ein Augenzwinkern, das Rad umgedreht und weg. Sie verschwand langsam aus meinem Blickfeld als ich gerade noch diese Worte, gesprochen mit dieser Stimme verarbeiten musste. Den Zettel wieder in der Hand stand ich und starrte.

Ich schrieb die Geschichte tatsächlich fertig. Sie kostete mich eine Menge Kaffee und Geduld, Sitzfleisch in der Mensa. Genau eine Woche später kam sie wieder. Eine Tatsache die ich mit etwas Nachdenken sehr schnell hätte herausfinden können, sogar Freigeister wie Studenten haben einen Stundenplan. Da ging sie nun auf mich zu, das war toll. Seltsam war ihre Begleitung. Helena. Mein Blick fiel auf den Boden und versuchte sich zu verstecken. Sie kannte den Menschen, den das Schicksal mir als letztes weggenommen hatte. Also eigentlich war es eher ihre eigene Entscheidung gewesen sich wieder dem gleichen Geschlecht zuzuwenden. Der Engel auf dem Fahrrad war also auch …, ja ist gut. Okay.

Nicole, das war ihr Name. So ein Zufall aber auch, warf ich ein, sich wieder zu treffen. Christian du Entertainer! Nach einigen belanglosen Minuten, Helena fragte wie es mir ginge, nahm die Geschichte fahrt auf. Eben jene Helena musste nun gehen, etwas Bürokratisches. Nie werde ich das Augenpaar vergessen, dass Nicole anstarrte als die Worte „Ach, ich bleib hier noch ein wenig“ gefallen waren. Helena stampfte fort.

Nun saßen wir zwei uns gegenüber. Nicole nahm ihre Kaffeetasse und blickte unter kippenden und drehenden Bewegungen hinein.
„Was machst du denn da?“
„Ich versuche dich in der Spiegelung zu sehen.“
„Da hilft das Kippen nichts. Bleibt doch immer eben.“
„Klugscheißer.“

In dieser Sekunde begann es wohl. Sie war einfach nur liebenswert, eine Locke im Gesicht, auf die Tasse konzentriert. Ich amüsierte mich sehr. Dabei redeten wir fast gar nicht bis Helena zurückkehrte. Gelegentlich rutschte ihr Pullover am Ärmel etwas herunter und ich wunderte mich wie zart und dünn der Arm gewesen war. Doch dachte ich nicht weiter darüber nach.
Helena beanspruchte die gesamte Bühne des Moments. Vorbei die Romanze, dachte ich mir, verabschiedete mich kurz auf die Toilette und bat die beiden auf meine Sachen aufzupassen. Als ich wiederkam, da standen sie schon zum Abmarsch bereit. Kaum eine Verabschiedung. Sie liefen noch an der Glasfront vorbei, stumm. Bis sich Nicole plötzlich umdrehte und auf den Tisch vor mir zeigte. Augenzwinkern.
Sie hatte mir doch tatsächlich ihre Nummer mit Edding auf die Tasse geschrieben. Mein Gott, wie in einer Werbung.

Ich hatte eine Vorahnung. Eine schlechte.

Zwei Tage später schrieb ich ihr eine Sms. Ich schrieb ihr die Wahrheit, dass ich die ganze Woche in der Mensa verbracht und dort auf sie gewartet hatte. Ihre Antwort war kurz. „Ich weiß “. Mir fehlten die Worte um zu antworten.

Fast eine Woche später war sie es, die mich anrief. Sie wollte am Abend gerne eine DVD ansehen. Natürlich nahm ich an und lächelte. „Grins nicht so dumm, brauchst dir gar nichts darauf einbilden.“. Woher wusste sie das? Ich war baff.

Es war an mir den Film auszusuchen, so kam ich am Abend in ihre Wohnung und wir schauten Schiffsmeldungen. Ich mag Kevin Spacey, er spielt so gut die Rollen, in denen ich mich so oft selbst sehe. Nicole legte ihren Kopf auf meine Schulter.

„Helena hat mir ein paar Sachen erzählt. Ich muss mich in Acht nehmen, mhm?“
„Schmarrn“.
„Das war jetzt kein Kompliment.“

Sie aß nichts von den Chips die ich gekauft hatte. Ich roch an ihren Haaren und sah mir ihre Nase von oben an. „Schau auf den Fernseher.“, sagte sie. Also schaute ich auf den Fernseher, nicht ohne zu lachen und sie lachte mit mir.
Nach dem Film holte ich eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank. Mir stockte der Atem, denn ich weiß zwar wie leer der Kühlschrank eines Studenten sein kann, aber Wasser und Karotten waren doch etwas wenig. „Du bist nie hungrig, oder?“, fragte ich recht direkt.

„Nicht jetzt. Ist doch grad so schön.“, sagte sie und legte sich wieder gegen meine Schulter. Ich fühlte mich, als hätte ich gerade einen Fehler gemacht.

Es dauerte zwei Wochen bis sie sich wieder meldete. Ich stand gerade im Backstage und war nicht wirklich gut drauf. Einer dieser Tage an dem man nicht zufrieden wird. Es war ein Hilferuf.
Ich rief mir ein Taxi und sah nach ihr. Sie saß auf den Stufen des Luisen-Gymnasiums, zusammengekauert, versteckt unter ihrem Pulli und einer Wollmütze. Traurig sah sie aus, aufgefressen von etwas Großem. Ob ich denn wüsste was los sei, fragte sie. Ich nickte und nahm Nicole in den Arm.
„Bin ich noch schön?“
Das war sie. Sogar so und auch nach drei Bier in der Dunkelt vor mir sitzend. Im Morgengrauen standen wir vor ihrer Tür. Ich schob ihre Mütze etwas hoch und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Bevor sie die Mütze wieder vollständig heruntergezogen hatte, lagen ihre Lippen für einen kurzen Augenblick auf meinen. „Danke“, flüsterte sie. Zum Abschied drückte sie mir einen kleinen Zettel in die Hand und sagte die Worte wären nur für mich. Es war ein Gedicht, von ihr geschrieben als auf mich gewartet hatte.

Eine runde Welt,
an deren Eck ich
mich zu kratzen suche,
rollt mir mehr und mehr
davon, bleib da!

Wie schön. Wie wunderschön lesen sich diese Worte aus den Gedanken einer traurigen Seele.

Zwei Tage später lag sie weinend in meinen Armen als ich nach einem weiteren Hilferuf eine halbverdaute Masse aus Möhren und Wasser gekotzt hatte. Ich bemerkte wie hilflos ich war. Ich konnte nur mich selbst schützen, und so sehr ich es wollte, mir fiel nicht ein was machen konnte um auch ihr zu helfen. Warum nur?

Einige Wochen später sollte es ein sehr emotionaler Abschied werden. Sie ging weg aus München. Ich musste es wohl nicht verstehen, warum sie für professionelle Hilfe an einen anderen Ort begeben sollte.

„Warte auf mich, ja?“, sagte sie und strich mir mit ihrer knochigen Hand über die Wange. Selbst mir, der nicht wirklich nahe am Wasser gebaut ist, lief eine Träne.

Ich habe Nicole seit diesem Abschied nur noch ein einziges Mal gesehen. Wir spazierten über das Oktoberfest, Hand in Hand. Im einem der Biergärten aßen wir Hühnchen und sie zeigte mir stolz wie sie etwas runterwürgte. Das war so süß gewesen, sie und ihre Rehaugen.

Seitdem weiß ich nicht wo sie ist. Auch Helena weiß es nicht. Ich kann nur warten, das Telefon ist aus. Ich habe keine Nummer. Doch mein Leben geht weiter. Ich habe so ein schlechtes Gewissen und konnte doch nichts tun. Jeden Tag hoffe dass mein Telefon klingelt und sie sich meldet. Aber immerzu an sie denken, das fällt mir schwer. Und mir läuft gerade eine Träne.

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    Wunderschön geschrieben.

    12.06.2007, 22:47 von Lauser
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