Schnee.Flocke 16.01.2015, 08:07 Uhr 2 3

Never Ending Story

Du sagst, dass du dich an vieles nicht mehr erinnern kannst. Deshalb erzähle ich dir unsere Geschichte.

Für S.

Ein Jahr halten wir es jetzt schon miteinander aus. Du mit mir und ich mit dir. Ein ganzes Jahr. 

Wer hätte das für möglich gehalten? Du nicht. Ich nicht. Und niemand, der uns kennt. Aus Gründen. 

Immer wieder sind wir uns begegnet. Immer wieder haben wir es miteinander versucht. Und immer wieder ist es schief gegangen. 

Trotzdem haben wir einen letzten Versuch gewagt.

Du sagst, dass du dich an vieles nicht mehr erinnern kannst. Deshalb erzähle ich dir unsere Geschichte. 

1994

An unsere erste Begegnung kann ich mich nicht mehr erinnern. Es muss irgendwann in diesem Jahr gewesen sein. Fünfte Klasse, erstes Jahr am Gymnasium. Ich weiß noch, dass ich Klassensprecherin war. Und dass mir einer der Jungs erzählt hat, dass du ein Herz mit „S + S“, in dein Federmäppchen gemalt hast. Beim Weihnachtswichteln hast du mich gezogen und mir ein Freunde-Buch geschenkt. Auch du hast dich darin eingetragen. Das Buch habe ich immer noch.

1997

Ferienlager auf Ameland. Ich nehme an einer Modenschau teil und belegte den letzten Platz. Nur mein Bruder hat für mich abgestimmt. Und du. 

2001

Das erste Mal, dass wir „zusammen“ sind. Nur zwei Wochen, dann mache ich Schluss. Nur ein paar schüchterne Küsse auf den Mund. Wir steigen auf den Mühlenturm. Gehen ins Kino. Pearl Harbor. Du kannst dich noch daran erinnern, dass ich jeden Tag Tour de France geguckt habe. Ich kann mich noch daran erinnern, dass du mir „Angel“ von Shaggy als Single geschenkt hast. Und eine Stoff-Sonnenblume. Die habe ich immer noch. 

2005

Viele Jahre sind vergangen, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Beim Abi 2003 warst du schon nicht mehr dabei, hattest erst die Klasse, dann die Schule verlassen. 

Eines Abends schreibst du mir per ICQ. Es ist September. Ich sitze am Schreibtisch in meiner neuen WG. Wir haben beide Liebeskummer. Wir schreiben uns. Erst nur ab und zu, dann immer immer häufiger. Irgendwann auch per SMS. Ohne uns zu sehen. 

Als ich an Silvester von meinem Vater zu meiner Mutter fahre, entdecke ich ein brennendes Auto. Und rufe die Feuerwehr. Ich stehe da, und bin aufgeregt, und plötzlich stehst du vor mir, in deiner Feuerwehrkluft, und beruhigst mich. 

In diesem Moment ist es um mich geschehen. 

2006

Seit der Silvesternacht sind wir vom Schreiben zum Telefonieren übergegangen. Getroffen haben wir uns aber nicht mehr. Ich fahre zurück in meine Studentenstadt und von dort aus nach Spanien. In der Zwischenzeit beschließen wir, dass wir zusammen sind, mit Hilfe von Telefon, Skype, SMS, Email und Messenger. Alle halten uns für verrückt. 

Im Februar hast du Geburtstag. Ich schicke dir ein Kinderbuch über die Feuerwehr, an das du dich heute nicht mehr erinnern kannst. Deine Mutter schenkt dir einen Flug. Du buchst Barcelona. Du willst mich besuchen. Im Mai. 

Doch dazu soll es nicht mehr kommen. Während ich Spanien in vollen Zügen genieße, rückst du immer weiter in den Hintergrund. Ich bin zu egoistisch. Du durchlebst eine schwierige Zeit, bekommst eine Absage von der Berufsfeuerwehr, musst deine Zukunftspläne neue sortieren. Nach wochenlangem Warten und Telefonieren und Vermissen verliere ich die Geduld. Ein bis heute geheimer Informant steckt mir, dass du versuchst, den Flug los zu werden - ohne es mir zu sagen. Ich mache Schluss. Und haue in Spanien richtig auf den Putz. Viele Partys, zwei Affären. 

Zwei Monate später schreibst du mir trotzdem eine SMS zum Geburtstag. Das hätte ich wahrscheinlich nicht getan.

Als ich im Juli wieder in Deutschland bin, treffen wir uns. Zum ersten Mal seit Silvester. Wir sind schüchtern, wir schämen uns, wir halten uns an der Hand. "Es hat nicht geklappt, weil immer ein Draht dazwischen war", sagst du. Beim dritten Treffen küssen wir uns. Beim vierten Treffen landen wir im Bett. 

Doch dann gehe ich wieder zurück in meine Studentenstadt und alles verläuft im Sande.

2007

Diesmal ist alles anders. Weil ich nicht ich bin und es noch nicht weiß. Du weißt es auch nicht, und lässt dich wieder mit mir ein. Ich bin auf Weihnachtsurlaub zu Hause. Du willst nur eine Affäre; ich schreibe dir Liebesgedichte, an die du dich ein paar Jahre später nicht mehr erinnern willst. 

2008

Anfang des Jahres lande ich in der Psychiatrie. Ich bin manisch-depressiv. Schon eine ganze Weile. Keiner hat es gewusst, viele haben es geahnt, jetzt habe ich es schwarz auf weiß. Die ersten Tage bin ich eingesperrt. Ich entdecke das Malen für mich. Ich schreibe unzählige Gedichte an dich. Ich bilde mir ein, dass wir ein Paar sind. Doch du meldest dich nicht. Mein Bruder sorgt dafür, dass du mich anrufst und mir nochmal deutlich sagst, dass du nichts von mir willst. Dass es nur eine Affäre war. Ich bin am Boden zerstört, aber nur einen Moment. Ich mache Fortschritte, rapple mich wieder auf. 

Ende Februar verlasse ich die Klinik. Ende März werde ich wieder eingeliefert. Zuvor verbringe ich ein paar Nächte auf der Intensivstation, zwei davon im künstlichen Koma. Weil ich versucht habe, mir mit Tabletten das Leben zu nehmen. Als meine Mutter mich morgens leblos im Bett findet, wählt sie die 112 - und ein paar Minuten später stehst du vor der Tür und begleitest mich. Vom Bett zum Rettungswagen, von dort zur ersten und dann zur zweiten Intensivstation. Du bist nicht der Grund für den Selbstmordversuch. Es ist die tiefe Depression, die auf die Manie folgt und meine Seele zu Stein erstarren lässt.

Meine Mutter erzählt mir erst ein paar Tage später, dass du dabei warst, als ich abgeholt wurde. Inzwischen bist du Rettungsassistent geworden. Ich schäme mich und denke, dass ich dich nie wiedersehen werde. Doch ich irre mich. 

Bei unserem nächsten Treffen sagst du mir, dass ich ganz tief geschlafen habe, als du mich das letzte Mal gesehen hast. In diesem Sommer gehen wir zusammen Inline skaten. Ich kann mich noch daran erinnern, wie du FC-Ultra-Aufkleber auf Straßenschilder klatschst. 

2009

Wir schreiben uns ab und zu, sehen uns hin und wieder. Wir fahren zusammen zu einem Fußballspiel. Danach schreibe ich dir, dass ich dich erstmal nicht mehr sehen möchte, weil du so viel mehr als ein Freund für mich bist. Du bist überrascht, sagst nicht viel. Der Kontakt bricht vorerst wieder ab.

2012

Drei Jahre sind vergangen. Drei Jahre, in denen wir uns nur selten gesehen haben. Drei Jahre, in denen ich mich ins Leben zurück gekämpft habe. Studienabbruch, Ausbildung, neue Arbeitsstelle, eigene Wohnung. Endlich bin ich wieder wer. 

Nachdem wir uns einmal zufällig in der Stadt über den Weg gelaufen sind, treffen wir uns hin und wieder.

Du besuchst mich in meiner neuen Bude. Du trinkst Radler, ich trinke Wein. Wir sprechen von alten Zeiten. Du sagst mir, dass du damals nur aus einem Grund nicht nach Spanien fliegen wolltest: Weil du Flugangst hattest. Das höre ich zum ersten Mal. Vielleicht wollte ich es damals auch einfach nicht hören. Und habe es ignoriert. Das Gespräch wirft mich völlig aus der Bahn. 

Wir schreiben und treffen uns, schreiben und treffen uns, und dann sind wir wieder zusammen. Ich schwebe im siebten Himmel - und stürze tief. Nach zwei Wochen sagst du mir schweren Herzens, dass du da „irgendwie reingeschlittert bist“, dass du nicht glücklich bist. Es ist wieder vorbei. Mein Herz zerbricht in tausend Stücke. Noch heute wird mir flau, wenn ich an damals denke. Ich habe deine Nummer gelöscht. Dich bei Facebook geblockt. Ich wollte dich nie mehr wiedersehen. 

2013

Ein Jahr später treffe ich dich wieder. Beim Klassentreffen. Erneut ist mein Herz gebrochen, weil mir einen Monat zuvor der Soldat den Laufpass gegeben hat. Er musste nach Afghanistan und wollte nicht, dass ich auf ihn warte. Ich erzähle dir davon. Wir wirken so vertraut, dass uns jemand fragt, ob wir zusammen sind „Wir haben es mehrmals erfolglos versucht und aufgegeben“, sage ich. Du würdest dich am liebsten unterm Tisch verstecken. 

Dem Abend voller Sticheleien folgen zahllose Spaziergänge. Den ganzen Sommer lang laufen wir die Rheinpromenade rauf und runter, reden über Gott und die Welt und meine Auswanderungspläne. All das ist nur möglich, weil ich es endlich geschafft habe, dich nur noch als Freund zusehen. Ohne Hoffnungen. Ohne Hintergedanken. 

Im Herbst ziehst du in deine eigene Wohnung. Wir fahren zu IKEA. Wir kochen gemeinsam. Wir schauen Serien. Ganz dicke Freunde.

An Weihnachten wird mein Soldaten-Liebeskummer ganz schlimm. Ich suche bei dir Zuflucht und hinterlasse dir eine Weihnachtskarte, auf der ich abgebildet bin. Im Kambodscha-Urlaub, mit Baby auf dem Arm und Weihnachtsmann an der Seite. Ich schreibe auf die Karte, dass ich froh bin, dass es zwischen uns so ist wie es ist. Später sagst du mir, dass es bei dir in dem Moment, als du die Karte gelesen hast, Klick gemacht hat. 

2014

Die Serienabende werden immer häufiger. Auf der Couch rücken wir immer enger zusammen und fangen an, unter der Decke Händchen zu halten. Das hat mit Freundschaft nicht mehr viel zu tun. Ich mache dir eine Szene. Frage, was wir da machen. Ich weine. Glaube, noch immer an dem Soldaten zu hängen. Sage, dass es doch sowieso nicht gut gehen würde mit uns. 

Aber du bleibst dran. Bemühst dich um mich. Hast immer Zeit, wenn ich mich melde. Gehst mit mir spazieren, obwohl es kalt und windig ist. Und eines abends, es ist der 16. Januar, küsst du mich. Ich kann mich nicht mehr wehren. Will mich nicht mehr wehren. Nach ein paar Tagen des Zögerns bin ich mir sicher, dass wir das richtige Tun: wir sind ein Paar. Allen Zweiflern zum Trotz. Denn diesmal ist alles anders. 

Doch dann kommt mein Absturz. Ich kann nicht mehr schlafen. Nur noch mit Hilfe von Tabletten. Ich esse kaum noch. Das Mobbing an meinem Arbeitsplatz spitzt sich so weit zu, dass ich mich krank melde. Es ist wieder so weit: Manie. Doch dieses Mal weiß ich es selbst. Ich gehe zum Arzt, suche mir Hilfe. Und du stehst mir bei. Obwohl ich nach zwei Wochen praktisch bei dir einziehe, weil ich nicht mehr wirklich weiß, was ich tue. 

Du hältst meine Hand, als ich beim Gedanken an die Arbeit weinen muss. Du bringst mich zu meiner Mutter, als ich zusammenklappe und nur noch „Mama“ und „Hunger“ sagen kann. Du akzeptierst es, dass ich zur Psychologin und zum Psychiater und zur Schlaftherapie gehe. Du arrangierst dich damit, dass ich sieben Monate lang krank geschrieben bin. 

Als es mir wieder besser geht, sprichst du nicht mehr von den schlechten Tagen. Obwohl es auch für dich alles andere als einfach war. Das rechne ich dir hoch an. 

Gleich zu Beginn beweist du mir, dass ich auf dich zählen kann. Die meisten Paare erleben anfangs nur gute Zeiten. Wir mussten dazu erst die ganz miesen überstehen. 

Wir verbringen den Sommer mit unzähligen Tagen am See und einer wunderschönen Woche am Meer. Im Spätsommer finde ich einen neuen Job, im September landen wir endlich wieder im Alltag. 

Anfang Dezember schlage ich dir vor, eine gemeinsame Wohnung zu suchen. Du willst darüber nachdenken. Ein paar Wochen lang hauen wir uns Anspielungen um die Ohren, sprechen aber zunächst nicht mehr darüber. 

2015

Anfang Januar fragst du mich, wie viel Platz man braucht, wenn man zu zweit wohnt. Deine Art, ja zusagen. Jetzt sind wir auf Wohnungssuche. Und wer weiß, was sonst noch alles kommt. 

Als ich vor einem Jahr einer Freundin erzähle, dass wir wieder zusammen sind, sagt sie: „Das mit euch ist echt eine never ending story.“

Ich hoffe, dass sie Recht hat.


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2 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    das ist mir alles sehr vertraut. es scheint also anderen auch so zu ergehen.

    16.01.2015, 17:40 von noremedy.formemory
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