Nenn mich Carmen, wenn du magst
Unser erstes Online-Date. Wir saßen in unserem virtuellen Wohnzimmer und unterhielten uns über Politik, Melancholie und textliche Abartigkeiten.
Unser erstes Online-Date. Carmen und ich saßen bereits seit einer Stunde in unserem virtuellen Wohnzimmer und unterhielten uns über Politik, Melancholie und textliche Abartigkeiten. Die gegenseitige Kenntnis intimer Details der Seele des anderen hatte wie befürchtet nur den Einstieg erleichtert, danach forcierte sie rasch den Drang nach Oberflächlichkeit. Der Wein war gut, der bisherige Verlauf des Abends weniger. Eine solitäre Träne benetzte kurzzeitig Carmens linkes Augenlid, bevor sie verglühte. Im rechten Auge spiegelte sich Hass. Wut auf meine Unfähigkeit, vorgetäuschte Gefühle zu verbergen. Carmen hauchte: Licht. Irgendwo auf der Welt entzündete sich wundersam eine Kerze.
Ich blickte an ihren makellosen Beinen herab, die stilsicher übereinander geschlagen waren. Einer der beiden nadelspitzen Zehnzentimeterabsätze wies drohend wie ein Bajonett in meine Richtung. Ich verstand, stand auf, um eine neue Flasche Wein zu holen. 1986er Chateau Mouton Rothschild. Ein sehr guter Jahrgang, mit wenigen Ausnahmen. Ich schüttete nach, Carmen lächelte mich hintergründig an. Von Rotwein bekam sie immer so schnell perverse Gedanken, und die musste sie doch ihr ganzes Leben lang verdrängen. Carmen.
Ich stellte die Flasche zurück auf das Sideboard und setzte mich wieder.
Der Wahnsinn zwinkerte mir aus ihren Pupillen zu. In magischen Momenten die falschen Dinge tun. Es war ein Sport, gleichsam ein Rennen gegen sich selbst, das nur gewonnen werden konnte, indem man eigenblutgedopt vor sich selbst davonläuft. Carmen hatte im Moment einen gewaltigen Vorsprung, ich dagegen hing zurück. Sie nahm auch einen Schluck Rotwein, irgendeine Discountermarke, sodass die perversen Gedanken billiger wurden. Mein Glas war lange leer.
"Weißt du noch, unsere Wette."
"Wie könnte ich das je vergessen."
"Es ging darum, wer den anderen mehr verletzen kann, ohne bleibende Schäden zu verursachen."
"Du gingst zu weit."
"Nicht meine Schuld, wenn du ein Weichei bist."
Das saß. Carmen hatte ihre Beine mittlerweile nebeneinander gestellt und leicht auseinander geschoben, der Saum ihres kurzen Kleides war gefährlich weit hoch gerutscht. Sie bemerkte meinen Blick und zog ihn noch ein wenig weiter rauf. Ich entdeckte eine hässliche Narbe auf ihrem linken Oberschenkel. Mein fragender Blick veränderte ihre Stimmung. Gerade noch lüsternen Tagträumereien nachhängend, brach sie unvermittelt in Tränen aus und erzählte mir ihre Geschichte. Wie so da saß, als kleines Mädchen, arglos, der Welt zugewandt und mit großen Augen. Eine Sekunde der Unachtsamkeit zu viel, jahrelang im Keller verborgen, und so lief sie seitdem befreit von Verantwortung für sich selbst in die Irre. Niemals mehr wieder würde sie dieses Mädchen sein, ein ständiger Schatten auf der Flucht. Aus der Flucht wurde besagtes Rennen. Ihr Leben. Ich nickte verständnisvoll, obwohl ich gar nichts verstehen wollte, im Grunde die ganze Zeit nur auf den attraktiven rechten, narbenfreien Schenkel starrte. Ich fasste neuen Mut, stand auf, und legte meine Hand auf ihre Schulter. Carmens Schluchzen prolongierte sich in einem zarten Wimmern, ihre Hände vergruben ihr Gesicht. Ich trat hinter sie, wie schön ihre langen brünetten Haare waren. Obwohl sie in ihrer gesamten widernatürlichen Künstlichkeit nur ein weiterer Makel sein konnten. Ich riss ihr daher die Perücke runter, wobei auch ein Teil der Kopfhaut dran glauben musste. Carmen lachte hysterisch, holte ein blondes Haarteil aus ihrer Handtasche, sodass sie bald wieder komplett aussah. Aber anders. Die Haarfarbe einer Frau bestimmt ihr Wesen, nicht umkehrt. Erfahrene Friseure wissen das und verursachen so manche Trennung.
"Es war noch nie ein Verbrechen, eine Schlampe zu sein."
"Die Männer lieben dich, und die Frauen bewundern dich so stark, dass sie das nur als Verachtung ausdrücken können."
Ich warf das braune Haarteil in die Ecke und ging in die Knie. Das Kleid war am Rücken tief ausgeschnitten, ich zählte die Abdrücke ihrer Wirbel und kam zu dem Schluss, dass Carmen kein menschliches Wesen sein konnte. Ich berührte sie erneut, küsste ihre Schulterblätter, mit denen sie hätte fliegen können, wäre sie ein Engel gewesen. Ein zarter Rinnsaal Blut floss unter dem blonden Dutt herab. Ich strich mit dem Finger darüber und kostete von ihrem Lebenssaft. Barbecue Ketchup. Auch hier nichts Lebendiges. Ich stand auf, kehrte nachdenklich zurück auf meinen Platz. Carmen hatte sich mittlerweile beruhigt und etwas Kajal aufgetragen. Der Blond-und-verheult-Look hatte in jenem Jahr den Heroin-Chic in den Anzeigenkampagnen von Prada abgelöst. Die passende Droge dazu waren nachgestellte Liebesszenen im Internet.
Carmen hatte sich als Erste auf meine Anzeige in einem Dating-Portal gemeldet. Sie überzeugte mich mit der Feststellung, dass ich etwas suche. Tun wir das nicht alle, ein Leben lang? Wir schworen uns einen heiligen Pakt. Ich würde nie fragen, wie sie wirklich heißt, und sie würde mich dafür nur leicht kratzen. Es wurde schnell blutig, und wir beschlossen, dass wir uns von der Echtheit des anderen überzeugen mussten. So entstand die Idee für dieses Treffen. Carmen schaute mich verführerisch an. Mit Wortblicken die geheimen Begehrlichkeiten der Seele wecken, das war ihr zweites großes Talent, neben der Fähigkeit zur Kreation immer fantastischerer Nicknames, die verschwenderische Botschaften voller Liebe, Güte, ja sogar Geborgenheit in die Welt setzten. Wir redeten in den Wochen vor dem Treffen fast nur über Sex, darüber, wie wir ihn beim ersten Treffen vermeiden konnten. Sie äußerte sehr naive Vorstellungen, was einen Mann wie mich dazu bewegen könnte, mit ihr händchenhaltend Pornofilme anzuschauen. Dafür liebte ich sie. Immer wenn sie was getrunken hatte, vor allem eben Rotwein, entwickelte sich jedoch so etwas wie Leben in ihr. Es war klar, dass sie fähig war, die Wünsche aller sie umgebenden Menschen zu erfüllen, selbst jedoch wunschlos unglücklich war. Ihr Verlangen war daher stärker als bei anderen Menschen. Kaum auszuhalten. Es hätte sie in nüchternem Zustand zerissen.
Wir einigten uns schließlich doch noch, es zu tun. Es war eine rein kopfmäßige Entscheidung, um den Gedanken, es nicht tun zu dürfen, für immer aus den Köpfen zu verbannen. Carmen trank den Discounter-Rotwein aus und malte uns billige Fantasien voller leidenschaftlicher Körperlichkeit aus, in denen wir verschlungen und verschlingend zu einer vielköpfigen Chimäre reiften. Wir waren eins und uns in diesem Moment. Es wurde dunkel von draußen, als die Kerze ausging. Wir zogen uns aus und gingen die Hand des anderen fest haltend ins Schlafzimmer. Kurz bevor ich Carmen endlich nehmen durfte, zog jemand den Stecker. Nach dem Wiedereinloggen war ihr Profil gelöscht.

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Kommentare
ich liebe deine Texte. naja whatever ich weiß nicht genau warum, aber ich mag deinen typ mann
24.10.2010, 00:55 von tatlin@tatlin Zitat: Die Haarfarbe einer Frau bestimmt ihr Wesen, nicht umkehrt. Erfahrene Friseure wissen das und verursachen so manche Trennung.
24.03.2011, 09:52 von HollyGolightly666wie wahr - hiermit grüße ich t. -
Finde die Geschichte sehr gut geschrieben. Der Stil wirkt sehr nüchtern, es werden kaum Gefühle beschrieben, und wenn, dann folgen sie auf teilweise bizarre Vorstellungen.
12.10.2010, 23:30 von flaschensahneBesonders finde ich, dass die Geschichte sich mit einem Online-Date beschäftigt, was ihre nüchterne Art verstärkt.
Check ich nicht, finds trotzdem geil.
12.10.2010, 23:27 von SnaxsSo platt, so einfach. Daumen hoch!
@Snaxs Platt??? O_o das waren eigentlich nur ihre Tit*ten. Pixel für Pixel.
12.10.2010, 23:41 von EliasRafael@EliasRafael Wird immer besser hier :D
12.10.2010, 23:48 von Snaxs@Snaxs Ich schieß mich gleich selbst weg ^^
12.10.2010, 23:50 von EliasRafael"Es ging darum, wer den anderen mehr verletzen kann, ohne bleibende Schäden zu verursachen."
12.10.2010, 21:44 von libidohätte man mehr draus machen können, oder?
dein text liest sich wie einer dieser mädchen-enttäuscht-verarbeitungstexte. nur aus toyboy-sicht. und die, auf die es zielt, soll und wird es hier auch lesen.
ich mag sowas nicht. das ist, mit verlaub, billig. weil es neugierden (hm: welche userin war es und welche fratze versteckt sich hinter elias?) weckt, die nicht befriedigt werden sollen. aus pietät. oder so.
solche texte gehören in ein tagebuch oder an eine klowand. oder von der hässlichen hegemann kopiert.
@libido Endlich mal einer der es ausspricht, alles nur virtueller Gossip hier.
12.10.2010, 21:51 von EliasRafaelMan sollte sich lieber im echten Leben, z.B. abends in der Disse kennenlernen. Das wär mal special, oder so.
i forgot to say
12.10.2010, 21:16 von bknsehr gut :)
i like :)
und das ende überraschend :)
@bkn das Ende... ist bei solchen Geschichten doch immer das gleiche :-)
12.10.2010, 21:33 von EliasRafael@EliasRafael und gerade deswegen ist es gut :-))
13.10.2010, 00:36 von Traumversinkentolles ende :-)
12.10.2010, 17:56 von Traumversinken@Traumversinken das ist ja so gar nicht meine welt... aber wenigstens nicht hingeschludert:-)
12.10.2010, 18:25 von lavish@lavish Durchaus nicht geschludert. Hinter Carmens Avatar steckten viele viele Wochen an virtuellem Design-Aufwand. Aber manche Details weckten halt Misstrauen.
12.10.2010, 19:34 von EliasRafaelDie Haarfarbe einer Frau bestimmt ihr Wesen, nicht umkehrt. Erfahrene Friseure wissen das und verursachen so manche Trennung.
12.10.2010, 17:29 von fernandopandodas hat mich sehr zum schmunzeln gebracht.
toller schreibstil! auch wenn für mich unklar bleibt, worum es genau geht.
@fernandopando Och, es geht immer um Liebe oder Ficken. That's life. Auch virtuell.
12.10.2010, 19:31 von EliasRafael"Sie nahm auch einen Schluck Rotwein, irgendeine Discountermarke, sodass die perversen Gedanken billiger wurden." Für mich der beste Satz.
12.10.2010, 17:14 von Jackie_GreyAnsonsten schießt der Text komplett an mir vorbei.
@Jackie_Grey Bang Bang, I shot you down
12.10.2010, 19:30 von EliasRafael@EliasRafael der song lief bei mir als ich das gelesen habe :)
12.10.2010, 21:09 von bknund bette davis eyes ...
@bkn JA, der Song ist der Hammer, auch wenn er einen umhaut.
12.10.2010, 21:31 von EliasRafael@EliasRafael welcher jetzt? :D
18.10.2010, 12:11 von bkn@bkn beide... aber Bang Bang ist authentischer.
18.10.2010, 12:21 von EliasRafael@EliasRafael da haste recht
19.10.2010, 10:25 von bknps. hör dir mal bang bang von cher live 2003 an
das ist auch richtig geil :)
@Methoni_inredO Todtraurig? Ist doch nur ne Löschung.
12.10.2010, 19:30 von EliasRafaelDanke, klasse!
12.10.2010, 16:13 von Sternstaubfee