MelisSaSouRis 15.11.2013, 19:18 Uhr 0 5

Nein zum Jawort

Als sie sich neben ihn ins Bett legte und wusste, dass sie ihn nicht heiraten würde, da war sie bereit, die Suche nach sich selbst wieder aufzunehmen.

Als sie sich an diesem Abend neben ihn ins Bett legte wusste sie, dass sie ihn nicht heiraten würde. Nie und nimmer, nein. Doch warum gerade an diesem Abend? Warum nicht schon viel früher, vor einem Jahr, vor anderthalb Jahren? Das hätte ihnen eine Menge Ärger und Geld erspart.

Damals, vor vier Jahren, erblickte sie ihn, am 6. Januar - an seinem Geburtstag - in der Unibibliothek. Da wusste sie noch nicht, dass es sein Geburtstag war. Sie wusste überhaupt nichts von ihm, weder seinen Namen noch was er studierte. Doch sie sah ihn und ihr war klar: Diesen Mann würde sie eines Tages heiraten. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf Amor sie mitten ins Herz. Ihre ersten an ihn gewandten Worte waren: "Weisst du, was 'bandito' heisst?" Er hielt sie damals für etwas dumm, wie er ihr später dann einmal erklärte: „Bandit“, war seine kurze Antwort. Er konnte ja nicht wissen, dass sie einen Vortrag über einen altitalienischen Text halten musste und ihr das Wort 'bandire' nicht bekannt war. Bandire: ächten, bandito, der Geächtete. Geächtet wurde sie nicht gerade von ihm, doch auch nicht wirklich wahrgenommen. Sie musste ihm irgendwie klar machen, dass sie nicht dumm war und ihn davon überzeugen, dass sie beide einmal heiraten würden.

Einem Mann den Kopf zu verdrehen fiel ihr leichter als das Übersetzen von altitalienischen Texten. Sie begann ihre Recherchen über ihn, wusste bald, wer er war, wo er wohnte und kannte seinen Tagesrhythmus. So ging es nicht lange, und die beiden gingen zusammen aus. Darauf folgte ein zweites Treffen, ein drittes, er erklärte ihr, dass er gerade nicht an einer Beziehung interessiert wäre. Kein Grund zur Entmutigung, sie wusste, wenn sie ihn erst an der Angel hätte, dann würde er bleiben. Und er blieb. Keine 2 Monate später, am Autosalon in Genf, vor einem Maserati Spyder gestand er ihr seine Liebe. Von da an waren sie ein Paar, unzertrennlich, extrem eifersüchtig. Sie nahmen sich fast die Luft zum Atmen, einzig das Zusammensein zählte noch. Die Kollegen kamen zu kurz, vor allem bei ihr, er wollte nicht, dass sie sich mit anderen Männern traf. Und Kolleginnen hatte sie damals nicht viele. Er wusste genau, wie seine Traumfrau zu sein hatte. Sie liess sich blonde Strähnchen in die Haare machen, der kurze Wuschelkopf wurde zu einem langen Pferdeschwanz, sie kleidete sich sorgfältiger, tauschte Sneakers gegen Highheels, Jeans gegen Minirock, Rucksack gegen Handtasche und Ledermappe. Sie begann sich für Autos zu interessieren, insbesondere für die teuren aus dem nördlichen Nachbarland sowie für italienische Luxusmarken. Sie träumten von einem Kind, einem Haus am Thunersee, einem zweiten Kind, einem Hund, einem Motorboot, in der Reihenfolge. Er würde ein erfolgreicher Berater bei einer international tätigen Firma sein, sie als Lehrerin arbeiten, Teilzeit, schliesslich würde sie sich um die Kinder kümmern. Einen BMW X5 soll sie fahren, der Sicherheit wegen, damit ihr und den Kindern nichts passiert. Vor lauten Träumen, vor lauter Planen der Zukunft, vergassen die beiden den Alltag, lebten nicht mehr in der Gegenwart. Nur manchmal fiel etwas vor, das die beiden nicht vorhersehen und beeinflussen konnten.  Mit Ungeplantem konnten sie schlecht umgehen, aber es schweisste sie gleichzeitig noch mehr zusammen. Er fand keinen Job nach dem Studium, sie machte ihm Mut, bis er ein paar Wochen später eine gute Stelle fand. Ihre Eltern trennten sich, er tröstete sie, bis sie die seit langem vorhersehbare Situation akzeptieren konnte. Die Probleme machten sie für einander unentbehrlich. Sie vermisste zwar ihre Kollegen, die Mittagessen mit den Jungs, die sie seit der Schulzeit kannte, die Drinks nach Feierabend. Doch sie hatte IHN, und er konnte andere Männer in ihrem Leben nicht tolerieren. Den netten Nachbarn vom Haus nebenan durfte sie auch nicht besuchen, er war in seinen Augen ein Casanova und sowieso nur an ihr als Sexobjekt interessiert. Dass sie auch noch mehr als einen schönen Körper zu bieten hatte, liess er als Argument nicht gelten, denn Freundschaft zwischen Männern und Frauen gab es in seinen Augen nicht, es kam immer die Lust dazwischen. Sie brachte viel Verständnis auf für ihn, für seine Eifersucht. Sie brach den Kontakt zu allen anderen Männern ab, war kurz angebunden, wenn einer sie ansprach, sie flirtete nicht mehr, kurz: sie war nicht mehr sie selbst. Aber sie war die Frau, die er liebte, die er begehrte, am liebsten jeden Tag. Ihren Pflichten kam sie regelmässig nach, mehrmals pro Woche, manchmal auch mehrmals pro Tag, wenn er es wünschte. Dass es sich in der Tat um eine lästige Pflicht handelte, gab sie ihm nie zu spüren. Seine lieblose Art sie im Bett zu behandeln nahm sie hin, litt im Stillen und verbannte somit jegliche Lust aus ihrem Leben, als Preis für die Sicherheit, die er ihr gab. Sie wurde zu der Frau, die er sich an seiner Seite wünschte und immer gewünscht hatte. Sie war SEINE Frau, seine Marionette, er hatte die Fäden in der Hand, führte Regie und sie spielte ihre Rolle perfekt. Inzwischen waren die Haare lang und blond, sie war gertenschlank, hübsch geschminkt, trug kurze Röcke und hohe Schuhe. Die Hochzeit war geplant, alles organisiert, die Einladungen lagen bereit zum Versand.

Das alles ging ihr an diesem Abend durch den Kopf. Und noch vieles mehr. Sie liebte ihn nicht. Sie mochte ihn zwar, er gab ihr Sicherheit, doch wer war sie? Was wollte sie? Sie war komplett verloren, in eine Sackgasse geraten. Wohin sollte ihr Leben führen? IHR Leben, nicht seins.

Seit ein paar Wochen fühlte sie sich wieder lebendig, jedes Mal, wenn sie die Wohnung verliess und zur Arbeit ging. Eine Woge des Glücks breitete sich in ihrem Inneren aus, wenn sie an den Mann dachte, dessen Gegenwart ihr Schmetterlinge im Bauch verursachte. Sie wehrte sich gegen dieses Gefühl, denn es war nicht richtig. Doch es war da. Sie war verliebt, sie verspürte Lust, Lebensfreude und lebte wieder im Moment.

Und an diesem Abend, als sie sich neben ihn ins Bett legte und wusste, dass sie ihn nicht heiraten würde, da war sie bereit, die Suche nach sich selbst wieder aufzunehmen. Sie tauschte Sicherheit gegen Freiheit, ein geordnetes Leben gegen eine ungewisse Zukunft. Warum? Weil der Schmetterling sie geküsst hatte, ein Kuss, vielleicht bedeutungslos in dem Moment, und dennoch wegweisend für sie, dass es richtig war, sich von den Fesseln zu befreien. Unglücklich sein konnte sie auch alleine.

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