madame_mango 22.01.2008, 17:25 Uhr 5 2

Nebenan beginnt der Tag etwas früher

Eine Liebeserklärung. Auf eine etwas andere Art und Weise.

Ich lebe in einem von diesen Neubaugebieten, die vorher als Kuhkoppel dienten. Der fruchtbare Boden sollte gärtnerische Erlebnisse garantieren und ruck-zuck kauften meine Eltern das Grundstück in ruhiger Lage. Unser Haus stand als erstes. Noch bevor es eine richtige Straße gab.
Als Kind spielte ich mit meiner Schwester in den riesigen Bergen aus Erde, die entstanden, als die Häuser um uns herum gebaut wurden. Das Grundstück direkt neben uns blieb lange leer und erst als alle anderen Nachbarn bereits eingezogen waren, wurde dort das Fundament aus Beton gegossen. Ich erfuhr, dass sie Kinder hätten. Ein Mädchen und ein Junge. Beide schon älter.
Ich weiß nicht, wann ich dich das erste Mal sah. Vielleicht auf eurem Richtfest?
Ich sah dich nicht oft, ein paar Mal morgens auf den Weg zum Schulbus.
Du warst 14, ich 10. 4 Jahre das war ein himmelweiter Unterschied. Damals. Du lebtest in einer völlig anderen Welt. Ich hätte mich niemals getraut dich anzusprechen. Außerdem war ich 10, in dem Alter zählen noch andere Dinge.

Ich weiß nicht was sich geändert hat.
Du bist irgendwann ausgezogen und als du dann wiederkamst, vor 2 Jahren, wurde mir auf einmal bewusst, dass ich neben einem ziemlich attraktiven jungen Mann wohne.
Allerdings bekam ich dich komischerweise nur selten zu Gesicht. Ich sah dich mit deinem Skateboard vor unserem Haus, und einmal im Sommer wie du niedlicherweise mit deinem BMX-Fahrrad immer um wieder euer Häuschen fuhrst.
Meine Eltern hatten sich mit Jahren relativ gut mit unseren Nachbarn angefreundet und wurden auch gelegentlich zu Geburtstagen und Ähnlichem eingeladen. Ich wunderte mich, dass ich sie nie begleitet hatte und ärgerte mich.
Ich weiß nicht, wann ich damit anfing, aber auf einmal gehörte es dazu, wie das Licht auszumachen, wenn man einen Raum verlässt: immer, wirklich jedes Mal , wenn ich die Treppe rauf gehe, schaue ich durch das längliche Fenster am Ende um herauszufinden, ob in deinem Zimmer Licht brennt.
Es gehört zum Rhythmus. Eine Stufe, die nächste Stufe, oh, er ist wohl grade unterwegs und dann nach rechts in mein Zimmer.
Ich stalke dich.
Dein Zimmer ist eher spärlich eingerichtet. Vor dem Fenster steht das Bett, links ist der Schrank und hinten rechts der Computer, daneben steht ein Skateboard. Ich möchte gerne wissen, was noch so in deinem Zimmer steht.
Ich finde das Ganze seltsam. Fast schon lächerlich. Wir wohnen fast 10 Jahre nur einige Meter voneinander entfernt und haben uns nie unterhalten! Mal ein nachbarschaftliches „Hallo“.
Als mir bewusst wurde, dass du des Öfteren in meinen platten Alltagsgedanken auftauchst, beschloss ich dich anzusprechen. Ich stellte mir eine ungezwungene Unterhaltung am Zaun vor: „Und...was machst du jetzt so?“ Blah.

Aber das ganze war wirklich seltsam. Ich sah dich fast nie. Ich meine, wir sind Nachbarn! Nachbarn sehen sich gelegentlich. Da war Licht in deinem Zimmer und ein paar Mal bist du vom Auto zu Haustür geeilt. Es gab einfach keine Gelegenheit zur Kontaktaufnahme!
Außerdem sah ich dich merkwürdigerweise nie außerhalb der Straße.
Ich würde gerne wissen, was du so treibst, wenn dein Auto nicht da ist.
Wenn ich nachts nach hause komme, hoffe ich immer heimlich, dass du zufälligerweise auch gerade vor dem Haus parkst. Ein Grundstück weiter.
Manchmal mache ich abends mein Fenster auf und schaue nach links in dein Zimmer. Wenn da dann gerade Licht an ist, wünsche ich mir, dass du dein Fenster auch öffnest und dann könnten wir irgendeine witzige Unterhaltung über die Häuserdächer führen.
Neulich lag ein Brief an euch, fälschlicherweise bei uns im Briefkasten. Ich bot an ihn nach drüben zu bringen. Mit weichen Knien stand ich vor deiner Haustür. Dein Vater öffnete, nahm den Brief und bedankte sich lächelnd.

In den letzten Jahren war ich oft verliebt. Wurde enttäuscht und begehrt.
Aber jedes Mal wenn ich unsere Auffahrt entlanggehe blicke ich zur Seite und denke an dich.
Diese Gedanken sind mal schwächer und mal stärker und dann stelle ich mir zum Beispiel vor, wie wir beide schweigend nebeneinander auf der Terrasse sitzen. Es ist ein angenehmes, gemeinschaftliches Schweigen. Eine stumme Übereinkunft.

Ich weiß nicht, was für ein Mensch du bist. Deine Eltern meinten mal zu meinen du seiest schüchtern. Stimmt das?
Ich weiß nur, dass du sehr sympathisch aussiehst und ich weiß auch, dass das oberflächlich ist.
Trotzdem bist du in meinem Kopf. Leise, aber beständig.
Ich würde dich gerne kennen lernen. Glaub ich.
In ein paar Monaten werde ich gehen. Erst ins Ausland, dann in irgendeiner großen Stadt studieren.
Vielleicht komm ich dann mal heim und entdecke ganz zufällig, dass in deinem Zimmer Licht brennt.

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5 Antworten

Kommentare

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    Toll geschrieben- irgendwie zärtlich.

    19.06.2008, 20:58 von kekskrumen
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    sehr schöner text :)

    23.01.2008, 17:26 von Annanymus
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    wirklich eine schöne liebeserklärung-
    gefällt mir richtig gut!
    "Vielleicht komm ich dann mal heim und entdecke ganz zufällig, dass in deinem Zimmer Licht brennt."
    =]

    22.01.2008, 20:49 von Caja_Clementine
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