Nasenbluten
Das Wort Rache ist wundervoll lautmalerisch. Es kratzt im Hals, im Rachen. Wie der metallene Geschmack von Nasenbluten, das in die Kehle rinnt.
Als ich klein war, hatte ich oft Nasenbluten. Wenn meine Stiefmutter mich zwang, Grünkohl zu essen, bis ich würgen musste, oder als ich 12 war und im Zug ein alter Mann seine Hand in meine Shorts drängte. In solchen Momenten entstand in meinem Kopf ein Vakuum, all diese Ungerechtigkeiten ballten sich in meinem Bauch, ich wollte schreien. Stattdessen blieb ich stumm und bekam Nasenbluten. Heute ist das Nasenbluten vorbei. Die fiese Stiefmutter weit weg, der Alte aus dem Zug wahrscheinlich tot, alles ohne mein Zutun. Aber manchmal kratzt die Lust auf einen Gegenschlag noch im Hals. Und heute kann ich mich wehren. Die aufgestaute Rache des Mädchens von damals bekommen jetzt andere ab – unfaire Chefs, tratschende Kolleginnen, Jungs, die lügen. Das ist okay so, Rache ist wichtig für das Gleichgewicht des Universums, und das Universum hat kein Zeitgefühl.

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