Nackte Blicke.
oder: Was uns trennt.
Man kann Blicke spüren. Der Beweis
dafür ist, dass der Junge im Zimmer gegenüber von meinem Haus innehält und
zurückschaut, nachdem ich ihn jetzt seit circa 5 Minuten anstarre. Ich
blinzele. Er blinzelt. Ich neige den Kopf. Er neigt den Kopf.
Uns trennen meine
Wand, die Luft, die zwischen den Häusern über der Straße eingeklemmt ist und
seine Wand. Zwei Fensterscheiben, gegenüberliegend und jeweils im zweiten Stock.
Sein Blick fühlt sich zögernd an, mein neugieriger irritiert ihn. Trotzdem wendet
er sich nicht ab. Ich habe an meinem Schreibtisch gesessen und gearbeitet, als
er sein Zimmer betrat. Er fing an, ein Regal aufzubauen, ganz unbeobachtet hat
er sich gefühlt. Bis ihn mein Blick im Nacken gekitzelt hat. Bis ich seine Haut
mit meinen Augen gestreichelt und in meinem Kopf schon fast spüren konnte, wie
sich seine dunklen Locken anfühlen.
Ich blinzele nochmal. Er blinzelt wieder
zurück. Ich streiche mein kurzes Haar hinter das rechte Ohr. Jetzt wendet er
sich ab und will gehen, aber mein Blick hält ihn dann doch gefangen. Wehrlos.
Ich ziehe mein T-Shirt aus. Verschämt schaut er nach unten. Teppich oder Laminat?
Die Wand kann ich nicht durchleuchten. Zwei Welten in den verschiedenen Räumen.
Aber die unsichtbare Verbindung bricht noch nicht ein.
Ich ziehe meine Hose
aus. Langsam aber bestimmt; stelle mich dann wieder gerade hin. Er bleibt,
beißt sich verlegen auf die Lippe. Als ich schließlich nackt vor ihm stehe,
zucke ich mit den Schultern. Er lässt seinen Blick über meine Lippen gleiten,
ich kann es spüren als würde er mit den Fingern darüberstreichen. Fühle ihn auf
meinem Schlüsselbein, meiner weichen haut, meinen brüsten, meinem Bauch, den
Ansätzen meiner Oberschenkel. Er kann die Wand nicht durchleuchten. Schaut in
meine Augen. Seine Wangen verfärben sich leicht rot. Er grinst. Und zieht sein
T-Shirt aus. Ein großes Muttermal direkt neben seinem Bauchnabel, das er
berührt, als könnte er meinen Blick so einfangen und ertasten; fühlen was ich
denke. Seine haarlose Brust hebt und senkt sich, als er seufzt.
Als er
schließlich nackt vor mir steht, tanzt die Luft zwischen den Häusern. Man kann
das Knistern fast hören, es spannt sich wie Schnüre von Wand zu Wand, auf denen
Lichtflocken hin- und her sausen. Wir haben die Stille verbunden, berühren uns
ohne Berührung. Stehen da und schauen und spüren.
Es endet mit einem Knall.
Ein
Mädchen in seiner Welt. Keiner von uns hat ihr Eindringen bemerkt. Bis sie die
große Blumenvase, die auf dem Holztisch stand, zerworfen hat. Tausendmilliarden
Glitzerscherben auf dem Boden, den ich nicht sehen kann. Teppich oder Laminat?
Ich kann die Wand nicht durchleuchten. Sie steht zitternd da und zieht seinen
Blick auf sich allein. Hat die Schnüre zerschnitten, mit einer großen Schere. Schnipp
schnapp.
Ich ziehe meine Gardinen zu. Was uns trennt, ist die Welt.




Kommentare
Traumhaft
16.09.2012, 00:57 von Sitznachbarsehr gute, fesselnde Kurzgeschichte :)
17.08.2012, 13:11 von BamSuddenlyWow, gefällt mir sehr gut! Bringt mich gerade mal aus meinen festgefahrenen Gedanken raus ..
06.08.2012, 17:22 von Miss.ButterflyHm. Gefällt mir, sogar sehr. Aber hinterlässt mich schon ein wenig rätselnd.
25.07.2012, 11:16 von schmetterlingslachenMir hat der Text auch sehr gut gefallen!!
richtig gut geschrieben, ich hatte beim lesen das Gefühl, als ob ich dabei gewesen wäre.. Super Stil !
20.07.2012, 12:45 von nobody_1104Wow!! Ein sehr schöner Text; richtig gut und fesselnd!!! :) Respekt!
20.07.2012, 08:41 von XeNia79
19.07.2012, 22:27 von CyroTolle Idee - mir ist, als hätte ich nen Teil der Story schonmal in Bild gesehen und Ton gehört...hm. Haut und Brust - hast du doch absichtlich klein geschrieben! Ein paar Flüchtigkeitsfehler, haben schließlich auch ihren Charme. =)
19.07.2012, 22:24 von rubs_n_rollSchön geschrieben, das Ende hat mich dann doch etwas überrascht und gibt dem Text erst seinen Reiz.
19.07.2012, 20:06 von aco