schnuppe_ 30.11.-0001, 00:00 Uhr 65 95

Nackte Blicke.

oder: Was uns trennt.

Man kann Blicke spüren. Der Beweis dafür ist, dass der Junge im Zimmer gegenüber von meinem Haus innehält und zurückschaut, nachdem ich ihn jetzt seit circa 5 Minuten anstarre. Ich blinzele. Er blinzelt. Ich neige den Kopf. Er neigt den Kopf.

Uns trennen meine Wand, die Luft, die zwischen den Häusern über der Straße eingeklemmt ist und seine Wand. Zwei Fensterscheiben, gegenüberliegend und jeweils im zweiten Stock.

Sein Blick fühlt sich zögernd an, mein neugieriger irritiert ihn. Trotzdem wendet er sich nicht ab. Ich habe an meinem Schreibtisch gesessen und gearbeitet, als er sein Zimmer betrat. Er fing an, ein Regal aufzubauen, ganz unbeobachtet hat er sich gefühlt. Bis ihn mein Blick im Nacken gekitzelt hat. Bis ich seine Haut mit meinen Augen gestreichelt und in meinem Kopf schon fast spüren konnte, wie sich seine dunklen Locken anfühlen.

Ich blinzele nochmal. Er blinzelt wieder zurück. Ich streiche mein kurzes Haar hinter das rechte Ohr. Jetzt wendet er sich ab und will gehen, aber mein Blick hält ihn dann doch gefangen. Wehrlos. Ich ziehe mein T-Shirt aus. Verschämt schaut er nach unten. Teppich oder Laminat? Die Wand kann ich nicht durchleuchten. Zwei Welten in den verschiedenen Räumen. Aber die unsichtbare Verbindung bricht noch nicht ein.

Ich ziehe meine Hose aus. Langsam aber bestimmt; stelle mich dann wieder gerade hin. Er bleibt, beißt sich verlegen auf die Lippe. Als ich schließlich nackt vor ihm stehe, zucke ich mit den Schultern. Er lässt seinen Blick über meine Lippen gleiten, ich kann es spüren als würde er mit den Fingern darüberstreichen. Fühle ihn auf meinem Schlüsselbein, meiner weichen haut, meinen brüsten, meinem Bauch, den Ansätzen meiner Oberschenkel. Er kann die Wand nicht durchleuchten. Schaut in meine Augen. Seine Wangen verfärben sich leicht rot. Er grinst. Und zieht sein T-Shirt aus. Ein großes Muttermal direkt neben seinem Bauchnabel, das er berührt, als könnte er meinen Blick so einfangen und ertasten; fühlen was ich denke. Seine haarlose Brust hebt und senkt sich, als er seufzt.

Als er schließlich nackt vor mir steht, tanzt die Luft zwischen den Häusern. Man kann das Knistern fast hören, es spannt sich wie Schnüre von Wand zu Wand, auf denen Lichtflocken hin- und her sausen. Wir haben die Stille verbunden, berühren uns ohne Berührung. Stehen da und schauen und spüren.

Es endet mit einem Knall.

Ein Mädchen in seiner Welt. Keiner von uns hat ihr Eindringen bemerkt. Bis sie die große Blumenvase, die auf dem Holztisch stand, zerworfen hat. Tausendmilliarden Glitzerscherben auf dem Boden, den ich nicht sehen kann. Teppich oder Laminat? Ich kann die Wand nicht durchleuchten. Sie steht zitternd da und zieht seinen Blick auf sich allein. Hat die Schnüre zerschnitten, mit einer großen Schere. Schnipp schnapp.

Ich ziehe meine Gardinen zu. Was uns trennt, ist die Welt.

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65 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Traumhaft

    16.09.2012, 00:57 von Sitznachbar
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  • 1

    sehr gute, fesselnde Kurzgeschichte :)

    17.08.2012, 13:11 von BamSuddenly
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  • 1

    Wow, gefällt mir sehr gut! Bringt mich gerade mal aus meinen festgefahrenen Gedanken raus ..

    06.08.2012, 17:22 von Miss.Butterfly
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  • 1

    Hm. Gefällt mir, sogar sehr. Aber hinterlässt mich schon ein wenig rätselnd.

    25.07.2012, 11:16 von schmetterlingslachen
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  • 2

    Mir hat der Text auch sehr gut gefallen!! 


    Mich hat auch nur der "Knall" am Ende gestört, er kam zu abrupt / zu ausformuliert daher... Sonst super geschrieben!

    20.07.2012, 14:57 von Septembermaedchen
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  • 1

    richtig gut geschrieben, ich hatte beim lesen das Gefühl, als ob ich dabei gewesen wäre.. Super Stil !

    20.07.2012, 12:45 von nobody_1104
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  • 1

    Wow!! Ein sehr schöner Text; richtig gut und fesselnd!!! :) Respekt!

    20.07.2012, 08:41 von XeNia79
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  • 1


    19.07.2012, 22:27 von Cyro
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  • 1

    Tolle Idee - mir ist, als hätte ich nen Teil der Story schonmal in Bild gesehen und Ton gehört...hm. Haut und Brust - hast du doch absichtlich klein geschrieben! Ein paar Flüchtigkeitsfehler, haben schließlich auch ihren Charme. =)

    19.07.2012, 22:24 von rubs_n_roll
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  • 3

    Schön geschrieben, das Ende hat mich dann doch etwas überrascht und gibt dem Text erst seinen Reiz.

    19.07.2012, 20:06 von aco
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