.infrathin. 30.11.-0001, 00:00 Uhr 1 2

Nachtwanderung.

In deinem Fenster brennt Licht. Viele Nächte habe ich hier unten gestanden und einfach nur hochgeschaut. Ich habe gewartet, dabei wußte ich nie worauf

Sie fährt, ihre Füße treten in die Pedalen. Das Sausen des Dynamos klingt in ihren Ohren, ihre Füße treten, ihre Hände fassen die feuchten Griffe. Die Reifen schmatzen auf der nassen Straße, wälzen sich durch Pfützen und Matsch. Fahrradlichter glotzen durch eine Samstagabendnacht. Heim will sie. Nach Hause. Endlich ankommen.

Schließlich bin ich da und schaue hoch. So oft habe ich hier gestanden, habe zu deinem Fenster hochgeschaut. In freudiger Erwartung dich gleich wiederzusehen. Bei deiner Familie zu sein. Und mich aufgehoben zu fühlen. Weil es diese eine lange Zeit gab, in der ich nicht mehr wußte, was es heißt eine liebevolle Familie zu haben.
 In deinem Fenster brennt Licht. Schon viele Nächte habe ich hier unten gestanden und einfach nur hochgeschaut. Unsere Musik im Ohr. Erinnerungen im Kopf, die sich nicht verscheuchen lassen. Wie Krähen auf einem Feld.
 Ich habe gewartet. Dabei wußte ich nie worauf.


 Ich streiche mit dem Finger über die Klingelschilder. Ich kann die Kanten unter meinem Finger spüren. Lese deinen Namen.

Mein Finger mach Halt über dem Klingelknopf. Es wäre so einfach ihn zu drücken. Doch ich weiß, dass ich nicht zurück kann, unser Leben eine Wendung genommen hat, wir nicht mehr dieselben sind.  

Ich stelle mir vor, durch das Treppenhaus zu gehen. Nach oben, in der Hoffnung dich sehen zu können. Wahrscheinlich überrasche ich euch beim Abendessen, werde durch den behaglichen Flur in die große Wohnküche gehen. Mich dazusetzen. Auf meinen Platz. Und alles wird so wie vorher sein.

Aber das wird es nie mehr.
Da ist sie wieder, die Realität. Und holt mich zurück.
Mein Kopf so dumpf, mein Körper so schwer. Neben mir an der Mauer unsere beiden Namen. Verblasst.

 Jugendliebe.

Noch ein Letztes mal schaue ich hoch. Und wünsche mir, du würdest ans Fenster kommen. Natürlich tust du das nicht.
Ich gehe zu meinem Fahrrad und trete in die Pedale. Die Straße verschwimmt vor meinen Augen, Tränen wie Regen nehmen mir die Sicht.


Tags: Trennung, Schmerz, Hoffnung, Tränen, Jugendliebe, erste große liebe
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1 Antworten

Kommentare

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    Schöner Text. 

    11.02.2016, 14:49 von girlgonetowater
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