MaasJan 30.11.-0001, 00:00 Uhr 12 37

Nachtrag

Immer wenn einer aus der Mosaikstraße starb, verschwand das eine Bild und ein anderes entstand.

Leer ist er, der Garten. Leer und verlassen. Groß natürlich auch. Das hintere Fischbecken kann man von der Terrasse aus nicht sehen, nicht einmal die Bank davor, auf der ich sitze. Es ist eisig kalt, der Wind rauscht, treibt ein paar lose Flocken durch die Luft und über das Eis. Bis zum Grund dürfte er durchgefroren sein. Alles ist erstarrt und der Frühling, der ist noch nicht in greifbarer Nähe. 

„Im Winter, wenn die Luft kälter und das Wasser schwerer wird, da mahlen die Mühlsteine am besten“, pflegte mein Opa immer zu sagen. Die Dorfmühle am Bach kurz hinter dem Stadtwald meinte er dann.  Den Bachlauf gab es längst nicht mehr und das Dorf, das hatte sich die Stadt einverleibt. Dem Winter etwas abgewinnen, das fiel ihm nie schwer, besonders, weil er sich auf die Zeit danach freuen konnte. Immer schon. Er hat nie viel und gerne erzählt, wenn wir auf der Bank saßen, uns die Sonne ins Gesicht schienen ließen. Das Holz war dann schon angenehm warm, egal, wie früh im Jahr. Manchmal aber, da schloss er kurz die Augen, sog die Luft ein und begann unvermittelt zu erzählen. Nicht immer neue Geschichten, die meisten kannte ich in- und auswendig, trotzdem hing ich an seinen Lippen. Am liebsten hörte ich die Geschichte von seinem verlorenen Schuh.
 
„Es war ein kalter Frühjahrsnachmittag, und obschon die Krokusse und Osterglocken eine beträchtliche Farbe in das winterliche Grau brachten, dampfte der Atem vor unseren Mündern. Angespannt hockten Hans und ich in den Büschen am Rande des Wäldchens. Immer in Blickweite zu den Weber-Brüdern, die ebenfalls im Unterholz ausharrten und die Wiese nicht aus den Augen ließen. Eine leichte Brise trug das friedliche Plätschern des Baches durch die Luft und für wenige Momente waren alle Sorgen und Ängste passé. Vergessen die Steinschleudern und das Säckchen mit Kastanien, die geschnitzten Äste und unsere unbändige Wut. Zumindest für Momente. 
Denn auf der anderen Seite, da lauerte der Feind. Verborgen hinter Büschen und Hecken und der alten Schäferhütte. Die Hütte, sie war das Ziel unserer Strafexpedition. Den eigenen Strickschal an den First zu nageln, das war das Ziel. Geländegewinn und sei es nur für eben ein paar prestigeträchtige Tage, bis die Schule wieder einsetzte, darum ging es. Um Ansehen und Ehre. Schnöder Mammon und den Bonbonvorrat plündern, das war nachrangig. Die Aussicht brachte unser Blut zum Kochen, die Warterei musste nun ein Ende haben. Ich sprang auf, griff nach seiner Zwille und lud sie. Die anderen folgten meinem Beispiel und Augenblicke später stimmten wir aus voller Kehle einen Kriegsschrei an, der durch Mark und Bein schoss. Der Sturm. Mit einem weiten Satz war der Bach überquert und die Hütte ins Visier genommen. Wundersam ruhig blieb es an der gegnerischen Frontlinie. Fast wie ausgestorben. Ein wenig ungläubig bremsten wir den Sturmlauf und alle blickten sich um. Nichts. Keine Menschenseele war auszumachen. Der Wind trieb ein kurzes Quietschen aus Richtung der Hütte hinüber und Hans zuckte als Erster zusammen. Aus dem verwitterten Fenster ragte ein Lauf, zielte genau in unsere Richtung. Bevor jemand reagieren konnte, peitschte schon ein Schuss über die Wiese. Luftgewehr. 
Jetzt hieß es die Beine in die Hand zu nehmen und jeder war sich selbst der Nächste. Aus dem Augenwinkel konnte ich ausmachen, wie Hans nach einem weiteren Schuss abbremste, sich ans Gesäß fasste und dann beschied, weiterzulaufen. „Leck mich in de Täsch,“ fuhr es mir durch den Kopf „was für ein zäher Bursche.“ 
Wohl hätte ich mich besser auf meine eigene Flucht besonnen, landete ich doch mit einem Fuß und Schuh im schlammigen Ufer. Blitzschnell sog sich der kratzige Wollsocken voll und mein Schuh, der blieb im Morast stecken. 
An eine Bergung war nicht zu denken, zu den Luftgewehrschüsse hatten sich Salven aus Steinschleuderbeschuss gesellt und es galt, die eigene Haut zu retten. Auch mit nur einem Schuh. Das rettende Unterholz war schnell erreicht, von den anderen aber keine Spur. Nicht auszudenken, fiele einer von ihnen in die Hände der Verberger. Feststellen ließ sich das erst nach dem Abendbrot.  Ab jetzt wog der Verlust des Schuhes erst einmal schwerer.“

Obwohl sein Vater ihn mit einer Ohrfeige bedachte, war es eine der schönsten Erinnerungen, die mein Opa an ihn hatte. 
Der Krieg war für Opa glimpflich ausgegangen, und als er von seinem Vater mit dem Fahrrad auf den Rheinwiesen bei Rheinberg abgeholt wurde, hatte der keine Worte, sondern nur einen Schuh für ihn parat. Immer wenn er auf den Krieg zu sprechen kam, wurde er wortkarg und einsilbig. 

Einmal hat er mir erklärt, dass man mit so einem Panzer nun mal nicht nur auf Panzer schießt. Mehr gab es dazu nicht. Gebohrt oder gelöchert hab ich ihn nie. 
Er mich ja auch nicht. Wenn ich über etwas nicht reden wollte, dann war das so. Wir haben trotzdem die Gefühle geteilt. 
Ob auf dem Friedhof, bei stiller Trauer und Grabpflege oder im Stadion beim Fußball. Nur geweint, geweint haben wir nie zusammen. Je älter er wurde, desto mehr Steinchen rutschten aus der Welt der Erinnerung. 
Immer wenn einer aus der Mosaikstraße starb, verschwand das eine Bild und ein anderes entstand. Anfänglich hatte das meinen Opa wenig beeindruckt, fast blieb es unbemerkt. Mit der Zeit aber wuchs und gedieh das Bild, wurde fester und griff mehr und mehr nach dem Raum in seinem Kopf. 
Mal drückte die Last der Steinchen auf das Gemüt und färbte alles übrig gebliebene zu einem traurigen Mischmasch, mal überstrahlte die Opulenz des Bildes all die Tristesse, die das Leben bereithielt. 
Und es blieb ja trotzdem noch seine Straße. Früher, da war sie mit Vertrautheit und Leben gefüllt. Freunde und Nachbarn, Gesichter und Geschäfte. Die Fassaden stehen immer noch, dahinter aber, dahinter ist alles anders. 
Opa konnte gar nicht genau sagen, wann die Erinnerung die Wahrnehmung ablöste. Obwohl er es gut überspielte, machte ihm die schleichende Entmachtung über sein eigenes Leben zu schaffen. Der sukzessive Tribut an das Alter, die Aufgabe von Kartoffelernte und Gartenbau, das meißelte Furchen in die Psyche. 
Ausbügeln ließen die sich nicht gänzlich, auch wenn man in den Baum kraxelte, die Äste mit gusseisernen Haken heranzog und die Kirschen eimerweise pflückte. Kirschen einmachen, Mirabellen einlegen und Marmelade aus der Himbeerhecke kochen, das war dann Omas Aufgabe. 
Als ich klein war, wurden auch noch Bohnen geerntet, Tomaten gezogen und Salate angebaut, neben den Kartoffeln natürlich. Im Grunde war der Garten ein riesiger Naschplatz. Überall gab es Obst von Bäumen und Sträuchern, Beeren oder Äpfel, ganz gleich. Und zu fast jeder Zeit im Jahr konnte man sich den Bauch damit vollschlagen. Der Nachbar hatte dazu eine veritable Rhabarber- und Kohlproduktion, dazu ein paar Hühner und Kaninchen. Die waren solange süß, bis er einem einmal das Fell über die Ohren zog und mir für Omas Sonntagsbraten in die Hand drückte. Essen war immer ein zentraler Punkt, an dem sich der Tag ausrichten ließ. Frühstück wurde um 8 Uhr eingenommen, das Mittagessen um Punkt 12, Kaffee und Plätzchen gab es nach der zweistündigen Mittagsruhe und Abendbrot, das Abendbrot Schlag 18 Uhr. Umso verwunderlicher war es, dass wir immer wieder in das gleiche China-Restaurant fuhren, gab es denn feierliche Anlässe. Wir saßen immer am selben Tisch, vor der selben Schar aus Plastikorchideen auf der Fensterbank vor den angelaufenen Fenstern. In der Regel war es gut gefüllt, das Restaurant und eine dicke Wolke hielt die Luft schwanger und trächtig. Vom Buffet trieben Schwaden Glutamatdampf und Friteusewolken durch den Raum, vorbei an den leeren Aquarien und der übergroßen Vase, in die gut und gerne ein Clown gepasst hätte. Ohne je wieder herauszukommen, aber auch das war ja mitunter lustig. 

„Beim Chines‘,“ hob Opa gerne hervor, „beim Chines‘ ist für jeden was dabei. Da gibt es am Buffet so viel verschiedene Dinge“. Unnötig zu erwähnen, dass er dann doch jedesmal bei der gebratenen Ente mit Reis und Gemüse landete. Und so richtig gut schmecken tat es eigentlich keinem am Tisch, darüber herrschte große Einigkeit. Musste es auch nicht. Ein schönes Ritual, das man pflegte, das war es. Der Austausch, die Fahrt über die Felder, der überzuckerte Pflaumenwein, all das gab dem ganzen einen fast heimeligen Rahmen. Ein Fixpunkt in der Welt, die sich sonst laufend veränderte. Der Chines‘ war ein Refugium. An den beschlagenen Scheiben ließen sich im Sonnenlicht der Verschmutzungsgrad und die letzte Reinigung ablesen. An dem Plärren von Stevie Wonder aus den Boxen, dass es wohl ein Geburtstagskind im Restaurant geben musste und an dem Cocktail mit Wunderkerzen, dass es auch tatsächlich einen Unterschied machte, seinen Geburtstag und das Alter besser manchmal zu verschweigen.  Mein Onkel kam gerne mit wechselnder Begleitung und bei runden Geburtstagen war auch die Verwandtschaft aus dem Umland mit von der Partie. 
Obwohl nie jemand wirklich stritt, war der einzige Gesprächskonsens meist nur der  Espresso nach dem Essen. Der rundete den Aufenthalt bekömmlich ab. 
Allzugerne verließen wir später das Lokal, verteilten uns auf die Autos und später auf dem Friedhof, kauften ein paar Stücke Grillagetorte und trafen uns dann auf der Terrasse zu Kaffee und Kuchen. 
So sehr mein Opa die Gesellschaft auch liebte, lieber zog er sich auf die Bank am Fischbecken zurück. Da saßen wir meist schweigend, beobachteten die Goldfische und waren froh, dem Trubel eine Zeit lang zu entrinnen. Den Fischen waren wir eine angenehme Gesellschaft, brachten wir doch im Frühjahr ein Netz gegen marodierende Enten und den Fischreiher an. Der ließ sich nicht wie die zahllosen Elstern und Krähen mit einfachem Klatschen vertreiben, der brauchte einen Schuss aus dem Luftgewehr. Opa schoss nicht gern, aus verschiedenen Gründen, das Netz und ein waches Auge halfen da ganz gut. Und ein Auge musste man in jedem Fall auf die Teiche und den Garten haben. 
Eine Schale Milch für den Igel, Nüsse für die Eichhörnchen und Meisenknödel für den Winter. 

Im vergangen Herbst, als man am Horizont die ein oder andere Schar Zugvögel ausmachen konnte, wurde es Zeit wieder zu verbrennen. Früher hatte Opa im Herbst immer das Laub verbrannt, hinten im Garten. Der letzte Akt, bevor alles winterfest gemacht wurde. Keine Äpfel mehr zu ernten, keine Mirabellen und schon längst keine Kirschen. Da standen wir nun an eben jener Feuerstelle, hatten aus dem Holz der Kompostumgatterung einen Scheiterhaufen gebaut. Das Laub aber, das war ein  speckiges Fotoalbum in der Hand von meinem Großvater. Über den Sommer hat er es gefüllt, mit Freunden und Verwandten, Abzügen von schönen Momenten und fernen Welten. So, als sei er bereit für den letzten Herbst. Opa blätterte versonnen in den knisternden Seiten, während das Feuer vor uns  langsam Gestalt annahm. Im Rauch der Bilder wurde alles noch einmal lebendig, er sog es ein und ignorierte das Kratzen. Die Erinnerungen, sie waren jetzt winterfest. 
Wir warteten, bis das Feuer ganz heruntergebrannt war, dann kehrte er die Asche mit einem Rechen zusammen, hob ein kleines Loch mit dem Spaten aus und kehrte die Hälfte hinein. Der anderen Hälfte schauten wir lange dabei zu, wie der Wind sie Stoß für Stoß im Garten verteilte. 

Es war das letzte Mal, dass wir zu zweit in diesem Garten weilten, schwiegen und er mir auf die Schulter klopfte. Dann wurde er ruhig und ruhiger. Trank erst kein Bier mehr am Abend, dann ließ er Mahlzeiten aus. Die Radien kürzten sich ein, mehr und mehr. Oma war schon länger gegangen und ein paar Tage vor Weihnachten, da stellte auch Opa das Laufen ein. Blieb im Bett und eines Morgens in der Firma wusste ich schon, warum Mama mich anrief. 

Jetzt ist alles leer, das Haus, der Keller und natürlich auch der Garten. Es wird kalt auf der Bank und der Wind treibt ein paar Tränen in Augen. Im Eis kann ich die Goldfische gut ausmachen, eingefroren und still. Ich betrete das eisige Quadrat und schliddere ein wenig Richtung Schilf. Es zerreißt mich jedes Mal, wenn ich an deinem Grabstein stehe. Hier hinten, zwischen all dem, was einmal war, ist es friedlicher. Da sind wir fast eins und ich manchmal spüre ich deine Hand auf meinem Kopf. Ich liebe dich, auch wenn du fort bist. Was von dir bleibt, ist der Garten in meinem Kopf.

37

Diesen Text mochten auch

12 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Schön!

    15.03.2016, 20:28 von TheCaptainsFiancee
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Die direkte Ansprache des Opas am Ende ist schade. Der Rest is fein.

    14.03.2016, 16:58 von nyx_nyx
    • Kommentar schreiben
  • 3

    Hat mich sehr berührt!
    oder etwas weniger pathetisch:


    "Endlich mal wieda woas Gscheids hier!"

    14.03.2016, 14:17 von Gluecksaktivistin
    • Kommentar schreiben
  • 2

    einen text von MaasJan muss man einfach lesen! und dieser hier, der ist in seiner art mal wieder gnadenlos gut geschrieben!


    so langsam verachte ich neon für diesen bug mit dem datum 30.11.-0001

    wie kann es sein, dass solch großartige texte im nimmerlein verschwinden und lediglich durch die kommentarfunktion an die oberfläche kommen, wenn man nicht anders darauf gestoßen wird?


    11.03.2016, 19:58 von jetsam
    • 0

      Äh ... Texte vom 30.11.0001 stehen am Ende der Textliste und zwar in "umgekehrter" Reihenfolge, d.h. die neuesten Texte zuletzt. D.h. Du solltest einfach mal außer den ersten auch die letzten Texte anschauen ... dann entgeht Dir nix. (Bin auch nur durch Zufall draufgekommen, als ich einen eigenen Text suchte. Der paßt, da er eine tote Sprache behandelt, aber auch ganz gut zum Datum 30.11.0001).

      13.04.2016, 22:54 von alter_hund
    • Kommentar schreiben
  • 3

    opas sind ok.

    11.03.2016, 10:55 von ga
    • 1

      Omas auch?

      11.03.2016, 20:19 von mirror87
    • 2

      wie der herr, so's gescherr.

      14.03.2016, 10:07 von ga
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Ich mag deinen Text!

    Er hat mich zum zurück denken und fühlen gebracht. Ich hatte Bilder vor mir. Und es ist mir aufgefallen, dass alles so viel mehr geerdet war. Auch ich erinnere mich an die Natur. Die Wiesen waren noch voll bunter Blumen, die es heute nur noch in Samentüten gibt. Ich habe Heuschrecken gefangen, Himbeeren und Erbsen genascht und im Herbst spürte ich meinen Körper nach der Kartoffelernte. Heute ist vieles so vergeistigt. Die Menschen häufen Wissen an und verlieren die alten überlieferte Weisheit. Gedanken um Gedanken :) Danke dir!


    10.03.2016, 21:54 von CaraRuna
    • Kommentar schreiben
  • 5

    Ach, Jan.


    Das ist das Schönste, das Du jemals geschrieben hast.

    10.03.2016, 18:29 von cosmokatze
    • Kommentar schreiben
  • 4

    Danke für diesen schönen und einfühlsamen Text! Rituale, Stabilität und Gewohnheiten beschreiben häufig ein ganzes Familienleben und hier ist es auch ganz nebenbei sehr schön gelungen. Ich musste sofort an meine Großeltern denken. 

    10.03.2016, 10:43 von kysinz
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare