xx-ani 04.06.2013, 14:36 Uhr 16 62

Nachtleben

Du musst wohl ein sehr besonderer Freund sein.

Ich rufe dich in der Nacht an, es ist spät, doch ich weiß, dass du noch wach in deinem Zimmer liegen wirst. Du nimmst verwundert ab und schenkst mir ein fragendes „Hallo?“. Deine Stimme nicht ganz männlich, doch genug für mich, um meinen Kopf für einen Moment in die Irre zu treiben. Ich frage dich, ob du Zeit hast und ich dich für ein paar Stunden entführen kann. Ich habe Angst vor deiner Antwort, bei dir kann ich mir nie sicher sein, doch du bejahst meine Frage. Ich sage, dass ich in 15 Minuten da sein werde und beende das Telefonat. Auf dem Weg zu dir  beginne ich ein wenig sauer zu werden, weil du nie auf die Idee kommen würdest, dich von dir aus zu melden, um mich für ein paar Stunden von der Realität zu entführen, damit wir uns in unserer geheimen Welt verkriechen können.

Doch die Wut verblasst schnell, als ich dich unter dem Baum vor deinem Haus, auf mich wartend, stehen sehe. Nur das Licht von der Straßenlaterne lässt mich das lässige Lächeln auf deinem Gesicht erahnen. Alleine schon deine von Schatten gezeichnete Person bringt mich um den Verstand. Du bist keiner dieser Menschen, der mit einer offensichtlichen Schönheit angibt, du bist einer von diesen Menschen, von deren schleichenden Schönheit man einfach plötzlich übermannt und entwaffnet wird, von der man gefangen wird und die nicht jeder wahrnimmt. Doch ich sehe sie und bin gefangen von deinem Anblick, der mich nur staunen lässt.


Du steigst in mein Auto lächelst mich an und ich schenke dir mein Lachen, wir wissen, dass Schweigen Gold ist und fahren in die Nacht – unsere Nacht, die Mitten in der Woche, wie ausgestorben wirkt. So fahren wir schweigend durch die Dunkelheit, jeder in seinen eigenen Gedanken gefangen. Ich würde gerne wissen, was du denkst, doch deine Gedanken sind dein Schatz, dein höchstes Gut, welche du mit niemanden teilst. Ich kenne dich schon lange genug, um das zu wissen ,und doch kenne ich dich seitdem wir uns getrennt haben doch nicht mehr ganz. Du bist für mich ein neuer Mensch, der trotz allem soviel Vertrautes beherbergt. Nun sind wir Freunde – Freunde mit ohne Vergangenheit und Sex, nach durchtanzten Wochenendnächten.


Ich fahre auf einen geschotterten Parkplatz, dreh den Schlüssel in der Zündung, was den Motor zum Schweigen bringt und die Stille der Nacht uns gefangen nehmen lässt. Ich drehe mein Kopf zu dir, du schaust mich an und ich bemerke, dass du wohl der schönste Freund bist den ich habe. Deine grauen Augen, mit den leichten Schatten darunter, die etwas zu große Nase und deine sinnlichen Lippen – sie spielen zusammen und erschaffen ein Kunstwerk der Schönheit, wie es nicht mal Michelangelo aus seinem Pinsel hätte zaubern können. Um meine Gedanken zu sortieren, schüttle ich kurz den Kopf und fordere dich auf auszusteigen. Ich greife deine Hand und renne los, mich durchströmt das Gefühl der Freiheit, mit dir an meiner Hand scheint mir alles möglich, es scheint alles so leicht – so leicht wie Fliegen.


Vor dem See bremsen wir, lassen uns ins Gras fallen und schauen hoch zur Mondsichel, umringt von ihren kleinen, leuchtenden Gesellen. Unser Atem geht noch immer schwer und scheint das einzige Geräusch weit und breit zu sein. In diesem Moment wird mir klar, dass du genau die Person bist, mit der ich hier sein will, und dass es da niemand anderen gibt, den ich lieber neben mir im kalten Gras liegen hätte. Du musst wohl ein sehr besonderer Freund sein. Ich bemerke im Augenwinkel, wie du mich ansiehst und mich durchströmt ein Gefühl der Wärme, obwohl ein kalter Sommerwind über uns durch die Äste zieht. Irgendwas in mir sagt, dass uns niemand das nehmen kann, was schon lange nicht mehr da ist. Doch was ist, wenn da noch etwas ist?


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16 Antworten

Kommentare

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    Irgendwie einfach, aber schön. Sehr schön.

    02.07.2013, 23:57 von Gedanken.art
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    kann man gut runterlesen. 

    19.06.2013, 13:24 von Wuuhuu
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    Kling irgendwie wie eine schöne Illusion, in die man sich gerne reinliest. Schade nur, dass der Text nicht länger geworden ist.

    10.06.2013, 17:53 von MnikaneaMars
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    ich verstehe den Text nicht... irgendwie durcheinander.

    08.06.2013, 20:44 von SunShine_01
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    sehr sehr einfach, aber doch irgendwie wunderschön!

    07.06.2013, 12:02 von snaty
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    Schöner Text, den ich gerne gelesen habe. Hat so bisschen Erinnerung in mir geweckt.

    06.06.2013, 16:22 von Schmetterlingsflattern
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    Superschöner Text, sehr sehr stimmungsvoll ...

    06.06.2013, 15:10 von mue_photographer
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    Berührt mich ganz tief.

    06.06.2013, 13:32 von fassadenmensch
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