Nachhall
Ich wand mich ab den Saal zu verlassen, erhaben, eine Tasche voller Kummer über den schmalen Schultern. Halbe Drehung ins Ungewisse.
Nachhall
An diesem Abend trennten uns nicht nur Kopf und Herz. Wir hatten uns häuslich
eingerichtet in unserem Chaos, jeder für sich. So blieben wir zwei Fremdkörper
unter der Bettdecke, die uns einte. Ich drehte mich um und sah Dein Gesicht, so
nah, dass ich es durch abwechselndes Zukneifen meiner Augen verschieben konnte.
Wir scheiterten an den Worten. Das einzig wahre Sagbare schienen unsere Namen
zu sein, die wir nicht auszusprechen wagten. Die Vokabeln fuhren Karussell in
meinem Kopf. Wir schwiegen und schliefen dann ein.
Als in der Küche jemand die Kühlschranktür öffnete, wachte ich auf und wunderte
mich, Deine Nase in meinem Nacken zu spüren. Ich bewegte mich nicht, während
sich in mir alles drehte, die Gedankenfetzen liefen im Hamsterrad. Ich
schwitzte an den Berührungspunkten unserer schlafwarmen Körper. Wir wollten die
Linien entwirren und verirrten uns dabei im Wald der Zeichen. Ich warf mich
nicht selbst hinaus. Stattdessen standen wir auf und traten beide ans Fenster.
Wir sahen im Garten ein graues Kaninchen. Von der Straße blickte jemand herauf.
Als ich ging, sagte ich „à bientôt“, obwohl wir nicht wussten, ob wir uns wieder sehen wollten. Während ich dem Klang meiner Schritte im Treppenhaus nachfühlte, hattest Du dich schon wieder verkrochen unter den Decken. Auf meiner Wange gefror eine Träne. Dein Gesicht umgab den Geruch, den ich auf dem Kissen hinterließ.
Ohne mein Zutun erwartete ich Dich wieder zu treffen. Im Supermarkt und in der
Bibliothek meinte ich, deine Schuhe unter den Regalen und dein Haar hinter
Büchern und Tetrapacks zu erkennen.
An dem Abend, an dem wir uns wieder begegneten, schneite es heftig. Die Tür zum
Zuschauersaal stand offen und es zog fürchterlich. Ich erschrak, als ich Dich
dort sitzen sah, inmitten der Menge. Als ich näher kam, standst Du nicht auf, Dein
Blick wich dem meinen aus. Solang bis es nicht mehr ging, dann setztest Du dein
typisches unechtes Lächeln auf. Ich starrte auf deine Unterlippe. Als unsere
Augen sich trafen, zerknüllte ich den Zettel mit dem Ablaufplan in meiner
linken Hand, während Du von dem Buch sprachst, das Du gerade last. Unsere Worte
gingen im Geschnatter der Menge unter. Es gelang uns nicht einander zu zu
hören. In meinem Kopf spielten sich Varianten der nächsten Szene ab. Ich
entschied mich zu gehen. Du hieltst mich nicht auf.
Tage später sah ich dich wieder. Der Tee zitterte in der Tasse, an der ich mich
festhielt. Wir trafen uns am Abend, liefen durch die Gassen. Die Katzen
strichen um unsere Beine. Wir blieben nicht stehen, um sie zu streicheln. Erst
als wir vor Deiner Tür standen, fragte ich mich, was ich wollte. Ich wusste es
nicht. Diesmal folgte ich Deiner Hand.
Wir drehten eifrig am Zauberwürfel, die Bilder änderten sich stetig. Wir
schlichen um uns herum, wichen uns aus, fingen uns wieder ein. Uns fehlte die
Geduld. Der Raum zwischen uns war von Missverständnissen gespickt. Die Sprache
ließ uns im Stich. Wir versuchten uns an den Si-Sätzen und verstrickten uns im
Konditional. Ich meinte, darüber zu reden hieße lediglich, der Verwirrung Worte
hinzuzufügen. Du schlugst die Augen nieder. Aber diesen Blick aus Deinen Augen,
jenes Sehnsuchtsblau, habe ich gespeichert, abrufbereit in meinem Kopf. Die
Gefühle bordeten über.
Ich fühlte mich zu leer um noch groß Capricen zu machen. Meine Zeit war
begrenzt. Ich würde in Kürze das Theater verlassen. Erst in der letzten Nacht
überkam es mich. Ich schlief nicht, lief hin und her zwischen Bett und Bad,
erbrach, lag weinend wach. Der Hass auf mich selbst kam mir hoch. Bereuen wollte
ich nicht.
Am letzten Abend raufte ich meine Kleidung Knäuel um Knäuel zusammen, Tusche und Rouge warf ich achtlos obenauf. In weiten Klamotten ordnete ich das Sammelsurium an Dingen zusammen. Ich brach mir einen Fingernagel ab. Ein Licht am Spiegel erzitterte. Ich blickte mich an, lange. Nur für mich stand ich da, während die anderen um mich herum schnatterten, blökten, wieherten. Ich weiß nicht ob Du etwas weißt. Aber ich weiß, dass Du nicht in der Lage warst mein Menschsein zu begreifen. Funkeln in meinen Augen, eine falsche Wimper juckte. Die Konturen meines Gesichtes glichen denen einer Puppe. Sorgfältig strich ich eine Haarsträhne zurück.
Ich wand mich ab den Saal zu verlassen, erhaben, eine Tasche voller Kummer über den schmalen Schultern. Halbe Drehung ins Ungewisse.
Januar 2010







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