unicorna 30.11.-0001, 00:00 Uhr 6 11

Mutterinstinkt

Die hochschwangere Frau im Kreissaal schreit vor Schmerz und verlangt nach einem Arzt, doch die Hebamme stellt sich taub.

Stattdessen zieht und zerrt sie wie
verrückt an Kopf und Hals des Babys,
das nicht herauskommen will.
Die Frau stöhnt vor Schmerzen.
Schließlich sieht die Hebamme ein,
dass sie es alleine nicht schaffen wird.
Der herbeigerufene Arzt leitet sofort
eine Zangengeburt ein.
Nach einer kleinen Ewigkeit kann das
Baby endlich in die Arme seiner erschöpften
Mutter gelegt werden. Jetzt ist es das Kind,
das brüllt wie am Spieß und nicht damit
aufhören will. Sein Kopf zuckt hin
und her. Alle halten das für normal.
Alle, außer der frischgebackenen
Mutter. Doch dies ist ihr erstes Kind
und so nimmt keiner ihre
Bedenken ernst. Nicht der Arzt,
keine der Schwestern.
Und das Baby schreit und schreit.
Der Kopf zuckt. Die Mutter äußert
ihre Bedenken. Keiner hört zu.
Tags darauf darf sie ihr Kind nicht
sehen. Eine Erklärung dafür gibt man
ihr nicht nicht. Es sei alles in Ordnung,
das Kind gesund, wird ihr unisono versichert.
Bis zum nächsten Tag muss sie warten,
ehe man ihr das Töchterlein wieder
in die Arme legt. Die Kleine ist
jetzt ruhiger, schreit weniger.
Doch den Kopf wirft sie nach
wie vor immer wieder hin und her.
Nach einer Woche dürfen Mutter
und Kind nach Hause.
Doch von harmonischem
Familienleben keine Spur.
Das Baby ist extrem krankheitsanfällig,
schon nach drei Wochen hat die Mutter
ein ganzes Arsenal unterschiedlicher
Medikamente zuhause.
Und der Kopf des Babys zuckt nach wie
vor ruckartig. Unnatürlich.
Ärzte wie restliche Familie werfen
der unglücklichen jungen Mutter
Hysterie vor. Das Kind sei gesund.
Ein Arzt ist sogar so freundlich,
der Frau die Worte: „Bei einer
solchen Mutter würde ich auch
schreien“, an den Kopf zu werfen.
Nach sechs Wochen hält sie es
nicht mehr aus. Sie packt ihr Baby,
fährt in ein anderes Krankenhaus
und harrt dort aus, bis sich eine hübsche
junge Ärztin der beiden annimmt.
„Ich gehe hier nicht weg, ehe meine Tochter
nicht endlich richtig untersucht wird! Und
wenn ich hier tagein- und tagaus übernachten
muss! Ich verlange endlich eine ordentliche
Behandlung, keine Fließbandarbeit!“ brüllt
die verzweifelte Mutter die Ärztin an.
Diese beruhigt die Frau, hört sich die ganze
Geschichte an. Und dann wird das kleine
Mädchen endlich richtig untersucht.
Danach kommt die Ärztin mit sehr ernstem
Gesicht zurück und beglückwünscht die
Mutter zu ihrer Hartnäckigkeit, ihrem Instinkt.
Das Baby ist keineswegs gesund.
Es hat einen „Schiefhals“ als Folge eines
gerissenen Halsmuskels. Gerissen,
dank des Ziehen und Zerrens während
der Geburt. Den Kopf hält das Kind
bereits ein wenig schräg, wäre die
Verwachsung noch weiter fortgeschritten
hätte bestenfalls noch ein Jahr im
Gipsbett geholfen. Vielleicht.
So wird das Mädchen erst mal für
sechs Wochen im Krankenhaus
behalten, da es an ein Bettchen
fixiert werden muss.
Nach dieser Zeit darf das Baby endlich
wieder zu seiner Mutter nach Hause.
Schlafen muss es dort auf einem speziellen
Sandsack. Nun folgen viele Wochen mit
Krankengymnastik daheim und bei einer
Physiotherapeutin, weiteren Arztbesuchen,
dem Nähen von kleinen Sandsäckchen
um die Halslage zu stabilisieren, bangen
und hoffen.

Heute ist das Kind eine ganz normal
gewachsene junge Frau, berufstätig,
verheiratet, mit einem ganz normalen
Leben. Ohne dem Instinkt und der
Hartnäckigkeit seiner Mutter wäre ihr
Leben wahrscheinlich anders verlaufen.

Danke, Mama!
Ich hab dich lieb!

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6 Antworten

Kommentare

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    Mamas sind die Besten!!!

    26.02.2008, 11:16 von kleinepiratin
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      @[Benutzer gelöscht] in der tat. respekt - und mein glück ;-)

      25.02.2008, 10:48 von unicorna
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  • 0

    Danke für diesen Text!
    Er macht mal wieder deutlich, dass man den Ärzten nicht immer vertrauen sollte. Heute ist das bei den Leuten ja schon angekommen, aber als Du geboren wurdest, waren die Ärzte ja noch Halbgötter in Weiß, denen man nicht zu widersprechen hatte.

    Bei uns zu Hause hat es auch so eine Szene gegeben, als meine Mutter (ausgebildete Kinderkrankenschwester, Gott sei Dank) als einzige die Gehirnhautentzündung meiner Schwester erkannt hat - nachdem die Kinderärztin irgendwas von einer Erkältung gefaselt hatte. Das hätte auch schief gehen können. Die Ärztin hat sich wohl hinterher sogar mal bei meiner Mutter für ihre Fehlinterpretation entschuldigt. Immerhin. Wobei man natürlich nicht wissen möchte, was gewesen wäre, wenn meine Schwester bleibende Schäden davon getragen hätte...

    12.02.2008, 17:36 von amidala
    • 0

      @amidala entschuldigt hat sich hier leider keiner. und um das krankenhaus zu verklagen hat das geld gefehlt, für das verfahren hätte meine familie ja in vorkasse gehen müssen. gott sei dank ging alles gut. aber nicht immer werden solche geschichten aufgedeckt. und von einem "ärztefehler" bzw. "kunstfehler" sprechen hat auch heute noch immer ein wenig was von blasphemie :-/

      12.02.2008, 17:39 von unicorna
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