Adraciracir 06.12.2018, 22:11 Uhr 1 0

Mutter

Eine leichte Panik ergreift mich, wenn ich an Morgen denke. An Morgen, an die Zukunft, an die vielen Tage, die noch gelebt werden müssen.

Eine leichte Panik ergreift mich, wenn ich an Morgen denke. An Morgen, an die Zukunft, an die vielen Tage, die noch gelebt werden müssen und die doch von mir belebt werden möchten. Früher saß sie abends, wenn ich zu Bett ging, lange bei mir und wartete bis ich einschlief, weil ich immer solche Angst vor der Nacht hatte, vor dem Dunkel und seinem Träumen. Jetzt sitzt niemand mehr bei mir. Oft schläft sie schon längst, wenn ich zu Bett gehe. Ich liege dann ganz still und lausche, ob sie nicht vielleicht doch noch zu mir kommt, aber ich höre ihr gleichmäßiges schweres Atmen, ihr müdes Atmen, das mir sagt, dass sie sich nicht mehr an mein Bett setzen wird. Ihre Angst ist jetzt größer als die meine. Ich liege oft noch sehr lange wach und denke an so Vieles. Das Denken und Phantasieren kann ich nie unterlassen, es ist, als könnte ich mir dadurch meine eigene Welt erbauen. In dieser Welt ist sie nicht müde, ist sie nicht schwer und traurig. In dieser Welt, die so sehr meinen Erinnerungen an damals gleicht, ist sie fürsorglich, sie ist. Jetzt habe ich das Gefühl, dass sie nicht mehr wirklich ist, zumindest nicht bei mir. Wenn ich im Dunkel liege und mich verloren fühle, denke ich oft, wie ich durch einen Wald laufe, manchmal rennend voller Bedrängnis, manchmal schlendernd, wobei mir die Sonne auf die Haut gleißt, oder wie ich auf der Wasseroberfläche mitten im Ozean treibe und in die Endlosigkeit des Himmels blicke. Vielleicht sind das Vorstellungen, in denen ich mich mit der Welt verbunden fühle und sie mich deshalb beruhigen, ich weiß es nicht. Kann man irgendetwas wissen? Gibt es so etwas wie eine gefühlshafte Einheit mit der Welt? Vielleicht, als ich noch jünger war. Ja, vielleicht, als sie noch bei mir war. Irgendwann schlafe ich ein, ein bisschen weniger angstvoll als wenn ich erwache. Kann man still weinen? Ich tue es oft. Früher hat sie mich geweckt, jetzt wecken mich meine Träume ganz von selbst. Der Morgen ist die beunruhigendste Zeit. Ohne sie schleppe ich mich aus dem Bett, voller Unruhe und immer noch mit vielen ungeweinten Tränen in mir. Der Schulweg ist lange, die Last auf meinem Rücken, den Ranzen voller Bücher, schwer und ich spüre jedes einzelne Buch, das mir nie irgendetwas mitteilen kann. Ich bin sehr still geworden, das merke ich selbst. Manchmal, wenn der Lehrer mich aufruft, habe ich seine Frage gar nicht gehört und weiß nichts zu antworten. Dann merke ich, dass alles in mir sehr still wird, auch die anderen Mitschüler werden plötzlich alle still und starren mich an. In ihren Augen sehe ich nichts und in mir finde ich nichts, was eine Antwort geben könnte. Allen ist die Stille sehr unangenehm und ich frage mich oft, ob andere Menschen eigentlich auch still sind. Einmal fing jemand an zu lachen, als ich so da saß und mein Kopf begann sehr langsam zu glühen. Da weinte alles in mir. Als würde plötzlich die ganze Körperstarre, die man unbewusst vollzieht, diese ganze Kraft, die man tagtäglich aufbringt, um sich zusammenzuhalten, zu fließen beginnen. Ja, alles wurde sehr weich in mir und ich sackte zusammen. Oft versuche ich immer noch, schon so lange, mit den anderen Kindern zu reden. Ich weiß nicht, ob sie mich verstehen? Zumindest versucht nie jemand von ihnen, mit mir zu reden. In den langen Schulpausen sitze ich oft allein auf der großen Treppe, die mit einem so hässlich filzigen Teppichboden überzogen ist. Ja, ich sitze dennoch jeden einzelnen Tag auf dieser Treppe. Früher kam sie oft in diesen Pausen zu mir, obwohl mir das sehr unangenehm war. Aber sie konnte meine Einsamkeit wohl bis zu uns nach Hause spüren. Ich sah sie durch die große Tür kommen, und erst freute mich unglaublich, sie wieder zu sehen, fühlte mich unmittelbar weniger hilflos, bis ich wieder der Umgebung gewahr wurde und sich eine ekelhafte Scham in mir ausbreitete. Ich hasste sie dafür, dass sie in die Schule kam. Sie tat es immer wieder. Jetzt vermisse ich es, dass ich sie an diesen langen Schultagen nicht mehr sehe. Ohnehin sehe ich sie jetzt sehr selten. Wenn ich nach Hause komme, macht sie mir nicht mehr die Tür auf. Sie macht mir kein Essen mehr und niemand fragt mich, wie mein Tag war. Ich tapse dann leise zu ihr ins Zimmer, das so dunkel ist, dass ich lange brauche, bis ich ihre Umrisse erkennen kann. Sie schläft meistens und dann lege ich mich zu ihr und versuche auf ihr schweres Atmen zu horchen. Atmet sie noch? 

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Kommentare

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    Wär mit 'n paar Absätzen noch besser.

    10.12.2018, 16:11 von Steifschulz
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