Mut zur Feigheit
Oben wartete Charybdis.
Ich hatte ihr Rosen mitgebracht. Natürlich Rosen. Nichts beschreibt eine
der größten, menschlichen Emotionen besser, als so ein kümmerliches
Bündel Unkraut. Der Boden war schwarz-weiß gekachelt. Ich durfte keine
Fuge berühren, versuchte eigentlich nur Zeit zu schinden, denn der Gang
zum Schaffott fiel mir nie besonders leicht. Das Treppenhaus zog sich
wie ein Strudel der Decke entgegen. Oben wartete Charybdis.
Die
Treppe, halb heut, halb gestern, kündigte mich großspurig an. Ich zog
meinen Körper auf die erste Stufe nach und taumelte hochwärts. Sie würde
mir einen Kuss auf die Lippen pressen und die Rosen auf das Schränkchen
im Flur legen und dort auch liegen lassen. Denn von da hatten sie den
besten Blick auf das folgende Schauspiel. Erster Stock. Ich bequemte
mich an den Wohnzimmertisch, um kurz darauf wieder aufgescheucht zu
werden. Zeit für Beschuldigungen. Darin waren wir besonders gut. Über
die Zeit wurden wir so professionell, dass wir uns an jeder Kleinigkeit
aufhängen konnten. Und so jagten wir dann, wild gestikulierend, von
einem Zimmer ins Nächste. Zweiter Stock. Vielleicht würden wir wieder im
Bett landen, uns suhlen in dieser geheuchelten Harmonie. Wie die Ratte
scheuchte mich ein bunter Mix aus triebhaftem Instinkt und reiner
Gewohnheit die Stufen hinauf, in der Hoffnung auf einen kleinen Bissen
Käse. Dritter Stock. Nun stand ich vor der großen, zweiflügeligen,
weißgelackten Tür aus alten Tagen, den Daumen auf der Klingel
positioniert, den Blick am Rosenbündel. Schon wieder Theater. Schon
wieder Enttäuschungen. Schonwieder über schonwieder. Ich hatte keinen
Hunger mehr im Herzen; mir war einfach der Appetit vergangen. Zusammen
mit diesen Gedanken verschwand ich über den Treppenrand die Stufen
hinab. Die Rosen sahen mir hinterher, gebettet ins Gestrüpp der
Fußmatte.





Kommentare
Ich mag Deinen Stil! Schöne Wortspiele, schöner Ausdruck.
20.08.2012, 16:05 von LuiseMiller