Laylalila 30.11.-0001, 00:00 Uhr 37 34

Mr. Big, Angelo Kelly and I

“Don’t put your life in the hand of a Rock’n’Roll band” sangen schon Oasis. Warum habe ich mich nicht daran gehalten?

Wir Mädchen haben alle einen Mr. Big. Keine von uns kann das bestreiten. Denn es gibt ihn, diesen einen Menschen, der nicht gut ist und nur gut tut, damit es uns bald nicht mehr gut geht. Natürlich wissen wir, was los ist, natürlich kennen wir die Show, wir sind ja nicht dumm. Aber wir können einfach nicht anders. Es reicht ein Blick. Es reicht ein Wort, ein Lächeln, ein Hallo und alles, was gerade wichtig ist und glücklich macht, ist weg. Einfach aus unserem Hirn gelöscht. Doch jetzt habe ich es geschafft, ich habe meinem Mr. Big die Macht genommen…endlich.

Als ich 13 war, zierte Angelo Kelly lebensgroß meine Zimmertür – jeden Morgen wachte ich auf, blickte in zwei blaue Schweineaugen, hörte „I Wish I Was An Angel“ und wünschte mir, Angelo möge doch endlich kommen und mir seine Liebe erklären. Ich malte unsere Zukunft in den schönsten Farben auf Diddl-Papier, ich stellte mir vor, wie er mir auf der Bühne vor tausenden von Fans Lieder widmen würde. Ich dachte daran, wie neidisch alle anderen, daran, wie Angelo und ich zusammen auf dem Titel der BRAVO abgebildet sein würden, ich überlegte mir Namen für unsere gemeinsamen Kinder. Theresa oder Sara ohne h oder Noah mit h oder Peter sollten sie heißen. Ich hatte – und mein Tagebuch von 1997 sei mein Zeuge – nicht den geringsten Zweifel daran, dass dieser Junge und ich für einander bestimmt waren.

Meine Liebe zu Angelo Kelly verflog nach 57 unbeantworteten Briefen, 22 vergeblichen Anrufen bei seiner Plattenfirma und unzähligen Heulkrämpfen. Nach ihm kamen Paddy, Gil, Kim Frank, Nick Carter, Sascha, mein erster Freund Nil Jahnen, Lenny Kravitz und David Bowie. Dann folgten ein syrischer Zahnarzt, ein britischer Setrunner, ein holländischer Informatiker und ein drogenabhängiger Berliner. Und dann, dann kam Mr. Big.

Es war wie in meinen schönsten Mädchenträumen. Ich war 21 und stand im Postbahnhof in der zweiten Reihe beim Konzert meiner Lieblingsband, er stand zwei Meter höher an einem Keyboard. Ich sah ihn, er sah mich, wir sahen uns und wir sahen nicht mehr voneinander weg. Es war toll. Ich liebte ihn. Sofort. Ich wollte ihn heiraten, nach England ziehen, bilinguale Babys bekommen und Klavier spielen lernen. Aber dazu kam es so schnell nicht.

Wir sahen uns wieder. Dann küssten wir uns, er erzählte mir von einem Lied, das er für mich geschrieben hatte, ich lachte und nahm ihn mit zu mir nach Hause. Es war spät. Oder früh. So gegen vier vielleicht. Um sechs musste er zum Flieger. Zwei Stunden. Zwei perfekte Stunden. Die perfektesten. Natürlich schlief ich mit ihm. Irgendwo musste man ja anfangen. Danach warf er das Kondom in meinen Mülleimer unter den Schreibtisch und ging.

Ich schlief zwei Stunden, wachte auf, schrieb eine SMS. Er antwortete nicht. Dann schrieb ich noch eine und noch eine und noch eine. Dann löschte ich seine Nummer aus meinem Telefonbuch. Jeden Tag und jede Nacht dachte ich an ihn. Ein Jahr lang. Mit Bauchkribbeln. Ungelogen. Es war ekelhaft. Irgendwann hörte ich damit auf. Ich zwang mich. Ich hörte sein Album nicht mehr, ich schaltete das Radio aus, wenn seine Single gespielt wurde. Ich verliebte mich in meinen Mitbewohner, lernte von ihm Gitarre zu spielen und beschloss glücklich zu sein.
Irgendwann schickte mir Mr. Big das Lied, das er für mich geschrieben hatte – O Layla – oder La Quinta.

Da fing es an wieder anzufangen. Für eine kurze Zeit. Emails gingen hin und her, her und hin, aber eigentlich mehr hin als her. Dann kam eine her: “Will have a show in Berlin. Wanna come?“ Die Show war am zehnten April. Ich wollte hin und wollte nicht. Ich wusste, es würde wieder so sein wie vor langer Zeit, ich würde dastehen und er würde mich ansehen und ich würde nach England ziehen wollen. Aber ich wollte nicht weg aus Berlin. Ich wollte nicht mehr im Kreis gedreht werden. Ich wollte mir nicht mehr eine Liebeserklärung vor tausenden von Fans wünschen. Ich wollte nicht mehr dreizehn sein. Also ging ich nicht. So einfach war das.

Und nun brauche ich seine Musik nicht mehr, ich mag sie kaum noch und das lang erwartete zweite Album wird ohnehin überschätzt. Gekauft habe ich es trotzdem, ein bisschen in der Hoffnung, es gäbe einen Song, der mir gewidmet wurde…

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37 Antworten

Kommentare

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    verdammt konsequent!!!

    21.01.2009, 22:51 von Aloisia
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    angelo ... uaaaaa.
    aber ansonsten: bienchen!
    wenn auch verspätet.

    besten gruß

    04.05.2008, 21:00 von WesCadle
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    ich kann nichts mehr hinzufügen. es ist einfach eine wunderschöne geschichte.
    ich bin neidisch auf deine stärke, ich wär wahrscheinlich hingegangen, gekrochen.

    04.05.2008, 20:13 von tiadora
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    bin ich hier die einzige person, die sich fragt wer dieser mensch war? ich meine, aus welcher band etc.?
    schoener text. toll geschrieben. ich mags. und natuerlich kann ich mich identifizieren.
    grueße.

    04.11.2007, 20:30 von feel-unreal
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    Wow.
    Hammer.

    21.05.2007, 18:00 von LaBrit
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    achja-außerdem sprechen sie mich immer knallbumm mit ihrer überschrift einleitung an (die oasiszeile ist wirklich mal eine immerwährende vom leben gelernt aussage finde ich.schon immer.)

    11.05.2007, 16:19 von snopstar
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    gott deine texte entsprechen immer genau meinem verlangen nach: lustig,ironisch,einfach-so,wahr,tragisch,super.
    hihi.ja.muy bien,gracias

    11.05.2007, 16:17 von snopstar
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Ich habe kein Problem Mr Big zu sein.. Nur das bin ich für die falschen Mädels..

    Und übrigens, Miss Big gibt es ja auch haufig...

    30.04.2007, 20:15 von Lydiard
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    wow, verdammt guter text! und mr. big ist echt nicht zu unterschätzen - hab auch einen ;)

    29.04.2007, 16:15 von V.Kiara
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