Mono, Bahnen und Blondinen Teil I
Draußen zerfließt die Stadt im Regen. Eigentlich genau die richtige Zeit, zu verreisen.
Als sich die Türen des ICE „Salzburger Land“ hinter mir schließen, wird mir bewusst, dass es ein Fehler war. Dass Alles ein Fehler gewesen ist. Diese ganze Idee mit dem Verreisen. Dabei habe ich es noch vor einigen Tagen für eine gute Idee gehalten. Jetzt hingegen wird mir beinahe schlecht, als ich mich umdrehe und durch das kleine Fenster auf den grauen Bahnsteig hinausstarre, der gemächlich vorbeizieht. Es dauert ein wenig, bis der Zug Fahrt aufnimmt. Umso schneller er wird, verstärkt sich in mir das unscharfe Gefühl, gefangen zu sein. Gefangen in diesem Zug und in der Situation, in der ich mich befinde, im Reisen. Aber so habe ich es mir ausgesucht. Sogar gefreut hatte ich mich, einmal herauszukommen, aus allem herauszukommen, aber so richtig, und Ruhe, denke ich, da am Bullauge stehend und starrend, wollte ich suchen, Ruhe, denke ich und schaue weiter hinaus.
Schon auf dem Bahnsteig, beim Warten, begann ich ein flaues Gefühl zu bekommen, schon da, beim Warten zwischen den vielen Menschen, im Lärm der Züge, beschlich mich die leise Ahnung, dass es vielleicht keine so gute Idee gewesen war, verreisen zu wollen. Ich war wieder viel zu früh am Bahnhof. Eine gute halbe Stunde hatte ich noch bis zur Abfahrt. Genug Zeit zum Denken. Also dachte ich. Dachte nach und bekam dieses flaue Gefühl, sagte mir aber immer wieder, dass ich es mir ja nun einmal so und nicht anders ausgesucht hatte, bezahlt war die Reise auch schon und kneifen, sagte ich mir, wäre feige. Um mich abzulenken, habe ich abwechselnd mein Ticket, die Nummer des Bahnsteigs und den Inhalt meiner Brieftasche kontrolliert.
Draußen zerfließt die Stadt im Regen. Eigentlich genau die richtige Zeit, zu verreisen. Und doch bemerke ich gleich, wie ich jetzt schon meine Wohnung, die Häuser, die Art, wie die Menschen sich hier auf der Straße bewegen, diese ganze Stadt, die mir noch vor ein paar Tagen ganz verhasst gewesen ist, vermisse.
Der Zug fährt jetzt durch einen S – Bahnhof. Ich sehe Wartende. Ein Mädchen mit roter Mütze fällt mir auf. Und ein alter Mann. Und ein paar Jungs in seltsamen Blousons. Transitraum, denke ich und mir kommt Joseph Beuys in den Sinn. Der hat Bahnsteige mal als die letzten Orte identifiziert, an denen Transzendenz noch möglich sei. Ich verstehe das. Ein wenig. Das Warten, mehr noch das Betrachten des Wartens, am ehesten aber die Selbstbetrachtung beim Warten, ermöglichen das. Im Warten wird dem Menschen eine seltsame und meist unliebsame Freiheit zu Teil. Meine Selbstbetrachtung beginnt immer mit den Anderen. Ich sehe sie und beobachte sie und warte und beginne mir Leben vorzustellen, stelle sie mir vor, bin aber ich und so sind es meine Leben, zu einem Teil, Leben vor allem, die mir möglich erscheinen, so wechsle ich in ihre Rollen, nein, in die Rollen, die ich mir vorstelle, dass die Wartenden sie spielen, bin nicht mehr ich, habe eine transzendente Erfahrung. Ob er’s so gemeint haben könnte? Ich weiß es nicht. Ehrlich gesagt interessiert es mich nicht einmal. Ich glaube nur an die Aussage, dass Bahnsteige die letzten Orte wären, an denen Transzendenz möglich sei. Ich würde ihn aus heutiger Sicht nur noch ein wenig ergänzen. Durch Abflugwartehallen. Bahnsteige und Abflugwartehallen, sage ich, sind die letzten Orte, an denen Transzendenz heute möglich ist.
Ich starre immer noch hinaus in den Regen. Ein wenig schüchternes Grün ist hinzugetreten. Bäume und Hecken. Hier und da ein Fleckchen gepflegten Rasens. Die Stadt beginnt auszufransen. Altbauten sind keine mehr zu sehen, auch keine großen Mietskasernen, da draußen gibt es jetzt Gärten und Reihenhäuschen und kleine Einfamilienhäuser. Das Grauen der Vorstadt, denke ich, erinnere mich an meine Jugend, an die Zeit, die ich in so einer Vorstadt verbracht habe, an das Leben in Reihenhäuschen. Von der Furcht getrieben, dieser Gedanke könne sich in meinem Kopf festsetzen, gelingt es mir, mich vom Fenster loszureißen. Ich packe meinen schwarzen Trolley und mache mich auf die Suche nach meinem Sitzplatz. Abteil habe ich mir reserviert, zweite Klasse, die Erste kann ich mir nicht leisten. Abteil. Es ist mir nicht möglich, im Großraum zu reisen. Einen dermaßen beengten Raum mit so vielen Anderen zu teilen, ihre Stimmen und Gesichter, ihre Gegenwart ertragen zu müssen, widerstrebt mir zutiefst. Also reise ich immer im Abteil. Immer im Abteil und immer möglichst nahe bei den Rauchern, da ich rauche, Raucherabteile hingegen, in denen ich noch lieber würde reisen mögen, gibt es nicht mehr, und wenn ich keinen Platz in einem Abteil nahe bei den Rauchern reservieren kann, fahre ich erst gar nicht, davon hängt alles ab.
Natürlich bin ich mal wieder in den falschen Waggon eingestiegen. Das passiert mir immer, obwohl ich vor der Einfahrt des Zuges, mit dem ich reisen werde, meinen Standort auf dem Bahnsteig mindestens ein Dutzend mal mit der Wagenstandanzeige vergleiche, um möglichst nicht mit meinem Gepäck durch den Zug gehen zu müssen, was mir ebenso unangenehm ist, wie es mich anstrengt. Leider stimmen diese Wagenstandanzeiger nie, dennoch falle ich jedes Mal wieder auf sie herein, weil ich mir sage, dass die Bahn einen ja kaum absichtlich falsch einsteigen lassen würde, es sich also um ein Versehen handeln muss, ich immer einfach nur Pech habe, und es gerade bei den Zügen, die ich benutzen möchte, zu Unregelmäßigkeiten kommt. Nun ist es also wieder geschehen. Es ist nicht mein Waggon. Es ist sogar ganz und gar nicht mein Waggon und ich werde mit meinem Trolley durch den halben Zug laufen müssen, durch den halben Zug und durch den Speisewagen, der mir noch verhasster ist als alle Großraumabteile zusammen, durch die ich mich werde quälen müssen.
Während ich mich ein wenig ratlos daran mache, mir meinen Weg durch den ersten Waggon zu bahnen, in dem die Fahrgäste immerhin schon Platz genommen haben, so dass ich nicht immer und überall mit Anderen ins Gehege komme oder über nachlässig eben mal kurz auf dem Gang abgestellte Taschen stolpere, wie es mir gern geschieht, da ich immer ein wenig abgelenkt bin, nicht sonderlich auf irgendwas achte, vor allem nicht in Großraumabteilen, die mir ja zuwider sind und die mir, würde ich meine Aufmerksamkeit auf sie richten, geradezu körperliche Schmerzen bereiten könnten, wie ich meine, versuche ich zu verstehen, wie es soweit kommen konnte, dass ich nun hier meinen Trolley durch dieses Großraumabteil schleife, anstatt in der kleinen Wohnung unterm Dach an meinem Schreibtisch zu sitzen, in den Regen hinauszublicken und mit meiner begonnenen Arbeit fortzufahren.
Dabei war gerade diese Arbeit Schuld daran, dass ich auf die Idee gekommen war, verreisen zu wollen und jetzt hier meinen Trolley durch dieses Großraumabteil schleife, während der Zug sich gleichmäßig über die Schienen gleitend seinen Weg nach Süden bahnt, durch Regen und Sonnenschein und über Stock und Stein, durch Feld und Flur und Berg und Tal, unaufhaltsam, unnachgiebig, stur, mit wenigen Pausen, bis er sein Ziel erreicht hat, ein Ziel, welches nicht das meinige ist. Ich reise noch weiter. An diesen See, der mir so gut bekannt ist, an diesen See, an dem ich zwei Sommer lang studierte, was es sei, das Leben. An diesen See, der mir Herz und Hirn eingebrannt ist wie Monika, die wir damals alle nur Mono nannten wegen des kleinen, tragbaren Plattenspielers, den sie immer dabei hatte, obwohl er eigentlich ihrem Vater gehörte. Der spielte nur Mono. Monika. Mono. See. Sommer. Das sind die Erinnerungen, die mich verleitet haben und Schuld daran sind, dass ich jetzt hier meinen Trolley durch dieses Großraumabteil schleife. Diese Erinnerungen und meine Arbeit, die ich in Form eines rechten Wustes von voll gekritzelten Zettelchen und als Datei auf meinem Laptop mit mir führe, wie ich es immer tue, wenn ich verreise, da ich nicht ohne meine Arbeit sein kann und ich mir nichts schrecklicheres vorstellen kann, als eine Idee zu haben, eine Idee zu der Arbeit, mit der ich mich beschäftige, die Arbeit gleichzeitig jedoch nicht in Griffweite zu wissen, die Idee so nicht überprüfen, sie auch nicht einarbeiten oder sonst wie verwerten zu können.
Das Ganze ist also so gekommen: –
Ich sitze an meinem Schreibtisch und schaue hinaus, die Sonne scheint zur Abwechslung einmal, ich sitze da und denke, sitze da schon seit Tagen und denke und komme nicht von der Stelle, alles sträubt sich, kein Wort will mir gefallen, ganz zu schweigen von den Gedanken, die ich denke, alles habe ich schon versucht, sogar ausgehen, was in einer Katastrophe endete.
So gelangweilt hatte ich mich lange nicht mehr, wie mit diesem Mädchen, dass ich nach einem Seminar, an dem ich aus lauter Übermut teilgenommen hatte, kennen lernte, so eine kleine Blonde, ganz apart, nichts besonderes, große Brüste, was mich von vornherein störte, da ich diese immer anstarren musste und mir dabei vorstellte, wie es wohl sein möge, solche Brüste zu haben, also ganz eigentlich behindert zu sein, so körperlich, was Sport und Schlaf und alles anging, während es ihr gefiel, dass ich auf ihre Brüste starrte, während sie Unsinn vor sich hinbrabbelte, dass ich immer weiter starrte, so lange, bis sie dachte, ich würde sie mögen und also ihre Nummer haben wollen, die ich annahm, weil ich ganz verwirrt war von diesen Brüsten, während sie immerhin so fair war, ihren Namen mit dazu zu schreiben, den ich vergessen hatte, noch bevor ich überhaupt anfing, ihre Brüste anzustarren und etwas anderes habe ich nicht getan in den wenigen Minuten nach dem Seminar. Wir gingen aus, was trinken, wie man so sagt, und tranken, sie redete, ich langweilte mich, später ging ich mit zu ihr, hatte Sex, gar nicht mal schlechten, und fand heraus, dass sich solch große Brüste ganz gut anfassen, hatte also gar nicht so schlechten Sex, sagte es ihr aber nicht, sagte ihr stattdessen, dass es mir nicht gefallen habe, beleidigte sie geradezu, so dass sie weinte und mich rausschmiss, was ihr gutes Recht und mir sowieso das Liebste war. Angerufen hat sie nicht mehr. Mein Plan, sie möglichst schnell wieder loszuwerden, war aufgegangen. Ich hatte mich, außer beim Sex, doch zu sehr gelangweilt mit ihr und ich hasse es mich in Gesellschaft zu langweilen. Das kann ich auch ganz gut allein.
Ich sitze also an meinem Schreibtisch und denke und bin verzweifelt, weil meine Arbeit ins Stocken geraten ist und der Sonnenschein fällt durchs Fenster und ich denke an den Park, der ums Eck liegt und der nur schön ist, wenn es regnet, da leer, und wie sich dort nun, wo ich gern in den Park gegangen wäre, um ein wenig im Grünen zu spazieren, Mensch an Mensch reiht, alles voll und ganz unerträglich ist. Auch die Stadt als Stadt, als solche, hatte mich schon seit längerem angeekelt. All diese Straßen und Häuser und Autos und Gesichter. Sie regten mich nicht mehr an, ja verhinderten geradezu jegliche produktive Anregung, machten mich nervös, selbst wenn ich die meiste Zeit über allein in meiner Dachkammer an meinem Schreibtisch saß und nichts von all den Straßen und Häusern und Gesichtern mitbekam, als den wenigen Dächern, Fassaden und Zimmern, die ich von meinem Fenster aus sowieso Tag für Tag im Blick hatte, die lange Zeit gute Freunde gewesen, nun aber verstummt waren, schwiegen, mich nicht mehr, überhaupt nicht mehr inspirierten.
Während ich also so an meinem Schreibtisch sitze und denke und aus dem Fenster schaue, kommt mir plötzlich die Idee, zu verreisen, einfach so, aus dem Hinterhalt, und diese Idee gefällt mir auf Anhieb so gut, dass ich mich selbst nicht mehr zu kennen meine, weil ich sonst mindestens einen Monat darüber nachsinne, ob ich wohl verreisen sollte, was dann meistens damit endet, dass ich in meiner Dachkammer bleibe und überlege und diese Anwandlung aussitze. Dabei Reise ich gern. Am liebsten allein, natürlich, weil man sich durch das Reisen allein selbst näher kommt. Man kommt sich selbst näher und den Gegenden, die man bereist. Man steht in stetigem Dialog mit diesen und mit sich selbst, nicht aber mit einem anderen Menschen. Das ist der Unterschied.
Ich komme also auf die Idee zu verreisen, allein versteht sich, und gehe auch gleich ins Internet, lande bei den großen Städten, Rom, Paris, London, Barcelona, frage mich, wieso die einem immer zuerst in den Kopf springen, wenn man die Idee hat, zu verreisen, und verwerfe sie alle, denn ich wollte ja Raus aus der Stadt und Ruhe, vor allem Ruhe, während nichts unruhiger ist als eine dieser großen Städte, nicht nur aus sich selbst heraus, aus der Geschäftigkeit des täglichen Lebens in so einer Stadt, sondern auch und noch mehr für den, der sie besucht, der dort Urlaub machen will.
Immer zieht es einen hinaus auf die Straßen in solchen Städten, man wird ganz von Unruhe durchdrungen, hat dieses verdammte Gefühl, in wenigen Tagen alles Leben, die ganze Einzigartigkeit und alle Schätze dieser Stadt an Kunst und Architektur in sich aufnehmen zu müssen. Nichts aber ist unmöglicher. Daher die Unruhe. Große Städte kommen also nicht in Frage, ein weit entferntes Ziel auch nicht. Eine Woche habe ich mir gegeben und eine Woche ist zu wenig für mich, um in die nahe oder weite Ferne zu fahren, da ich nicht gerne fliege, lieber mit Zug oder Schiff fahre, aufgrund der Geschwindigkeit, weil man so merkt, wie die Landschaft sich verändert, die Übergänge bemerkt, eigentlich nur so wirklich reist, diese Tätigkeit ausführt und sie sich bewusst macht, sie erfährt – und nicht nur den Ort wechselt wie es passiert, wenn man fliegt. Reinsetzen, Losfliegen, Dasein. Mit Reisen wie ich es verstehe hat das nicht mehr viel zu tun. Nur die weite Ferne schafft es, mich zum Fliegen zu bringen. Und dann möchte ich Zeit haben, da, in der weiten Ferne, möchte Zeit haben, mich der veränderten Umgebung und mir, dieser Beziehung, die da entsteht, sicher zu werden. Eine Woche reicht dafür nicht hin. Ich schweife weiter, nach Osten, nach Norden, reise virtuell durch Europa, denke an die junge Frau, die Zeus becircte und ihn zu Dummheiten verführte, sinke in die Arme alter Häuser, grüner Wiesen, versinke in den Erzählungen und Geschichten, die mir zu den Bildern von Landschaften und Städten, mir selbst bekannten und nie gesehenen, in den Sinn kommen.
Irgendwann lande ich auf der Website des „Seehotels“, dessen Name mir schon nicht zusagt, „Seehotel“, dass hört sich für mich gleich so nach: wir wollen mehr, konnten es uns aber nicht leisten an, stelle mir auch gleich eine Uschi vor mit ihrem Manfred und den Kindern, zurück zu Haus, im Alltag, man trifft die Nachbarin, schon geht es los – überhaupt immer diese Nachbarinnen, die sind noch schlimmer als alle Uschis zusammen –, man trifft also die Nachbarin: „Oh, wie war es denn im Urlaub Frau so und so“ – „Sehr schön, Frau so und so, haben im „Seehotel“ gewohnt, ja, da schauen sie, mit Seeblick und Bergpanorama“. Mit einem „Seehotel will ich nichts zu tun haben, gar nichts, dennoch bin ich irgendwie auf dieser Seite gelandet und ärgere mich natürlich, ärgere mich da an meinem Schreibtisch sitzend, habe es plötzlich alles so satt, selbst das Verreisen, dieses „Seehotel“, so was verdirbt einem den ganzen Spaß, denke ich und sehe mir noch einmal das Bild an, das vom Hotel, und ja, es liegt direkt an einem See, alles andere wäre auch wirklich eine Farce gewesen, will den Computer eigentlich schon ausschalten, da sehe ich erst wirklich, was auf dem Bild ist, nicht das „Seehotel“, die Bäume, die Auffahrt, der Schriftzug, dieser ganze Vordergrund, nein, sondern der See, das Panorama, die Landschaft, der ganze Hintergrund. Wieso ist mir das nicht gleich aufgefallen, denke ich und starre auf das Photo, vorbei am „Seehotel“ und beginne in Erinnerungen zu ertrinken.
Es ist dieser See.
Dieser mir so gut bekannte See."Wichtige Links zu diesem Text"
Zum II. Teil
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