macaveli 12.11.2009, 17:59 Uhr 2 6

Monika

Als ich zu mir komme, ist es draußen schon dunkel.

Ich weiß nicht so recht wo ich bin, aber alles kommt mir so vertraut und bekannt vor. Ich fühle mich heimisch, so als wäre ich schon immer hier.

Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es gleich neun ist. Am Abend versteht sich. Ich schnalle mir meine Skates an und mache mich auf den Weg. Anscheinend bin ich noch verwirrter als ich dachte. Es ist dunkel, es ist neun, es ist arschkalt und auch draußen kommt mir die Welt wieder nur zu vertraut vor. Ich realisiere, dass ich die Gegend schon mein Leben lang kenne, dass ich hier ziemlich viel unterwegs war, dass ich jede Straße kenne und schiebe dieses Gefühl der Fremde wieder auf meine Schlaftrunkenheit und eine vorübergehende Verwirrtheit. Ich komme an einer mir bekannten Siedlung vorbei. Hier weiß ich gibt es eine menge Treppen. "Dort kann ich grinden", denke ich und weiß ich. Ich fahre in die Siedlung, fahre auf die nächsten Stufen zu und erkenne, dass die Geländer abgeschraubt sind. Ich denke mir noch "Alex, ohne Geländer grindest du dort nicht!", doch kaum habe ich diesen Satz zu Ende gedacht springe ich, ich fliege auf die gezogenen Treppen zu und setze daran zu einem technisch sauberen Soul Grind an. Ich rutsche ca. vier Meter die Treppe entlang und steige mit einem one-eighty aus dem Grind aus. "Wow" denke ich mir, "anscheinend bist doch nicht so aus der Übung wie du dachtest", als ich mir die Treppe noch einmal genauer anschaue.

Ich bin nass geschwitzt, aber ich fühle mich unheimlich wohl. Ich bin außer Atem, aber nicht so sehr, dass ich nicht noch weiter fahren könnte. Meine Skates sitzen wie eh und je und ich fühle mich 10kg leichter als sonst. Ich merke, es ist ein wirklich guter Tag. Oder ein guter Abend. Doch es zieht mich weiter. Mir fällt ein, dass ich für meine Firma noch einige Rechnungen schreiben muss, am nächsten Tag eine Deadline für ein Update eines Programms habe noch einige Mails kontrollieren wollte. Ja für meine Firma. Doch ich fahre nicht wieder heim, oder dahin wo ich hergekommen bin. Ein unbestimmtes Gefühl zieht mich in eine andere Richtung. Ich fahre ein Stück die Straße entlang und komme auf den Hof eines kleinen Wohncarrés, hier weiß ich wohnt meine Tante. Aber noch eins weiß ich. Gleich hier gegenüber wohnt mein bester Freund und zwar bei seinen Eltern. Mit ihm habe ich meine Firma gegründet. Mit ihm bin ich erfolgreich. Er wird verstehen, dass ich Nachts um zwölf noch bei ihm auftauche, weil mir noch Deadlines und Rechnungen eingefallen sind. Ich klappe den Briefkastenschlitz hoch und reiße den mit Tesafilm befestigten Ersatzschlüssel ab. Im Hausflur entledige ich mich meiner Skates und springe die Treppen bis in die zweite Etage hinauf.

Als ich die Wohnung betrete weiß ich wo ich lang muss. Anscheinend hat mich das Adrenalin vom Skaten doch nicht so wach gemacht, denn noch immer fühle ich mich verwirrt und irgendwie ist auch alles noch ein bischen Fremd. Dennoch weiß ich, dass ich hier richtig bin. Im Wohnzimmer läuft noch der Fernseher. Also gehe ich Micha's Eltern noch nen schönen Abend wünschen. Ich weiß, dass Michas Papa und mein Papa damals zusammen gearbeitet haben, sie sind gut befreundet und beide sind sie relativ erfolgreich. Doch irgendetwas nagt an mir. So Pflicht erfüllt. Ich haben nen guten Abend gewünscht. Nun kann ich hoch auf den Dachboden. In unsere "Firmenzentrale". Hier hat alles begonnen. Kurz nachdem wir das Abitur abgeschlossen haben, haben wir, also Micha und ich, ein Gewerbe angemeldet. Davor hatten wir "den besten Sommer unseres Lebens". Wir haben jede Nacht durch programmiert. Tagsüber hingen wir im Freibad und haben mit Frauen geflirtet, Musik gehört, Spaß gehabt. Nachts wieder programmiert oder Musik gemacht. Es war toll.
Kurz bevor unsere Studiensemester begannen hatten wir ein tolles Programm fertig und dachten uns, dass wir es verkaufen könnten. Heute haben wir 15 Mitarbeiter. Micha kümmert sich um die technischen Abläufe. Ich kümmer mich um das Kommerzielle und programmiere wenn ich Zeit habe mit und habe ein kleines Tool, dass ich ganz alleine technisch betreue. Ich öffne die Dachluke und lasse die Leiter herunter. Ich kletter die Leiter hoch und bin erstaunt. Nicht nur, dass Micha noch hier oben ist und am PC arbeitet finde ich komisch, noch komischer finde ich, dass Monika hier oben liegt. Sie ist auf unserer Couch und schaut mit halb geschlossenen Augen fern. Micha und Monika sind Zwillinge. Micha war schon immer mein bester Freund. Monika ist demnach sowas wie eine Schwester für mich. Ich liebe sie. Wie meine Schwester halt. Nach dem Abi ist sie nach Stuttgart, um dort Kunstgeschichte zu studieren. Jahrelang habe ich sie nur zu Weihnachten, Ostern und den Geburtstagen ihrer Eltern gesehen. Und als wir unser erstes eigenes wirkliches Büro eröffneten. Irgendwann brachte sie Christian mit. Ihren Freund. Es war schon komisch, sie mit einem Freund zu sehen. Andererseits, auch ich hatte Freundinnen. All das weiß ich. Obwohl da irgendwas im Hinterkopf brodelt. Irgendwas sagt mir, dass hier etwas faul ist.

Nun liegt sie da, mit nem dicken Bauch, aber immernoch so wunderschön wie immer. Jetzt gerade empfinde ich so viel Zuneigung zu ihr. Doch ich werde aus dieser Situation gerissen, als Micha mich anspricht.
"Alex, was machst du denn hier?"
"Mir ist noch ne Deadline und ein paar Rechnungen eingefallen, außerdem habe ich anscheinend mal wieder den halben Tag verpennt"
"Das nimmt kein gutes Ende mit dir, nimm dich bitte etwas zurück, der Erfolg ist nicht alles!"
"Jaja gewäsch, hast du gerade nen Rechner für mich?"
"Nen Rechner, hmmm, klar, dein altes Notebook liegt noch hier im Rollcontainer."
"Super, hauptsache ich komme auf meine Workstation daheim"

Ich nehme mein Notebook aus dem Rollcontainer, schmeiße es an und fühle mich wie früher, als wir noch hier oben gefrickelt haben. Doch warum kommt es mir so unwirklich vor?

"Hi Monika, wie geht es dir?" begrüße ich nun auch endlich Micha's Schwester. Ich weiß, dass Christian sie verlassen hat und sie mit dem Kind alleine lässt. Sie will es dennoch, dafür liebe ich sie, meine Unterstützung hat sie. Weiß ich, anscheinend.
"Hi Alex, abgesehen davon, dass ich wieder bei meinen Eltern wohne, geht es mir recht gut."
"Alex, ich wollt mir mal nen Bier holen, wollst du auch eins?" schaltet sich Micha wieder ein.
"Äh, jaja klar, danke" stotter ich irritiert, irgendwie habe ich mich gerade in Monikas Augen verloren.

Alex klettert die Leiter runter, die ich noch nicht wieder hoch gezogen habe. Monika und ich sind allein auf dem Dachboden. Wir unterhalten uns ein bischen. Sie macht sich darüber lustig, dass mir die Haare allmählich ausgehen. Ich verspreche ihr, dass sobald ihr Kind mehr Haare auf dem Kopf hat als ich, ich mir ne Glatze mache. Sie steht auf, ist dabei sichtlich bemüht. Sie ist so wunderschön. Sie kommt zu mir rüber, um sich meine Pläte anzuschauen. Sie beugt sich runter zu mir und betrachtet sich meine übriggebliebene Haarpracht von oben, während ich dort auf meinem alten Schreibtischstuhl sitze. Ich hebe meinen Kopf, um ihr in die Augen zu sehen. Wir zwei alleine auf diesem Dachboden. Unsere Gesichter nähern sich. Unsere Lippen berühren sich. Tausende Gedanken die durch meinen Kopf jagen. Wir küssen uns, sanft, innig, lang, ohne Zunge, nicht wie Geschwister, nicht wie Freunde, romantisch. Mir macht es nichts aus, dass sie ein Kind erwartet. Mir macht es nichts aus, dass sie die Schwester meines besten Freundes ist, in diesem Moment weiß ich, ich liebe sie. Dieser Moment hält ewig und doch nur ein paar Sekunden.
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Ich falle.
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Alles schwarz um mich herum.
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Ich wache auf. Blicke mich um. Ich weiß wo ich bin. Keine Skates in der Nähe. Nicht diese seltsame Vertrautheit. Keine Monika in der Nähe. Kein Micha in der Nähe. Nur mein Schlafzimmer. Der Wecker zeigt 6 Uhr morgens an. Ich merke, ich habe alles nur geträumt, das war dieses seltsame Gefühl die gesamte Zeit über. Ich rolle mich aus dem Bett, fühle mich 15kg schwerer. Ich gehe ins Bad und fühle mich fahler. Ich ziehe mich an, mache mir einen Kaffee. Öffne ein Fenster und springe.
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Ich falle.
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Alles schwarz um mich herum.
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Ich wache auf. Ich habe einen guten Geruch in der Nase. Meine Skates in der Nähe. Monika im Arm und eine Pauline in Sichtweite.

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2 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Hmm .. was man(n) sich alles so zurechtträumt ...

    Gut geschrieben das Ganze, Kompliment.

    13.11.2009, 09:05 von Cyro
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    Macaveli is back!

    12.11.2009, 22:13 von Steifschulz
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