Freulein_Taktlos 30.11.-0001, 00:00 Uhr 57 73

Mona. Rückwärts.

"... und wenn es doch Liebe ist?"

steht auf dem zerknitterten Zettel im Briefkasten. Kein Absender. Auch nicht nötig. Die unsaubere Handschrift ist ihr so vertraut wie die eigene. Schnell läuft sie die Treppen im Flur hinauf, immer zwei Stufen auf einmal, greift nach dem Telefon und wählt seine Nummer. Dreimal klingelt es. Dann hört sie ein Rascheln. Vorfreude im Bauch.

Winter.

„Willst du schon gehen?“ Tine liegt auf dem Bett. Die Decke ist ihr von der runden Hüfte gerutscht. Ihre Brüste liegen windschief darüber. Nackt, weich, fahl im Morgenlicht. Zwischen den Fingern hält sie den Rest einer Kippe, ein letzter Zug, dann aus.
Das Zimmer stinkt. Nach gestern, Bier und Whiskey, ausgeatmet aus staubtrockenen Mündern. Blauer Dunst lässt meine Augen tränen. „Ich muss etwas erledigen“, sage ich und kratze mich am Kinn. Eintagesbart. Meine Turnschuhe finde ich unter ihren Klamotten am Boden. Drei Schritte zur Tür. Ich drehe mich nicht um. Bevor ich die Wohnung verlasse, ein kurzes „Mach’s gut! Bis bald.“ Keine Antwort, denn wir bedeuten uns nichts. Vielleicht ist ihr Name nicht einmal „Tine“.

Ich nehme ihr Gesicht zwischen meine Hände und küsse sie. Sie schmeckt nach Vanille und noch irgendetwas anderem, undefinierbar, aber gut. Sie erwidert meine Küsse. Mit geschlossenen Augen dreht sich der Raum angenehm im Rausch. Ich spüre, wie sie mich aufs Bett zieht, lasse es zu und fasse in ihr Haar. Gierig berühren wir unbekannte Haut, verweilen und verlieren uns ineinander. Licht fällt durch milchiges Glas ins Zimmer. Nackt liegt sie vor mir. Ihre Haut ist heller als Monas. Ihre Augen dunkler. Sie ist größer. Vielleicht 10 cm. Vielleicht auch nur 8. Mona gefällt mir besser. Verfluchte Gedanken. „Verschwinde!“, sage ich zu mir selbst und meine damit Mona in meinem Kopf. Ich beiße mir auf die Lippe und versuche durch den stechenden Schmerz, alle anderen Gedanken zu verdrängen. Der Geschmack von Eisen lässt mich vergessen. Es dauert ein wenig, dann funktioniert es. Die Erinnerung verblasst. Die Nähe unserer Körper und der Alkohol im Blut sorgen für den Rest. Ich will sie. Nicht Mona. „Wie heißt’n du?“, frage ich als ich mich über sie lege. „Tine.“, antwortet sie.

„Hast du Bock, was zu trinken?“ Die Musik dröhnt laut, den Bass spüre ich in der Brust. Ein zweiter Puls. „Was?“. Sie scheint mich nicht verstanden zu haben. Kein Wunder in diesem Dezibelbereich. Ich fasse sie an der Hand und ziehe sie zur Theke. Das versteht sie. Wir sitzen lange an der Bar. Sie redet. Über Gott und die Welt, die Uni, einen Prof, mit dem sie mal was hatte, ihren Ex und den Hund. Ich nicke an passenden Stellen, tue interessiert und bestelle im Viertelstundentakt Getränke. Meine Absichten werden mit jedem Glas deutlicher. Ich gebe mir nicht die Mühe, ihr etwas vorzumachen. Meine Hand liegt auf ihrem Bein. Ein viel zu kurzer Rock. „Lass uns gehen!“, flüstere ich ihr ins Ohr. „Zu mir oder zu dir?“, kichert sie.

Herbst.

„Ich habe dir die Zahnbürste in die Jackentasche gesteckt. Die hattest du  vergessen.“ „Hmmm….“ Zur Bestätigung und als Danke klopfe ich ein, zwei Mal mit der Hand auf die Tasche. „Also dann….“ „Hmmmm, tja, ja also…“, stammelst du. Nichts passiert. Wir stehen uns im Flur gegenüber und sehen einander an. Blaue Augen gegen grüne. Unentschieden. „Ich werd‘ dann mal…“ „...und es ist wirklich in Ordnung so?“, fragst du. „Jaja.“, sage ich. „Es war ja klar, dass das irgendwann so kommt.“ „Ja, war ja klar. Genau.“ „Ja.“ Ich stimme zu.  Es war ja abgemacht. Nur Freundschaft, haben wir gesagt. Nicht mehr. Nur Freundschaft und ab und zu gemeinsame Nächte in deinem Bett. Spaß, haben wir gesagt. Warum auch nicht. Ein Koffer mit meinen Sachen, nur für alle Fälle. Erst im Zimmer nebenan, dann ausgepackt in deinem Schrank. Für 3, 4 Monate, haben wir gesagt. Bis einer wieder was Festes hat. Beziehung oder so. Ich drücke dir den Schlüssel in die Hand, drehe mich um und verlasse dich. Kein Wort mehr. Heute Abend trinke ich.

„Philipp, ich habe jemanden kennengelernt.“ Obwohl ich es nicht möchte, halte ich kurz inne und führe erst dann wieder die Gabel zum Mund. „Öhö“, murmele ich kauend und meine „aha“. Plötzlich fällt es mir schwer, mich aufs Essen zu konzentrieren. „Was Anständiges?“, frage ich und tue so, als würde ich an meinem Teller vorbei auf die Tageszeitung schauen. Die Buchstaben verschwimmen. Mona hat jemanden kennengelernt. „Ich weiß nicht. Wahrscheinlich.“, sagst du. „Wahrscheinlich.“, wiederhole ich stumpf. „Das heißt, ich muss … gehen?“ Ein vorsichtiger Blick vom Tisch hoch zu dir. Es kommt unerwartet und mit voller Wucht: ein Schmerz irgendwo im Bauch oder Herz oder ach… „Ich…“, und noch einmal „ich…“, ich weiß nicht, was ich sagen soll oder will. Ich möchte nicht weg? Ich mag dich? Ich sage nichts. Als ich aufstehe, um das Geschirr wegzubringen, zittern meine Knie.

Sommer

 „Philipp! Philipp! Ahhh! Hör auf!“ Kreischend schlägst du mit einem Kissen nach mir. „Philipp, du Idiot. Lass das!“ Du richtest dich auf und greifst nach Bier und Fernbedienung. Ich lasse Gnade walten und höre auf, dich zu kitzeln. Im TV läuft irgendeine unbekannte Schnulze. Ich sehe dich an. Wie lang kennen wir uns jetzt schon? 8 Jahre, 9? Ein letztes Mal kneife ich dir in die Seite und als du vor Lachen Bierschaum prustest, frage ich mich, ob ich je jemanden kennenlernen werde, der so fabelhaft ist wie du. Und dann, ganz plötzlich, zwischen Kissen, Couch und Fernsehen, ändert sich etwas: Mir fallen die kleinen, hellblauen Pünktchen in deiner Iris auf. Funkelnd und mir völlig neu. Vielleicht bemerkst du, dass ich dich anders ansehe als noch einen Moment zuvor. Vielleicht schaue ich auch einfach einen Augenblick zu lang hin.
Du stehst auf und gehst zum Fenster. „Was tust du da, Philipp?“, fragt mich dein Rücken. Ich habe vergessen, was meine Antwort ist. Die richtige wäre „Mona, du bist schön.“.

Frühling

„Liebe. Was ist das schon? Eine rosarote Brille und zu viele Hormone. Ein chemischer Prozess im Körper, der die Gedanken dreist überlistet. Ein halbes Jahr Spaß und dann nur noch Last.“ Wie Recht du hast. Ich hebe mein Glas und proste dir zu. „Auf meine schlaue Mona! Und auf die bittere Wahrheit!“, klirrend stoßen wir an. Wir lachen. Es ist März. Die Luft riecht nach zu viel freier Zeit und verrückter Ideen.

„So etwas wie Liebe, das gibt es gar nicht. Und wenn doch: halten wir uns davon fern! Versprochen!“

 

 

 

 

 

 

Überarbeitet. Aus 2012.

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www.facebook.de/freuleintaktlos

 

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57 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Great! Einfach gut ...

    30.12.2015, 01:17 von PetraPanoly
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  • 1

    blöd nur, dass wir alle nach diesem Hormoncocktail verlangen (ansonsten Bloddy Mary oder Cuba Libre)

    07.11.2015, 22:55 von FrankFrangible
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  • 1

    Hach, so schön <3

    26.10.2015, 13:53 von themagnoliablossom
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  • 1

    So einen guten Text habe ich lang nicht mehr gelesen. Großes Kompliment!

    19.10.2015, 12:09 von SabineK
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  • 1

    Ein Mann sagt weder Öhö noch Aha.

    Ein Mann sagt Fresse oder Olé BVB!
    Nee, sorry. Aber irgendwie sieht man dein Profilbild und weiß, dass der Text - wie das Leben - kein Ponyhof wird. Er wird uns anficken. Und das tut er denn auch in seinen - da gibts bestimmt n geniales pseudo lateinisches Fremdwort - kurz gehaltenen Hau-Drauf-Sätzen. 
    Langsam wird aber die Liebe - und insbesondere in ihrer pseudo-melancholischen Form - in diesen vielen Artikeln hier so ähnlich wie der FC Bayern im deutschen Fußball. Voraussehbar, das Ergebnis. Leidenschaftslos, das Spiel. Und somit für den Zuschauer, hier Leser, ja, sorry, taktlos. Rammstein auf die Ohren. Whiskey und Kippen klingt nach vollgepisster Toilette in der Kultbar im Glockenbachviertel. Womit wir wieder in München sind.
    Ist mein Kommentar jetzt schon eine Themaverfehlung oder verstehst du irgendwie warum der Text einen weder umhaut noch zu Tränen rührt? 

    15.10.2015, 11:30 von Filousoph
    • 2

      Verstehe ich. Es geht um die immer-wieder-hochkommende Diskussion um Liebestexte, in welcher Form auch immer.

      Jeder hat eine Meinung. Der eine mag Kitsch, der andere Haudraufsätze, ein Dritter hört bereits auf zu lesen, wenn er im ersten Satz aufs Wort "Liebe" stößt.

      Ich schreibe, wie es mir gefällt, mit Glockenbachviertel, Kippe, Rammstein und, wenn es sein muss, auch, um jemanden anzuficken (wie du's formuliert hast).

      Lies doch einfach umbekümmert! Wenn es gefällt, komm wieder! Wenn nicht, komm wieder, um Besseres zu finden!

      Es grüßt frl tkls

      P.S. Olé BVB!

      16.10.2015, 10:24 von Freulein_Taktlos
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  • 2

    Tolle Idee und schön umgesetzt, gefällt mir.

    22.09.2015, 19:30 von Corioes
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  • 1

    Wenn Frauen aus Männerperspektive schreiben, wirkt das meistens wie ein einziges Klischée.

    22.09.2015, 09:42 von Hattori-Hanzo
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    • 0

      Als Frau hätte ich das auch geschrieben. ^^

      22.09.2015, 11:32 von Hattori-Hanzo
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    • 0

      Fahrrad kaputt?

      22.09.2015, 11:34 von Hattori-Hanzo
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    • 0

      Hättest dir mal eine Ersatzklingel besorgt.^^

      22.09.2015, 11:36 von Hattori-Hanzo
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    • 0

      Das könnte im Fahrradkontext zu signalistischen Mißverständnissen führen.

      22.09.2015, 11:42 von Hattori-Hanzo
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    • 0

      Ok, ich verstehe: Velophobie

      22.09.2015, 13:22 von Hattori-Hanzo
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    • 3

      Hattori, dann muss es dir gefallen, nicht? Klischées bedienst du doch locker mit deinem Lebensmotto "Lieber einen guten Porn, als einen schlechten F*ck" ;)

      22.09.2015, 13:44 von Freulein_Taktlos
    • 0

      ^^ Schöner taktvoller Konter, allerdings schon im Mittelfeld hängen geblieben: Gegenpressing mit der Doppel-Sexchs.


      Das Lebensmotto: Rein hedonistischer Pragmatismus, total klischeefrei :-P


      22.09.2015, 13:48 von Hattori-Hanzo
    • 0

      Auch noch Fußball? Puh...du gibst dir alle Mühe oder?

      22.09.2015, 13:55 von Freulein_Taktlos
    • 0

      Mühe? Ein Ball sollte mühelos rollen, finde ich. 

      Frauen - Fußball ..ok, ok, zuviel Klischee.

      22.09.2015, 13:57 von Hattori-Hanzo
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  • 2

    brüste, die windschief auf der hüfte liegen. das irritiert mich irgendwie.

    20.09.2015, 10:13 von HerrJemine
    • 0

      Vielleicht is Tine schon was älter. Die Gravitation kann manchmal grausam zu Frauen sein.

      20.09.2015, 16:51 von mirror87
    • 0

      [bilderausmeinemkopfbilderausmeinemkopfbilderausmeinemkopfbilderausmeinemkopfbilderausmeinemkopfbilderausmeinemkopfbilderausmeinemkopfbilderausmeinemkopfbilderausmeinemkopfbilderausmeinemkopfbilderausmeinemkopfbilderausmeinemkopfbilderausmeinemkopf]

      20.09.2015, 16:56 von HerrJemine
    • 0

      ¯\_(ツ)_/¯

      20.09.2015, 16:58 von mirror87
    • 0

      ich frag mich, in welcher person das freulein taktlos steckt. und warum sie die geschichte aus sicht des typen schreibt.

      20.09.2015, 17:03 von HerrJemine
    • 1

      Nicht jede Geschichte ist autobiographisch, herrjemine ;) Vielleicht ist das Frollein aber auch Tine oder Mona oder beobachtend...

      21.09.2015, 09:34 von Freulein_Taktlos
    • 0

      natürlich nicht, aber irgendwas von einem selbst steckt doch zuallermeist mit drin. außer man beobachtet das in seinem dunstkreis. die frage macht mich halt neugierig.

      21.09.2015, 11:43 von HerrJemine
    • 2

      Bisher dacht ich immer, Titten machten dich neugierig..

      21.09.2015, 13:04 von MaasJan
    • 1

      verwechselst du neugier mit altherren-notgeilheit?

      21.09.2015, 14:49 von HerrJemine
    • 0

      ah, stimmt. ich verbind dich immer mit den falschen Dingen.

      21.09.2015, 16:52 von MaasJan
    • 1

      macht ja nix, ich hab beides im repertoire. und noch mehr!

      21.09.2015, 17:06 von HerrJemine
    • 0

      captain obvious.

      22.09.2015, 12:05 von MaasJan
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Seite: 1 2

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

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