dasLaecheln 02.01.2011, 11:47 Uhr 2 1

Momente, die die Welt anstupsen

Kennst du diese Momente? Diese Momente, die ihren Zeigefinger mit dem Daumen spannen und damit deine Welt anstupsen.

.Und selbst wenn sie im ersten Augenblick gar nicht so groß und bedeutend erscheinen, ändern sie doch etwas ganz grundsätzlich. Es sind diese Momente, bei denen man rückblickend sagt: „Das muss Schicksal gewesen sein.“

Glaubst du an Schicksal? Ich nicht. Ich denke, Schicksal ist ein Konstrukt, erschaffen aus dem sehr menschlichen Bedürfnis, in allem einen Sinn sehen zu wollen. Dabei besteht unser Leben doch nur aus Zufällen, aus einzelnen Entscheidungen, die sich möglicherweise bedingen - aber wieso sollte dahinter ein höherer Wille stecken?

Wie gesagt, ich glaube nicht an Schicksal, aber bei diesen Ereignissen, die die eigene Welt ein wenig ins Trudeln bringen, die sie auf eine etwas andere Bahn bringen - bei diesen Ereignissen fragt man sich manchmal doch, ob sie so kommen mussten, wie sie kamen. Und dann tapst man aus reiner Neugier zurück in die Vergangenheit und beginnt bei einer beliebigen Entscheidung den Gang der Dinge zu rekapitulieren.


Vor 10 Jahren habe ich eine Entscheidung getroffen, nämlich den Urlaub mit meiner Cousine zu verbringen. Wir waren 15 und in diesem Ferienlager. Nein, nicht so eins mit Flöten! Dafür haben wir Lieder gesungen in der Morgenrunde vorm Frühstück. Ich habe auch mitgesungen, bis zu dem einen Morgen an dem zwei Stühle weiter ausgerechnet der süßeste Kerl der Fahrt saß und sich Mitten im Lied zu mir drehte und sagte: „Boah, hör mal auf zu singen! Das geht ja gar nicht!“ Danach habe ich nicht mehr gesungen. Nie wieder. Höchstens mal wenn ich allein in meiner Wohnung war und der Staubsauger lief.

Aber es ging in dem Ferienlager ja nicht in erster Linie ums Singen. Es ging darum, die Geschichten zu sammeln, mit denen man 15 Jahre später in angetrunkenen Runden ein paar Lacher ernten kann. Wir rauchten unsere ersten illegal erworbenen Zigaretten und tranken schwedisches Dosenbier mit 1,5 Promille und kamen uns dabei unglaublich erwachsen vor – aber auf eine lässige Art, nicht so „modernes Antiquariat“-mäßig wie unsere Betreuer. Wir schlichen uns nachts über die Balkone in Jungszimmer und spielten Flaschendrehen – und am Ende saßen wir da: albern kichernd Mädchen mit schamvoll verknoteten Gliedmaßen um den halbnackten Körper; die Jungs betont lässig, aber aus gutem Grund noch in Jeans. Wir versuchten uns an verwegenen Blicken über Sonnenbrillenränder hinweg, aus denen sehr bald verstolperte Zungenküsse wurden, denn irgendwie wussten wir alle, dass wir nur diesen einen Sommer haben würden. Und mit „wir alle“ meine ich „alle außer ich“.

Ich weiß nicht, ob es an dem herausgewachsenen Kurzhaarschnitt lag, zu dem mich meine Frisörin – Gott hab sie selig - 3 Monate zuvor überredet hatte, oder an meiner Vorliebe für übergroße Karohemden – jedenfalls hatte keiner der Jungs Interesse, sich mit mir an ein paar klammen Fummelübungen hinterm Poolhaus zu versuchen. Ich kam mir vor wie das hässliche Entlein – nur das ich mir nach diesem Urlaub sicher war, keine Schwangene in mir zu tragen.
Und trotzdem habe ich es nie bereut, denn bei dieser Fahrt habe ich Annika kennen gelernt. Und obwohl für gewöhnlich nach solchen Jugendfreizeiten die vielen ausgetauschten Adressen und Telefonnummern und Kontakthalteversprechungen beim ersten Schulklingeln nach den Ferien im Papierkorb des Alltags landen, schafften Annika und ich es, eine lockere Freundschaft zu pflegen, trafen uns ab und an auf ein Eis und luden uns fortan zu unseren Geburtstagen ein. So auch im Sommer zwei Jahre später.


Ich habe ein bisschen mit mir gehadert, ob ich zu dieser Feier gehen sollte. Es war ihr 18. Geburtstag, also Pflichtprogramm. Aber ich wusste, dass ich außer ihr niemand auf dieser Party kennen würde, und man weiß ja, dass man den Gastgeber bei solchen Gelegenheiten nur sieht, wenn man sich von ihm verabschieden will und er sagt „Och, jetzt hatten wir gar keine Zeit zu quatschen.“. Und obwohl es mir in der Zwischenzeit gelungen war, mit Hilfe einer neuen Frisörin doch ein paar Schwanenanteile in mir hervorzukitzeln, und ich so etwas wie aufkeimendes Selbstbewusstsein entwickelt hatte, war ich weit davon entfernt, unbesorgt auf so einer Veranstaltung alleine aufzulaufen.

Ich tat es trotzdem – aus einem mir nicht mehr erinnerlichen Grund in einem bauch- _und_rückenfreien Top, mit zitternden Händen und mindestens drei Schichten Lidschatten zu viel. Ich kam mir schon irgendwie blöd vor wie ich da in der Tür stand, so ganz alleine, und mich angestarrt fühle, obwohl mich eigentlich niemand beachtete. Aber ich habe es nicht bereut, hingegangen zu sein, denn wie der Zufall so spielt, lernte ich auf dieser Party meinen ersten langjährigen Freund kennen.


Wenn langjährige Beziehungen zu Ende gehen, beschreibt sie jeder ein paar Monate später gleich: Höhen, Tiefen, blabla. Auch wenn es zutrifft, sagt das eigentlich gar nichts aus. Aber was für die Toten gilt, gilt auch für tote Liebschaften, nämlich dass man nicht schlecht über sie reden soll. Darum nur so viel zu der meinigen: Wir hatten unsere Höhen und Tiefen. Schlussendlich war ich es irgendwann leid, mir vorwerfen zu lassen, ich ruiniere unsere Haushaltskasse, wenn ich mir weiterhin diese teuren Paprika kaufe – dabei waren die nicht mal bio!

Aber ich habe diese Beziehung nie bereut - unter anderem deshalb weil er mich mit seiner Begeisterung für Naturwissenschaften angesteckt und so dazu beigetragen hat, dass ich mich entschied, Medizin zu studieren. Und wenn ich nicht Medizin studiert hätte, hätte ich mir auch nicht diese Doktorarbeit an der Uniklinik gesucht.


Ich war ziemlich motiviert, als ich dort anfing. Klang ja auch alles sehr vielversprechend, was vor allem heißt: schnell fertig zu stellen. Aus schnell wurde nichts, und aus Fertig-Stellen bis heute auch nicht. Als ich die 250ste der am Anfang geplanten 100 Blutproben aufbereitete, malte ich mir aus, wie ich meinen Betreuer mit in eins dieser winzigen Reagenzgefäße stopfen und dann die Zentrifuge genüsslich auf 10.000 Umdrehungen pro Minute hochdrehen würde. Ich war mehrmals kurz davor, Karriereplanung und gute Erziehung für 2-3 Minuten zu vergessen und ihm die ganzen Unterlagen auf den Schreibtisch zu knallen mit einem „Mach deinen Scheiß doch alleine!“
Aber, weißt du, mittlerweile bin ich ganz froh, dass ich dabei geblieben bin, denn sonst hätte ich Heike nie getroffen bei der Weihnachtsfeier.


Zwei Tage zuvor hatte ich diesen dämlichen Fahrradunfall - den einzigen, für den ich nicht die minderwertigen Fahrkünste der Kölner Autofahrer verantwortlich machen konnte. Nein, es war einer der Unfälle, die mit dem Gedanken „Liegt ganz schön viel nasses Laub hier rum.“ beginnen, und damit enden, dass man in einer Pfütze liegt neben seinem Fahrrad, das einen vorwurfsvoll aus dem herunterbaumelnden Vorderlicht anschaut. Die nächste Woche konnte ich kaum laufen, aber im Nachhinein bin ich aber ganz froh über den Unfall: Der Knieprellung verdanke ich, dass ich auf der Weihnachtsfeier mit Heike ins Gespräch kam, denn Heike humpelte auch. Sie hatte eine Meniskus-OP hinter sich. Also hinkten wir auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt stereosynchron hinter den anderen her und amüsierten uns prächtig. Und deswegen bin ich froh über das nasse Laub auf der Straße. Und darüber, dass Heike kein Yoga gemacht hat oder Synchronschwimmen sondern immer nur verletzungsträchtige Sportarten wie Handball.


Heike war nämlich diejenige, die mich ein halbes Jahr später fragte, ob ich mit Fußball schauen komme. WM. Achtelfinale gegen England. Bei einem Kumpel von ihr. Sie wollte mich aufheitern. War auch nötig: Einige Wochen zuvor hatte ich bei einem Konzert diesen Typen kennen gelernt. Endlich mal jemand bei dem ich dachte „Hey, das wird was!“.
Dachte er nicht.

Die Tage danach versuchte ich, den Frust mit 300g-Milka-Noisette-Tafeln und einer halben Packung Tiramisu-Eis zum Platzen zu bringen, doch der Frust erwies sich stärker als mein Magen. Deshalb lud ich am Wochenende Jack Daniel und Johnny Walker ein; sie sollten den Frust endgültig aus dem Weg räumen. Sie weigerten sich - aus Gewissensgründen. Es gefiel ihnen besser, stattdessen mich dazu zu bringen, morgens um 4 Uhr mein Nachtlager auf den Balkon zu verlegen – im Nieselregen!

Aber auch wenn es mir damals mies ging und ich mir eine Erkältung zuzog, bin ich mittlerweile froh darüber, dass dieser Typ nur die angebrochene Packung Eis bei mir hat liegen lassen und nicht sich selbst. Denn sonst hätte Heike ja keinen Grund für ihre Aufheiterungsmaßnahmen gehabt und hätte mich nicht mit zum Fußballgucken geschleppt. Achtelfinale gegen England. Im Garten. Bei dir. Und dann wären wir uns vielleicht nie über den Weg gelaufen.

Obwohl, wenn das Schicksal es gewollte hätte... Naja, an sowas glaube ich eh nicht. Eine Aneinanderkettung von Zufällen. Es hätte ja auch alles anders kommen können.
Eigentlich.

Aber, weißt du, als ich an diesem Sonntag in deine Augen geschaut habe, da meinte ich für eine Sekunde das Schicksal darin aufblitzen zu sehen, wie es mir zuzwinkert.

Muss wohl eine optische Täuschung gewesen sein, denn, wie gesagt, ich glaube ja nicht an Schicksal.

Nur an Momente, die die Welt anstupsen.

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2 Antworten

Kommentare

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    Netter Tagebucheintrag.

    02.01.2011, 20:50 von nyx_nyx
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    wunderschön:) bin echt total berührt:)

    02.01.2011, 18:55 von hopeful
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